Die Seestadt wird zum "Echtzeitlabor"

4. Juli 2013, 10:06
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Eigene Forschungsgesellschaft soll Vernetzung zwischen nachhaltiger Energiegewinnung, Speicherung und Nutzungsverhalten erforschen

Wien - In der Steuerungszentrale trifft die Wetterprognose ein, dass in zwei Tagen eine Schlechtwetterfront mit deutlicher Abkühlung herandräut. Das System ruft über mehrere Innen- und Außenfühler den aktuellen Stand der Temperaturen ab - und gibt dann an die Solarkollektoren und die Speichersysteme den Auftrag, Wärmereserven zu produzieren.


In der Seestadt Aspern soll auch die Zukunft der nachhaltigen und effizienten Energienutzung erforscht werden.

Ein noch vergleichsweise einfaches Beispiel vom Wiener Stadtwerke-Energievorstand Marc Hall, wie komplexe Systeme künftig miteinander verknüpft und optimiert werden könnten. Vor allem in Hinblick auf die Energiewende wird dies auch mehr und mehr nötig sein: wenn nicht mehr vor allem ein paar große Energieproduzenten den benötigten Saft bereitstellen - sondern viele kleine dezentrale Kraftwerke nachhaltig, aber unregelmäßig Energie produzieren. Die Abstimmung und Steuerung dieser Energieflüsse wird vor allem für Großstädte mit ihrer hohen Energiedichte eine Herausforderung sein.

Genau hier setzt das neue Forschungsprojekt "Aspern Smart City Research" an, das am Mittwoch von der Wiener Vizebürgermeisterin Renate Brauner (SPÖ) präsentiert wurde. Eine Forschungsgesellschaft, die mit 20 Experten im derzeit größten Stadtentwicklungsgebiet Wiens, der "Seestadt Aspern", ein "Echtzeitlabor" betreiben soll.

Drei Gebäudetypen

Bei diesem Gemeinschaftsprojekt von Stadt Wien, Wien Energie und Siemens sollen drei Gebäudekomplexe im Normalbetrieb beforscht werden: der Bildungscampus der Seestadt, ein Wohnhaus und ein Gebäude mit gemischter Wohn- und Büronutzung.

Mehrere Faktoren sollen dabei untersucht und dann neue Lösungen entwickelt werden: die nachhaltige Energiegewinnung etwa durch Photovoltaik, Solarwärme oder Wärmepumpe - deren Speicherung - das Nutzungsverhalten der Menschen in den Häusern - und mögliche Vernetzungen.

Smarte Technologien

Anhand der daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen dann neue Applikationen für intelligente Energiesysteme und Gebäudetechnik entwickelt werden. Gesucht werden dabei Lösungen für energieeffiziente urbane Gebäude und smarte Informationstechnologien. "Nur wenn wir wissen, welche Lösungen und Produkte für welchen Mix von Gebäuden notwendig sind, können wir eine maximale Energieeffizienz erreichen", erläutert Wolfgang Hesoun, Generaldirektor der Siemens AG Österreich.

Der Hintergrund: Ob die Energiewende gelingt, wird in den Ballungsräumen entschieden. Städte verbrauchen global gesehen 75 Prozent der Energie und produzieren 80 Prozent der CO2-Emissionen. Gleichzeitig haben sie die geringsten Ressourcen an Wasser, Biomasse oder Flächen für Windkraft oder Photovoltaik. Daher werden effiziente Energieerzeugung und Nutzung sowie smarte Vernetzungen immer bedeutender werden.

Bewohner müssen zustimmen

Ein wichtiger Punkt für die Bewohner: Sie müssen informiert werden und der Auswertung der Daten zustimmen. Brauner: "Da wird sicher nicht einfach nur ein mysteriöses schwarzes Kastl in der Wohnung montiert." (Roman David-Freihsl, DER STANDARD, 4.7.2013)

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