Putsch in Ägypten: Armee stürzt Muslimbruder-Präsidenten Mursi

3. Juli 2013, 23:49
156 Postings

Die ägyptische Armee hat ihre Drohung wahrgemacht und Mohammed Mursi am Mittwochabend seines Amtes enthoben - Die Macht geht interimistisch an den Verfassungsgerichtshof - Jubel bei Mursi-Gegnern

Um 21 Uhr am Mittwochabend war es so weit: Armeechef und Verteidigungsminister Abdelfattah al-Sisi trat – umgeben von einer Reihe Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben – vor die Kameras und gab die Absetzung von Präsident Mohammed Mursi bekannt. Vier Stunden zuvor war das Ultimatum der Armee an Mursi, sich mit der Opposition zu einigen, verstrichen. Danach war die Armee an strategischen Punkten in Kairo aufmarschiert, auch von dem Büro Mursis, dessen Aufenthaltsort Mittwochabend lange unbekannt war. Schon zuvor war die Armee vor dem staatlichen TV-Sender in Stellung gegangen.

Die Menschen auf dem Tahrir-Platz begannen schon vor der Ansprache al-Sisis zu feiern und brachen dann in Jubel aus. Al-Sisi gab den "Fahrplan" der Armee bekannt: Die Verfassung sei aufgehoben, die Macht des Präsidenten gehen bis zur Wahl eines neuen Präsidenten an den Verfassungsgerichtshof und dessen Chef Adly Mansur über. Es werde eine Koalitionsregierung gebildet, ein Komitee solle mit der Verfassungsrevision beauftragt werden. Parlamentswahlen kommen später.

Der Armeechef betonte die Einigkeit des Volkes und rief zum Gewaltverzicht auf. Al-Sisi sagte, dass die Armee das Gespräch mit Morsi gesucht habe, „der nicht den Erwartungen des ägyptischen Volkes entsprochen" habe.

Mursi wehrt sich

Hunderttausende Menschen hatten auf dem Tahrir-Platz in Kairo und anderswo nach Verstreichen des Ultimatums um fünf Uhr gespannt auf eine Entscheidung gewartet. Zuerst geschah nichts – allerdings hieß es, gegen Mursi und andere hochrangige Muslimbrüder sei ein Reiseverbot verhängt worden. Dieses stand allerdings im Zusammenhang mit Ermittlungen über ihren Gefängnisausbruch während der Revolution Ende Jänner 2011.

Im Laufe des Abends wehrte sich Morsi gegen seine Absetzung. Auf der offiziellen Twitterseite des Staatsoberhauptes hieß es Mittwoch, es handle sich hierbei um einen "Putsch". Dieses Vorgehen werde von allen freien Menschen, die für ein ziviles, demokratisches Ägypten gekämpft hätten, abgelehnt. Zugleich rief er die Ägypter auf, friedlich zu bleiben und Blutvergießen zu vermeiden.

Am Nachmittag hatten die Generäle die Streitparteien zu Gesprächen einbestellt, die Muslimbrüder beteiligten sich jedoch nicht. Die Einladung al-Sisis hatte sich unter anderem an Mohamed ElBaradei gerichtet, der als Sprecher der 30.Juni-Front fungierte, die Mursi nach einem Jahr im Amt zum Rücktritt zwingen wollte. Weiters nahmen noch Vertreter der Protestbewegung Tamarod (Rebellion) sowie der Salafisten  und der muslimischen und koptischen Geistlichkeit teil.

Bei Auseinandersetzungen zwischen Opposition und Präsidentenanhängern gab es zuvor in der Nacht auf Mittwoch nahe der Universität in Kairo und in anderen Teilen der Stadt mindestens 23 Tote und rund 200 Verletzte. (guha, DER STANDARD, 4.7.2013)

 

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jubel bei den Gegnern von Präsident Mursi.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Verärgerung bei Mursis Anhängern.

  • Mursi wendet sich noch einmal an das ägyptische Volk und sagt: "Ich bin der gewählte Präsident."

  • Barack Obama ist "besorgt" über den Putsch in Ägypten.

     

Share if you care.