Die Beharrungskraft der Opferthese

Rezension3. Juli 2013, 18:23
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Cornelius Lehnguths Buch "Waldheim und die Folgen"

Geschichtsbilder ändern sich nur langsam. Das trifft insbesondere auf die Einschätzung zu, ob Österreich ausschließlich ein Opfer der Expansion von Hitler-Deutschland gewesen sei oder ob es auch einen stark "hausgemachten" Anteil, eine Mitverantwortung, gebe.

Die Antwort des auf umfassenden Studien beruhenden Buches des Frankfurter Historikers Cornelius Lenguth, "Waldheim und die Folgen", lautet: Die Opferthese, vor allem von den Widerstandskämpfern in den Reihen der SPÖ und des christlichen Flügels der ÖVP verfochten, hat als Erklärungsmuster der Ereignisse von 1938 zwar an Bedeutung eingebüßt. Aber das Eingeständnis einer Mitverantwortung hat trotz vieler wissenschaftlicher Belege den Opfermythos noch nicht verdrängt.

Der Autor schafft eine zum Verständnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts notwendige soziologische Basis - indem er für Österreich "politische Generationen" definiert, die in ihrer Haltung zum Nationalsozialismus und den Kriegsfolgen je eigenen Positionen an- oder nachhängen.

Von der vor dem Ersten Weltkrieg geborenen "Bürgerkriegsgeneration" leben nur noch wenige, aber sie gab Arbeitslosigkeit, Existenzangst und politische Radikalisierung als Erzählung an Kinder und Enkel weiter - auch als Misstrauen gegenüber der jungen, kurzen Demokratie.

Die einen sahen das Heil in der "Volksgemeinschaft", die anderen in einer Arbeiterrepublik. Dazwischen die Christlich-Sozialen, die wegen des Nazi-Putschversuchs die Errichtung des Ständestaats für gerechtfertigt hielten. Daran halten Teile der ÖVP noch heute fest.

Die in den 1940er Jahren geborenen, mit der 1968er-Rebellion zumindest optisch konfrontierten Österreicher nennt Lehnguth die "Wirtschaftswundergeneration". Warum? Weil sie, finanziell abgesichert wie keine Generation vor ihr, eine "freie Entscheidung zum politischen Engagement" hatte und damit auch das Potenzial, die Eltern, die verkrusteten Institutionen, die Große Koalition zu attackieren. Und - in weiterer Folge - Bruno Kreisky zu ermöglichen sowie neue Bewegungen wie die Grünen zu gründen.

Vor dieser, mittlerweile auch im Parlament virulenten Spannung zwischen den Generationen, explodierte 1986 die "Affäre Waldheim".

Die damals von der Volkspartei bedingungslos und gegenüber Einwendungen sogar aggressiv vertretene Opferthese wird von der heutigen Parteispitze nicht mehr aufrechterhalten, das Verdrängen durch Hochhalten der "Pflichterfüllung" zu rechtfertigen nicht mehr argumentiert.

Aber selbst in der SPÖ gewann das Eingeständnis einer Mitverantwortung nur langsam Boden - im Grunde erst, als sich Bundeskanzler und Parteichef Franz Vranitzky sich selbst angesichts der Historiker- und Mediendebatten von überkommenen Vorstellungen zu lösen begann und die Verstrickung so vieler Österreicher in die NS-Vernichtungspolitik öffentlich bekannte.

Im Mainstream der internationalen Gedächtniskultur ist Österreich laut Lehnguth bis heute nicht angekommen. (Gerfried Sperl, DER STANDARD, 4.7.2013)

Cornelius Lehnguth
Waldheim und die Folgen
Der parteipolitische Umgang mit dem Nationalsozialismus in Österreich
Campus-Verlag 2013
529 Seiten, 46,30 Euro

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    coverfoto: campus
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