Tempo 30 in Wien: "Das ist ideologiegefärbte Verkehrspolitik"

9. Juli 2013, 13:49
1726 Postings

Ist Tempo 30 bald die Regel statt die Ausnahme? Gewerbetreibende reagieren gelassen, die Wiener Taxi-Innung läuft dagegen Sturm

Tempo 30 verbessert die Situation für Radfahrer wie für Fußgänger, davon ist Wiens grüne Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou überzeugt. Die für Verkehrsfragen zuständige Stadträtin will die Zonen ausweiten. "Man muss gezielt schauen, wo Tempo 30 eine gute Idee wäre", sagte sie kürzlich im derStandard.at-Interview.

Nach der Einführung in vielen Wohngebieten sind die nächsten Testbereiche bereits festgelegt: Im Zuge der Umgestaltung der Mariahilfer Straße - sie wird teilweise zur Fußgängerzone - werden ab August die Burggasse und die Neustiftgasse im 7. Bezirk und die Gumpendorfer Straße im 6. Bezirk zu Tempo-30-Zonen. Das soll verhindern, dass sich der Verkehr von der Mariahilfer Straße auf die ohnehin schon viel befahrenen Parallelstraßen verlagert.

"Zu viele Autos in der Stadt"

Anrainer und Gewerbetreibende blicken dem "Slow Mode" noch gelassen entgegen. Martin Meytsky zum Beispiel. Er ist Mechaniker und arbeitet bei Renault in der Burggasse. "Ich sehe selten Autos, die schneller als 30 km/h fahren, es fährt alles nur 10 km/h. Schneller geht es nicht", sagt er zu derStandard.at.

Meytsky ist dafür, den Verkehr zu regulieren, denn: "Es ist Fakt, dass zu viele Autos in der Stadt fahren. Nüchtern betrachtet kann man von einem Zweckmissbrauch der Autos sprechen, sie werden zu oft für Kurzstrecken missbraucht."

Zwölf Ampeln auf einem Kilometer

Die Inhaberin von Rosi's Fußpflege in der Neustiftgasse sagt: "Wenn Sie am Nachmittag Tempo 30 fahren können, müssen Sie schon froh sein." Sie fürchtet sich davor, dass der Verkehr noch mehr werden könnte: "Wenn man die Mariahilfer Straße zur Fußgängerzone macht, werden wir im Verkehr ersticken."

Mario Heralic leitet das Restaurant Marks in der Neustiftgasse. Tempo 30 werde nicht den "Riesenunterschied" machen, meint er. "Es gibt hier zwölf Ampeln auf einem Kilometer. Ob man dann 30 oder 50 km/h bis zum nächsten Stopp fährt, ist auch schon egal." Der Gastronom glaubt nicht, dass der Verkehr weniger wird, nur weil man das Geschwindigkeitslimit nach unten setzt: "Ich bin selber Autofahrer und bin noch nie irgendwo nicht hingefahren, nur weil es eine Tempo-30-Zone ist."

"Nicht aufs Rad zwingen"

Doch sehen das alle so entspannt? "Die einzigen Verkehrsadern in dem Bezirk werden vorsätzlich blockiert. Das halte ich nicht für gut", empört sich der Obmann der Wiener Taxi-Innung, Christian Gerzabek, im Gespräch mit derStandard.at. "Es kann nicht im Sinne der Menschen sein, dass sie noch länger brauchen für alle Wege." Er kann die Entscheidung nicht nachvollziehen, gerade in den viel genutzten Straßen Tempo 30 einzuführen und aus der Mariahilfer Straße eine Fußgängerzone zu machen. "Das braucht kein Mensch, das ist alles nicht geplant. Wie soll die Zulieferung funktionieren?"

Gerzabek bezeichnet Vassilakous Verkehrspolitik als undurchdacht. "Man kann nicht alle Menschen aufs Rad zwingen. Ich bin nicht gegen Radfahrer, aber das ist eine ideologiegefärbte Verkehrspolitik."

Längere Fahrzeiten bei Wiener Linien

Der Taxi-Obmann kritisiert auch, dass es bei den Wiener Linien zu Verzögerungen kommen könnte. Diese haben ein Factsheet veröffentlicht, in dem sie vor "deutlichen Problemen" vor allem bei den betroffenen Buslinien warnen. So habe ein Feldversuch auf der Autobuslinie 26A ergeben, dass Tempo 30 die Fahrzeit auf der gesamten Strecke von rund 30 auf gut 40 Minuten verlängere. Das wiederum erzeuge mehr Kosten, weil man mehr Fahrzeuge brauche, um den Fahrplan aufrechtzuerhalten.

Ein Befürworter von Tempo 30 ist der Verkehrstechniker Hermann Knoflacher. Der emeritierte Professor der Technischen Universität Wien setzt sich seit den 1970er-Jahren für Tempo-30-Zonen in der Stadt ein. Im Interview mit derStandard.at erklärt er, warum: "Tempo 30 ist eine Geschwindigkeit, die ein Mensch noch in Eigenverantwortung bewältigt. Wir haben für höhere Geschwindigkeiten kein Sensorium und keine evolutionäre Erfahrung." (Mehr dazu im Interview: "Mit Tempo 50 nicht schneller am Ziel").

Von der Ausnahme zur Regel

Markus Gansterer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) kennt einige Argumente für Tempo 30: Verringerung des wahrgenommenen Verkehrslärms um bis zu 75 Prozent, ruhigere Wohngebiete und eine erhöhte Verkehrssicherheit. Die Forderung des VCÖ geht sogar so weit, in den Städten Tempo 30 zur Regelgeschwindigkeit zu machen. "Man muss den Mechanismus umdrehen. Da und dort soll auch Tempo 50 möglich, aber eher die Ausnahme sein", sagt Gansterer. Derzeit müsse man um jedes Tempo-30-Schild kämpfen, außerdem sei ein großer bürokratischer Aufwand damit verbunden.

Gansterer begrüßt die Umsetzung von Tempo 30 in der Burggasse, der Neustiftgasse und der Gumpendorfer Straße. "Man wird sehen, es macht auf den relativ engen Straßen durchaus Sinn." Schließlich handle es sich um Einkaufsstraßen mit viel Leben, in denen nicht die Autos dominieren sollten. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 9.7.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Man kann nicht alle Menschen aufs Rad zwingen", sagt Christian Gerzabek von der Taxi-Innung. Er ist gegen die Ausweitung der Tempo-30-Zonen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Durch die Neugestaltung der Mariahilfer Straße werden einige Straßen in der Umgebung zu Tempo-30-Zonen.

Share if you care.