Du, Herr Sektionschef

Kolumne3. Juli 2013, 18:00
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In Skandinavien und den Niederlanden wird immer mehr geduzt, im deutschsprachigen Raum ist hingegen das Sie weiter stabil

Man möchte nicht glauben, über was alles Wissenschafter gelehrte Tagungen abhalten können. Neulich in Berlin diskutierten Soziolinguisten und Grammatiker, wie die "Zeit" berichtet, das Thema Anrede, insbesondere die Frage: Du oder Sie? Das allgemeine Du ist auf dem Vormarsch. Wird es bald, dem englischen "you" abgeschaut, das Sie völlig verdrängen? Nicht ganz. Am Schluss konnte der Tagungsleiter, seines Zeichens Professor für historische Sprachwissenschaft, trotz aller Befürchtungen verkünden: Das Sie ist stabil.

Das allgegenwärtige Du hat die Studentenbewegung der Sechzigerjahre im deutschen Sprachraum eingeführt. Nicht nur die Studierenden duzten einander, man duzte auch die Professoren. Im sozialdemokratisch geprägten Skandinavien, aber auch in den Niederlanden ist das familiäre Du weitverbreitet. Ikea praktiziert es auch in Deutschland und hierzulande, nicht zu jedermanns Freude. Die Werbung duzt die Kunden, aber im direkten Gespräch sagen die Mitarbeiter trotzdem weiterhin Sie.

Freilich, neben dem skandinavischen gibt es auch noch viele andere Dus. Das Schnaps-Du: Bei Betriebsfeiern duzt in vorgerückter Stunde der Chef die Kassiererin und den Portier und stellt diese am nächsten Tag, wenn alle wieder nüchtern sind, vor das Problem, ob man nun wieder zum gewohnten Sie zurückkehren soll oder nicht. Das Bergsteiger-Du, das angeblich ab einer Höhe von tausend Metern obligatorisch ist.

In Grünau im Salzkammergut ist die Du-Grenze, wie auf der Tagung berichtet wurde, auf einer Tafel ausdrücklich angezeigt. Das österreichische Beamten-Du à la "Du, Herr Sektionschef". Sportler sind im Allgemeinen per Du, aber die Golfer haben, vornehm, wie sie sind, in dieser Frage eine Extraregelung erfunden. Es ist dies das Tages-Du, das nur während des Spiels und nur auf dem Golfplatz gilt. Danach sind alle wieder per Sie.

Kann und soll jemand, der gegen seinen Willen geduzt wird, sein Gegenüber seinerseits siezen? Ein kniffliges Problem, denn jemanden, der einen ungebeten freundschaftlich duzt, konsequent weiter mit Sie anzureden, kann als hochmütig bis verletzend interpretiert werden. Bei wirklich penetranten Duzern bleibt manchmal freilich nichts anderes übrig. Das ist dann das bei den Experten sogenannte asymmetrische Du, angewendet, wenn in einem Dialog ein Gesprächspartner Du und der andere Sie sagt. Das asymmetrische Du hat auch mit Hierarchien zu tun, etwa wenn ein Lehrer zu einem Schüler Du sagt, dieser aber umgekehrt Sie.

Aber auch beim Sie gibt es subtile Differenzen. Ein spezieller Fall ist das berühmte Hamburger Sie, das man sich etwa bei einem Dialog zwischen Helmut Schmidt und Peer Steinbrück vorstellen kann. Wollen Sie Kanzler werden, Peer? Ich freue mich, dass Sie das so sehen, Helmut. Die Kombination Sie und Vorname setzt sich auch immer mehr im Berufsleben durch, wenn beispielsweise ein Chef seine Sekretärin Hanni nennt, aber siezt.

Man kann auf wissenschaftlichen Tagungen offenbar allerhand lernen, auch für das tägliche Leben. Darunter auch, dass in deutschen Landen das Sie immer noch stabil ist. Gut zu wissen. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 4.7.2013)

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