Am Anfang war das Feuer Sänger

3. Juli 2013, 17:23
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Charles Bradley und Slidegitarristin Bonnie Raitt gastierten beim Jazzfest Wien in der Staatsoper

Wien - Wie sie von ihren Jugendjahren erzählt, als sie die Tochter eines bekannten Broadway-Könners war, bemerkt Bonnie Raitt: Man könnte im Entertainmentbusiness aufwachsen und dabei ganz leicht das Erwachsenwerden verschlafen. Wie Peter Pan eben. Der Herr, der ihr in der Wiener Staatsoper voraussang, hätte wohl gerne solch Probleme gehabt.

Charles Bradley (Jahrgang 1948) werkte große Teile seines Lebens als Chefkoch einer psychiatrischen Anstalt. Er war also ein sehr reifer Jüngling, als 2011 sein Debütalbum No Time For Dreaming erschien und die nun breite Öffentlichkeit Kenntnis nahm von diesem stilistisch aus der Zeit gefallenen Sänger. Bradleys Kunst wie Repertoire lassen ja die 1960er-Jahre nacherleben, als James Brown noch ohne Risiko in den Spagat (und retour) rutschte und Otis Redding bei einem Flugzeugabsturz (1967) zu früh verstarb.

Bradley, umrahmt von einer mit zwei Bläsern und zwei E-Gitarren (plus Bass und Schlagzeug) üppig besetzten Band, durchlebt gefühlsprallen Soul; seine Stimme hat in der Höhe jenes emphatische Feuer, das ganze Städte wärmen könnte. Brodelt der Background dann funkig, blitzt die lustschmerzvolle Intensität einer alten Epoche authentisch auf.

Von unfreiwillig heiterer Sorte ist hingegen die Showgestik. Da sind karger Moonwalk/Breakdance, reifer Hüftschwung samt autoerotischem Stangentanz ohne Stange. Und manch Choreografie erinnert an die schrullige Variante einer Karate-Etüde. Soll sein. Das Unbehagen weicht immer der Bewunderung für ein rührendes Karrieremärchen, das Bradley herzlichst auskostet: Das Konzert endet mit dem Weg zum Publikum; das halbe Parkett wird beknuddelt, bis der Bodyguard den Liebestransfer beendet.

Etwas kühler - einfach auch rein stilistisch bedingt - Bonnie Raitt. Die Blues-Rock-Folk-Lady spielt eine geschmeidig singende Slidegitarre und beschäftigt einen hellwachen Tontechniker. Jener von Bradley tat Schmerz bereitend so, als gelte es ein Flugfeld zu beschallen. Herb-ausbalanciert klang denn auch alles, und da Raitt auch vokal geschmackssicher wirkt, schaffte sie es u. a., einen subtilen Dylan-Song wie Million Miles eindringlich über die Rampe zu bringen. Insgesamt ein sehr erfreuliches spätes Staatsoperndebüt! (Ljubiša Tošic, DER STANDARD, 4.7.2013)

Donnerstag in der Staatsoper: Rebekka Bakken, 19.30 Uhr

Nachlese

Interview mit Bonnie Raitt: "Blues drückt die wahre Seele aus"

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    Hitzige Gesänge eines Herzlichen: Soulsänger Charles Bradley.

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