"Wenn man Russland nicht liebt, liebt man Schiefergas"

3. Juli 2013, 16:41
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Polen hat große Vorkommen an Schiefergas. Nach erfolgreichen Probebohrungen stehen nun die Entscheidungen über die Gewinnung an

Wien - Die Energiepolitik aller polnischen Regierungen seit dem Ende des Kommunismus zielte darauf ab, die Abhängigkeit von russischem Erdgas zu verringern. In diesem Sinne ist Polen auch in der EU aktiv. Mit der Entdeckung großer Schiefergasvorkommen eröffnen sich für das Land selbst größere Autarkiechancen.

Der neue polnische Botschafter in Österreich, Artur Lorkowski, ausgebildeter Makroökonom, hat mit seinen erst 39 Jahren schon einige wirtschaftspolitische Erfahrung gesammelt, zuletzt mit dem Schwerpunkt Energiepolitik. 2010 war er an den polnisch-russischen Verhandlungen über Gaslieferungen beteiligt. In der Vise-grad-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn), deren Vorsitz Warschau noch bis 30. Juni innehat, koordinierte Lorkowsi das Projekt eines gemeinsamen Gasmarktes der vier Länder.

42 Probebohrungen nach Schiefergas hätten in Polen bisher stattgefunden, davon seien 18 erfolgreich gewesen, berichtete Lorkowski am Mittwoch, einen Tag nach seinem Amstantritt in Wien, in einem Pressegespräch. Nun gebe es intensive Verhandlungen zwischen Regierung, Unternehmen und Gemeinden über die Verteilung der künftigen Gewinne aus der Schiefergasproduktion.

Lorkowski räumt ein, dass es angesichts der Umweltgefahren bei der Schiefergasgewinnung lokale Widerstände gibt. Landesweit befürworteten jedoch laut Umfragen 80 Prozent der Bürger diese Energieform, weil sie größere Unabhängigkeit von russischen Gaslieferungen verheiße: "Für viele Polen ist Gas gleich Russland. Und wenn man Russland nicht liebt, dann liebt man eben Schiefergas."

Diversifizierung des europäischen Gasmarktes ist auch das weiter gefasste Ziel des Visegrad-Projekts. Hier wurde unter dem polnischen Vorsitz eine Roadmap zur Integration des Gasmarktes der vier Länder erstellt. Entscheidungen zur konkreten Umsetzung sollen demnächst fallen. Damit entstehe ein zusätzlicher Abnehmermarkt für aserbaidschanisches Gas über die geplante Pipeline Nabucco West, die im niederösterreichischen Baumgarten enden soll.

Chancen für Österreich Und es würde ein echter europäischer Gasmarkt unter Wettbewerbsbedingungen geschaffen, den es derzeit wegen der Dominanz der russischen Gasprom nicht nur als Lieferant, sondern auch in den Vertriebsgesellschaften, nicht gebe, sagt Lorkowski. Davon würde auch Österreich stark profitieren. Denn: "Wenn es keinen Wettbewerb gibt, wird Österreich nie ein Gas-Knotenpunkt für Mitteleuropa werden." (Josef Kirchengast, DER STANDARD, 20.6.2013)

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