Die Liebe in Zeiten des Gasmarktes

Kommentar der anderen3. Juli 2013, 18:42
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Bigos ohne Kraut, mit Schiefergas zubereitetes Fastfood und eine Frage des Anstands

Mit Interesse habe ich den Artikel von Herrn Kirchengast ("Wenn man Russland nicht liebt, liebt man Schiefergas") vom 20. Juni gelesen, in welchem der Journalist und sein Gesprächspartner (Polens Botschafter in Österreich, Artur Lorkowski, Anm.) Gedanken über den Zustand des Gasmarkts in Europa und auch ein wenig über die Liebe austauschen.

Wir haben naiv angenommen, dass Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sowie Liebe verschiedene Kategorien seien. Offenbar haben wir uns getäuscht. Es erweist sich, dass Liebe (oder Nichtliebe), welche oft subjektiv ist, dazu berufen ist, die Qualität der Energiesicherheit in Europa zu bestimmen.

Wir haben überdies nie bemerkt, dass man sich in Warschau beim Verzehr von Bigos zuerst für die nationale Herkunft des Krauts interessiert. Es schmeckt doch, und damit basta. Aber ist es wirklich so? Vielleicht erfordern auch hier die erworbenen ethnischen Antipathien den Verzicht auf die Lieblingsspeise? Folgt man der Logik des Beitrags, so wäre der allgemeine Übergang auf ökologisch einwandfreies, auf Schiefergas zubereitetes Fastfood am optimalsten.

Wir sind überzeugt, dass Ihre Leser die sinnlichen Motive der vorgeschlagenen "Optimierung" des europäischen Gasmarktes, die man ihnen aufgrund von Vorurteilen einzureden versucht, nüchtern einschätzen. Und sie werden sich auch daran erinnern, dass im Laufe von 45 Jahren die russisch-österreichische Gaskooperation kein einziges Mal unterbrochen war.

Hier drängt sich der polnische Schriftsteller Stanislaw Jerzy Lec auf, der in seinen "Unfrisierten Gedanken" rät, "zwischen einer und der nächsten Liebe aus Gründen des Anstands eine Quarantäne mit einer dritten Liebe einzuhalten". (Sergej J. Netschajew, DER STANDARD, 4.7.2013)

Sergej J. Netschajew ist Botschafter Russlands in Wien.

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