"Politiker müssen wissen, Internet ist Ort des öffentlichen Diskurses"

3. Juli 2013, 15:42
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Experte kritisiert unbeholfenen Umgang der Parteien mit Social Media und anderen Onlinekanälen

Politische Kommunikatoren in Österreich sind nicht internetaffin genug: Zu diesem Schluss kommt der Wiener Onlinekommunikations-Experte Yussi Pick in seinem Buch "Das Echo-Prinzip". Österreichs Parteien bewiesen immer wieder ihre Tollpatschigkeit im Umgang mit dem Internet, sagte Pick bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in Wien.

Zu den prominentesten "Worst-Case-Fallstudien" zählt Pick den Facebook-Auftritt von Kanzler Werner Faymann (SPÖ), der mit 200.000 Euro Gesamtkosten, sieben Facebook-Verantwortlichen und 5.000 gekauften Freunden alles falsch gemacht habe, was man falsch machen könne.

Alte PR-Taktiken auf neuen Kanälen

Der tatsächliche Fehlgriff des Kanzlers gehe allerdings weiter als die öffentliche Kritik, urteilt Pick in "Das Echo-Prinzip". Der Kanzler habe die Chance verpasst, das Potenzial des neuen Mediums zu nutzen, und schlicht alte PR-Taktiken auf die neuen Kanäle angewandt.

"Facebook-Postings mit Presseaussendungen oder Livestreams aus Pressekonferenzen interessieren die Bürger nicht, das ist nur etwas für Journalisten", sagt Pick. "Politiker müssen aber wissen, dass das Internet ein Ort des öffentlichen Diskurses ist", sagt Pick. Die Herangehensweise "Wir brauchen Plakate, Folder und dann noch das Internet" werde den Möglichkeiten der Internet-Kommunikation nicht gerecht.

Berührungsängste und Bequemlichkeit

In Österreich gelte das Motto "Das haben wir immer schon so gemacht", was der notwendigen Kreativität im Umgang mit dem Internet im Weg stehe. Aus Angst und Bequemlichkeit würden für die klassischen Medien produzierte Textbausteine verteilt, statt stärker multimediale Taktiken wie Videos und Infografiken einzusetzen.

Letztere seien ein gutes Mittel, um eine Botschaft zu verbreiten und sie mit Zahlen zu untermauern, sagt Pick: "Infografiken sind in vielen Fällen wesentlich pointierter und verbreiten sich zudem schneller." Das beste Beispiel seien die PR-Strategen von US-Präsident Barack Obama, die etwa die wöchentlich aktualisierten Arbeitslosenzahlen mittels einer Infografik verbreiten.

Das Echo-Prinzip

Im Buchtitel spielt Pick auf das Zusammenwirken von alten und neuen Kommunikationskanälen und auf die daraus resultierende Verstärkung von Botschaften an. Ein deutliches Beispiel dafür sei die jüngste Empörungswelle um die Aussagen von Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) über den sexuellen Übergriff auf einen 14-Jährigen in der Justizanstalt Wien-Josefstadt. In diesem Fall habe ein Fernsehinterview eine Reaktion auf Twitter ausgelöst, auf die wiederum Meinungsführer in den klassischen Medien reagieren mussten.

Internet ergänzt, ersetzt aber nicht

Online-Kanäle könnten Journalisten allerdings nicht ersetzen, so Pick. "Das Internet kann allenfalls ergänzen, nie aber vollständig ersetzen." Schließlich führten immer noch 82 Prozent der verlinkten Inhalte auf Twitter zu traditionellen Medien. (juni, derstandard.at, 3.7.2013)

Yussi Pick, geboren 1982 in Wien, unterstützt NGOs, Verbände und Unternehmen im In- und Ausland bei ihrem Umgang mit Social Media und anderen Onlinekanälen und hat Lehraufträge an mehreren Universitäten und Fachhochschulen. Kürzlich veröffentlichte er "Das Echo-Prinzip. Wie Online-Kommunikation die Politik verändert" im Czernin-Verlag.

Link: Blog zum Buch

  • Wiener Onlinekommunikations-Experte Yussi Pick: "Die österreichische Parteienlandschaft ist zu tollpatschig im Umgang mit dem Internet."
    foto: toni gigov

    Wiener Onlinekommunikations-Experte Yussi Pick: "Die österreichische Parteienlandschaft ist zu tollpatschig im Umgang mit dem Internet."

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