Wie die Shoa das Gedächtnis von Familien beeinflusst hat

3. Juli 2013, 14:10
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Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs: Historiker diskutieren generationenübergreifende Aspekte

Wien - Unter dem Titel "Drei Generationen - Shoa und Nationalsozialismus im Familiengedächtnis" befasst sich die 23. Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs von 3. bis 5. Juli damit, wie der Holocaust das "Familiengedächtnis" von Tätern und Opfern geprägt hat.

Zeithistoriker Philipp Mettauer am Mittwoch bei der Eröffnung: "Es ist das Familiengedächtnis einer Familie oder mehrerer Familien. Das ist nichts Fixes. Es kommen ständig neue Informationen hinzu." Gerade die Erinnerung an die Shoa und den Nationalsozialismus müssten systemisch betrachtet werden: "Das Wissen wird nicht nur von Eltern an die Kinder weitergegeben. Geschwister, Cousins etc. tragen ebenfalls bei. Auch von der jungen zur älteren Generation Informationen fließen. Es kann Verdrängtes Vergangenes und Verschüttetes wieder auftauchen."

"Wir stehen an einer Wende"

Der zeitliche Abstand zu den Verbrechen der NS-Zeit wächst. Umso wichtiger wird das Festhalten der Aussagen der letzten direkten Zeitzeugen, aber auch die Analyse von Verhalten und Bewusstsein der Generationen ihrer Kinder und Enkelkinder. Mettauer: "Wir stehen an einer Wende, in der die Zeitzeugen des Nationalsozialismus sterben, ihr Erleben aber an die Nachkommen weitergegeben haben - ihre Vertreibung und ihre Traumatisierung." Der Zeithistoriker zitierte dazu den Begriff eines "seelischen Haftungszusammenhangs": "Die Laufzeit uneingelöster 'Kredite' kann generationsüberschreitend sein."

Diese weit über die direkten Opfer hinausgehenden Konsequenzen haben eine enorme Bandbreite. "Vielleicht entdecke ich etwas, was ich über mich gar nicht wissen will", zitierte der Wissenschafter eine Schlagzeile, die in Richtung Verdrängung deutet. Mettauer: "Man gräbt nicht gerne, wo eventuell 'Leichen im Keller' sind." Ein Beispiel: In manchen Familien in Österreich setzt die "Zählung" der ehemaligen Angehörigen dort aus, wo ein Kind Opfer der Euthanasie-Verbrechen wurde. Auf der anderen Seite gab es Holocaust-Überlebende, die mit ihren Erlebnissen ihre Kinder völlig in Beschlag nahmen.

"In der zweiten und dritten Generation geht es viel mehr um die Weitergabe von Emotionen"

Die Geschichte geht weiter: In Kinder- und Enkelgeneration vermischten sich die Nachkommen von NS-Opfern und NS-Tätern wiederum, stießen manchmal auf schockierende Inhalte ihrer Familiengeschichten. Mettauer, der sehr viel in Argentinien über die deutschsprachigen jüdischen Emigranten und ihre Nachkommen geforscht hat: "Die Trennlinien zwischen Familien verschwinden. Es gibt weniger faktisch-historisches Wissen. Das wird diffuser. In der zweiten und dritten Generation geht es viel mehr um die Weitergabe von Emotionen."

So wirken die NS-Verbrechen auch nach Jahrzehnten weiter - in der Nachkommenschaft der Millionen Opfer wie der Millionen Täter. Für sie gilt: Sie haben eine gemeinsame Geschichte, aber unterschiedliche Geschichten. Die wohl positivste Konsequenz für das Lernen aus der Geschichte äußerte gegenüber dem Salzburger Historiker Albert Lichtblau die Tochter eines Überlebenden des KZ von Mauthausen am Rande des ehemaligen Granitsteinbruchs: "Mein Vater war sehr faktenorientiert bei seinen Schilderungen. Mir brachte das ein hohes Maß an Wachsamkeit und an Aufmerksamkeit, was Fairness in der Behandlung von Menschen angeht." (APA/red, derStandard.at, 3. 7. 2013)

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