Domscheit-Berg: Die Welt braucht viele Whistleblowing-Plattformen

3. Juli 2013, 13:29
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Ehemaliger Wikileaks-Sprecher redet über PRISM, Snowden und Openleaks

Obwohl man seit langer Zeit nichts mehr von ihr gehört hab, soll die Openleaks-Plattform nach wie vor existieren. Trotzdem betont Gründer Daniel Domscheit-Berg nun in einem ausführlichen Interview mit Technology Review, dass weiter an dem Projekt gearbeitet wird. Zudem bezieht er Stellung zu den jüngst enthüllten Überwachungsprogrammen.

Domscheit-Berg nicht von PRISM überrascht

"Nein, überrascht hat mich hieran überhaupt nichts", sagt der Informatiker und ehemalige Weggefährte von Wikileaks-Gründer Julian Assange zu PRISM und Tempora. Er erinnert an ähnliche Skandale in der Vergangenheit, etwa "Echelon" oder die Abhöraffäre beim US-Telekom-Konzern AT&T.

Seiner Ansicht nach ist die einst abstrakte Problematik durch die zunehmende Vernetzung und Digitalisierung nun aber greifbarer. Die öffentliche Debatte ist nun umso wichtiger, da die Überwachung ein bisher ungekanntes Ausmaß angenommen hat und Menschen "allgegenwärtig" digitale Spuren hinterlassen.

Bezweifelt Selbstlosigkeit von Wikileaks

Dass Snowden seine Informationen nicht online publiziert, sondern sich an die Washington Post und den Guardian gewandt hat, versteht Domscheit-Berg – auch angesichts der Risiken einer digitalen Übertragung angesichts der Überwachungsmöglichkeiten.

Ob er selbst als ehemaliger Wikileaks-Sprecher von den Behörden verfolgt worden ist, weiß er nicht. Ihm sei nichts bekannt, er weist jedoch darauf hin, dass es auch nichtöffentliche Untersuchungen gibt. Er verließ Wikileaks 2010 im Streit mit Julian Assange.

Dass Wikileaks Snowden nur des Anliegens wegen geholfen hätte, bezweifelt Domscheit-Berg. "Die Art und Weise, wie Wikileaks kommuniziert, die Umstände um den 'Safepass' aus Ecuador und einige weitere Entwicklungen legen allerdings nahe, dass es nicht unbedingt nur im die Sache geht", so der Whistleblower gegenüber Technology Review. Auch die Sorge um die eigene Wahrnehmung dürfte seiner Einschätzung nach eine Rolle gespielt haben.

Salami-Taktik besser als große Leaks

Snowdens Strategie, nicht alle Informationen auf einmal preiszugeben, sondern nur Stück für Stück, begrüßt er. Wird eine große Menge an Daten auf einen Schlag veröffentlicht, birgt das seiner Meinung nach das Risiko, dass ein einzelner Fehler alle Aussagen angreifbar macht. Ein großer "Datendump" kann zudem dazu führen, dass plötzlich über den spektakulären Leak selbst mehr berichtet wird, als über die enthaltenen Informationen.

Wie man letztlich heikles Material am besten in Umlauf bringt und an die Öffentlichkeit trägt, wird man laut Domscheit-Berg erst noch lernen müssen.

Openleaks ist nicht tot

Dass um Openleaks für Jahre praktisch Funkstille herrscht und auch die Homepage seit geraumer Zeit nicht mehr erreichbar ist, erklärt Domscheit-Berg mit "komplementären Projekten", an denen man arbeite. Das Projekt lebe aber nach wie vor, man wolle bei der Umsetzung aber auf die Integration der Öffentlichkeit verzichten, um sich nicht ihrem Meinungsdruck auszusetzen.

Man sei "immer noch aktiv dabei", andere mit dem eigenen Wissen zu unterstützen. Domscheit-Bergs Ansicht nach gibt es kein Whistleblowing-Projekt, das jeden Bedarf erfüllen kann. Stattdessen braucht es "viele solcher Plattformen, die auf möglichst robusten Beinen stehen" und ihre Kompetenzen ausspielen. (red, derStandard.at, 03.07.2013)

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    Openleaks ist nicht tot, sagt Gründer Domscheit-Berg.

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