Die "guade Wiener Söh" in der U-Bahn

3. Juli 2013, 16:58
16 Postings

Warum digitale Mauern an "Nicht-Orten" verhängnisvoll sein können, aber manchmal doch das Gute im Menschen hervorbringen

Urbanität zeigt sich besonders an sogenannten "Nicht-Orten", wie der französische Anthropologe Marc Augé diese mono-funktional genutzten städtischen Flächen genannt hat. Bahnhöfe, Flughäfen oder U-Bahn-Stationen zählen dazu - also Räume, die nicht zum Verweilen einladen, sondern nur dazu bestimmt sind, Menschenmassen möglichst schnell von einem Punkt zum anderen zu befördern.

Anonym, sprachlos und zumindest ein klein wenig verloren fühlt man sich hier. "Seien Sie achtsam! Zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Türe ist ein Spalt", bekommen etwa 1,5 Millionen Fahrgäste der Wiener U-Bahnen täglich zu hören.

"Nicht-Orte" können das Leben gefährden, scheint die unterschwellige Botschaft dieser Ansage zu sein. Und warum sonst sind an allen möglichen Ecken und Enden diese einäugigen Überwachungskameras montiert? Die U-Bahn als beliebtes Ziel von Terroristen, Sexualstraftätern und Kleinkriminellen, wie wir nicht zuletzt aus US-amerikanischen Filmen und neuerdings auch von diversen Gratisblättern erfahren durften.

Bauen von unsichtbaren Mauern

Allein schon deshalb scheint es angebracht, an "Nicht-Orten" eine analoge oder digitale Mauer um sich zu errichten. - Bevorzugt mit Buch, Zeitung oder Handy. Das kann mitunter verhängnisvoll sein. Beispielsweise vor wenigen Tagen an der U-Bahnstation "Wien-Mitte" - der Prototyp eines "Nicht-Orts, schließlich gehen hier ÖBB und Wiener Linien eine verkehrstechnische Symbiose ein.

Zeitpunkt: 19 Uhr, der nächste U-Bahn-Zug kommt voraussichtlich in sieben Minuten. Zeit genug um sich hinzusetzen, das Einkaufssackerl samt Geldbörse neben sich zu legen und eine "Handy-Mauer" um sich zu errichten. Der Zug fährt ein, Mensch, Handy und digitale Mauer steigen ein, Einkäufe und Geld bleiben einsam auf der Sitzbank zurück.

Beim Aussteigen der Ruf eines "Schwarzkapplers": "Fahrscheinkontrolle!" - Spätestens da wird bewusst: Alles liegen gelassen - Einkäufe, Karten, Ausweis und den schnöden Mammon. - Für immer weg, der Ort des Vergessens war schließlich "Wien-Mitte".

Am nächsten Tag eine E-Mail im Postfach: "Ich habe Ihr Sackerl samt Inhalt gefunden, bin morgen ab acht Uhr erreichbar und etwa um zehn im 1. Bezirk." Telefonnummer und liebe Grüße gleich darunter. Der erste Gedanke: "Der Wiener ist ja doch eine guade Söh." (Günther Brandstetter, derStandard.at, 3.7.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sitzen, warten und eine Mauer bauen.

Share if you care.