Gesichtslose Kunst als Spiel mit Geschlechteridentitäten

3. Juli 2013, 12:57
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Von der Pussy-Riot-Maske bis zur Burka: Im Quartier 21 werden Arbeiten präsentiert, die sich dem Diktat des menschlichen Antlitz entziehen

Wien - Im gesellschaftspolitischen Kontext hat sich mit den bunten Skihauben von Pussy Riot oder der Vendetta-Maske des Kollektivs Anonymous der gesichtslose Protest bereits etabliert. Dass auch im Kunstbetrieb das Phänomen der Abkehr vom individuellsten Ausdruck des Menschen zu beobachten ist, zeigt ab morgen (Donnerstag) die Ausstellung "Faceless Part 1" im Wiener Museumsquartier. Die Dichotomie aus FACEbook und gewollter Anonymität, der Identifikation durch den Überwachungsstaat und der Verhüllung des eigenen Ichs mittels Burka bildet den Rahmen für die ästhetische Durchdeklinierung einer Idee.

Bereits am Eingang werden die BesucherInnen von einer Skulptur aus sieben Überwachungskameras begrüßt, während der Film "Faceless" als Zusammenschnitt von Überwachungsaufnahmen aus London Figuren im öffentlichen Raum zeigt, deren Gesichter ausgegraut sind. Der eigentliche Zweck der Aufnahmen wird mithin ad absurdum geführt. Auch Damier Johnson aka Rebel Yuths thematisiert die politische Komponente des Phänomens, wenn er Skimasken, die unzweifelhaft an die russischen Punkprotestlerinnen von Pussy Riot gemahnen, mit afrikanischen Masken verbindet und zugleich zu modischen Objekten degradiert.

Verhüllung als Spiel mit Geschlechteridentitäten

Tanja Ostojic hat sich hingegen mit einer Burka in Militärtarnfarben im öffentlichen Raum fotografiert, während Sharam Entekabi die aus England bekannten Nacktwerbekarten von Prostituierten mit Burkas übermalt. Und schließlich bindet sich Nezaket Ekici in ihrem Videofilm eine Schicht Burka nach der anderen um, bis der Kopf als solches dem Auge des Betrachters entschwindet. Eine Kritik und eine Feier der Verhüllung der evidenten Identität zugleich, die dank der Abkehr von der eigentlichen Körperform auch stets ein Spiel mit Geschlechteridentität ermöglicht.

Klar geschlechtlich hingegen zeigt sich die Schnappschusscollage, die Frank Schallmaier aus schwulen Dateseiten zusammengetragen hat, in denen sich der erigierte Penis nebst größenverdeutlichenden Objekten als ikonografisches Motiv etabliert hat. Und so mischen sich Fetischmotive von erotisierten Masken mit den Arbeiten von Thorsten Brinkmann, der sich im Stile Vermeers als körperuneindeutiges Individuum fotografiert. Und selbst Altmeisterin Marina Abramovic ist mit einer Fotografie vertreten, in der sie eine Hälfte ihres ansonsten stets so präsenten Gesichts mit der Hand verdeckt.

Befreiung vom Fokus auf das Gesicht

"Das Gesicht ist nicht verschwunden, es ist da - aber verborgen, transformiert", so Brigitte Felderer zum Konzept der Schau, die sie mit Bogomir Doringer kuratiert hat. Die Befreiung von der Fokussierung auf das Gesicht und die damit einhergehenden Identifikationsprozesse öffnen jedenfalls die Augen des Betrachters für Form, Haltung und Aussage. Der alte Aphorismus von den Augen als Spiegel der Seele kann getrost vergessen werden und behindert nicht das genaue Sehen. (APA, 3.7.2013)

Die Ausstellung "Faceless Part 1" ist von 4. Juli bis 1. September von 13.00 bis 19.00 Uhr bei freiem Eintritt geöffnet.

Ort: Wiener Museumsquartier/Quartier 21 Freiraum

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Quartier 21

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