Debattieren auf Türkisch: Die ewige Park-Revolution

Blog2. Juli 2013, 20:26
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In einem Dutzend Parkanlagen in Istanbul diskutieren seit der Räumung des Gezi-Parks Abend für Abend die Anhänger der Protestbewegung gegen die Erdogan-Regierung. Das Thema ist frei wählbar, die Redezeit zwei Minuten - Demokratie auf Türkisch

Wenn die Polizei den Gezi-Park schließt, dann machen wir eben überall einen "Gezi-Park" auf, sagt Fırat Fıstık an einem Abend im Park gegenüber vom Fenerbahçe-Stadion in Kadiköy, der den bodenständigen Namen Yoğurtçu Parkı trägt, der Joghurtverkäufer-Park. So ist es dann auch geschehen. In einem Dutzend Parkanlagen in Istanbul wird seit der Räumung des Gezi-Parks am 15. Juni getagt - und zwar jeden Abend, sofern keine Demonstrationen am Taksim-Platz stattfinden. Unermüdlich.

An dieser Stelle ist vielleicht ein kleiner Exkurs über die Grünanlage in Istanbul notwendig, um den berechtigten Einwand zu klären, es gäbe ja offensichtlich genug Parkanlagen in der Stadt und wozu also der ganze Aufstand am Taksim-Platz. Parkanlagen gibt es in der Tat: den Gezi-Park im Zentrum, gerade noch einmal gerettet, den stets überlaufenen Gülhane-Park im Touri-Viertel Sultanahmet unterhalb des Topkapi-Palasts, den Maçka-Park in Nişantaşı, den Yildiz-Park in Beşiktaş, neue Parkanlagen am Ende des Goldenen Horns und in Moda in Kadiköy. Wirklich groß sind sie alle nicht und für vielleicht 17 Millionen Einwohner: viel zu wenige.

Gezi-Überlebende debattieren

Grünes sieht man in Istanbul aus der Ferne, auf europäischer wie auf asiatischer Seite, fährt man auf dem Bosporus herum - aber das ist ein wenig trügerisch: Es sind Alleebäume wie in Üsküdar, Friedhöfe, private Gärten der Superreichen und dann die "Wälder" am Rand der Stadt, der Belgrad Ormanı und der Elmalı Ormanı, die in Wahrheit eher auf dem Stauweg mit dem Auto als mit einem Bus zu erreichen sind und sich dann als Mega-Grillanlage entpuppen.

Zurück zum Joghurtverkäufer-Park, wo versammelt und diskutiert wird, Abend für Abend von neun bis zwölf. Die Zahl der Gezi-Überlebenden, die kommen, schwankt zwischen wenigen hundert bis über 1000 an gut besuchten Tagen. Es ist wie vorher, sagte eine junge Frau, Mitarbeiterin in einem PR-Unternehmen, wie vorher im Gezi-Park: "Wir treffen uns, wir reden, wir wollen Freiheit." Und um Politik gehe es eigentlich nicht: "Wir sind keine Politiker. Den Ruf 'Regierung, Rücktritt' haben wir immer gehört, aber das war eigentlich nie das Ziel." Doch das, so sagt die Frau, sei nur ihre Meinung, andere sehen das anders. Fırat Fıstık zum Beispiel, der Student. "Wir wollen der Lügendemokratie zeigen, was richtige Demokratie ist", erklärt er frank und frei.

Arme hoch, mit den Händen wedeln

Zwei Minuten darf jeder sprechen, Thema frei wählbar, nur diskriminierend oder rassistisch darf es nicht sein. Die Rednerliste wird zu Beginn des Abends aufgeschrieben. Dann geht es los: komplett ruhig, konzentriert, ziemlich das Gegenstück zum Trubel des Gezi-Parks in den Tagen der Besetzung. An einem Abend im Maçka-Park geht es jemand zum Beispiel etymologisch an, er wolle die Bedeutung von "çapulçu" in der allgemeinen Erdoganschen Verwendung als "Plünderer" oder "Lump" verändern, sagt der Redner; in den Sprachlexika solle künftig für "çapulçu" auch "Revoltierender" stehen. Das finden sie im Publikum, das im Dunkeln auf dem Rasen sitzt, auch gut. Deshalb Arme hoch und mit den Händen wedeln. Arme hoch und über Kreuz bedeutet dagegen: ziemlicher Schmarrn, bitte aufhören. Andere mahnen, der geplant-beschlossene Umbau des Bahnhofs Haydarpaşa auf der asiatischen Seite der Stadt (Hotel/Shopping-Mall/bissi Kulturzentrum) sei die nächste Herausforderung für die Protestbewegung. Selbstkritik verlangen andere, zwei Wochen schon herumdiskutiert, nix passiert, und jetzt kommt der Sommerurlaub und die meisten der Studenten fahren nach Hause ...

Im Joghurtverkäufer-Park haben sie zumindest schon einmal etwas beschlossen: Teams soll es geben, die in die Viertel im Umkreis gehen und jene Leute ansprechen sollen, die bisher nicht zum Park gekommen sind. Das wäre dann auch eine ganze Menge und reicht erst einmal für den Sommer. (Markus Bernath, derStandard.at, 2.7.2013)

  • Debattieren im Macka-Park.
    foto: standard/bernath

    Debattieren im Macka-Park.

  • Artikelbild
    foto: flyer/istanbuler stadverwaltung
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