Das Tier als Tool, Symbol, Freund und besserer Mensch

2. Juli 2013, 19:39
posten

Zahme Wildtiere sind nur domestiziert, "wenn genetische Selektion alle Frequenzen im Vergleich zur Wildform verschoben hat": Der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal führte die vielfältigen Beziehungen zwischen Mensch und Tier auf biologische und soziale Komponenten zurück, und er sprach quasi als Quereinsteiger auf dem allherbstlichen Philosophicum Lech.

Es gehört zu den Besonderheiten dieses Symposiums, dass neben den Philosophen auch einschlägige Fachwissenschaftr zu Wort kommen. Beim Thema "Tiere. Der Mensch und seine Natur" im vergangenen September waren es Biologen, Kulturhistoriker, Theologen und Anthropologen.

Sie griffen einige der Fragen auf, die vor allem Ethiker stellten. Denn im Kern geht es bei dem Verhältnis zwischen uns und den Lebewesen, denen wir spezifisch Menschliches mehr oder weniger absprechen, darum, wie "human" wir uns verhalten können, sollen, müssen; wie ethisch also unser Umgang mit der angeblich weniger gezähmten Natur ist.

Da plädierte etwa Eugen Drewermann gegen einen Fortschritt, dem täglich dutzende Tier- und Pflanzenarten zum Opfer fallen, und für ein Weltbild, in dem fleischliche Nahrung mit Kannibalismus gleichgesetzt wird. Da führte Daniela Strigl das Tier als "Tool" und Freund vor (Kara Ben Nemsis Rih!), als Symbol (Moby Dick!) und schließlich als besseren oder zumindest gewitzteren Menschen - gespiegelt in einer Literatur(kritik), die alle Varianten, Projektionen und politischen Verzerrungen des komplizierten Verhältnisses durchspielt. Und da verfolgte Dieter Birnbacher die Tierrechtsbewegung bis zur Aufklärung zurück und analysierte die Rechte und Pflichten, die jeweils für Mensch und Tier gelten - oder gelten sollten.

Konrad Paul Liessmann, der Leiter des Philosophicums, griff in seinem Vortrag auf zwei von ihm besonders geschätzte Denker zurück - auf Nietzsche und dessen schreckliches Erlebnis mit dem Kutschpferd in Turin und auf Günther Anders, der die Vorstellung von einer "Pathologie der Freiheit" im 20. Jahrhundert weiterentwickelte.

Zu den Traditionen der Lecher Tagung gehören die Bücher, Proceedings, die das Vorgetragene wiedergeben. Auch diesmal enthalten diese fast 400 Seiten konzentriertes Lese- und Nachdenkmaterial - ergänzt durch die Rede des Tractatus-Preisträgers Herbert Schnädelbach und dessen Würdigung durch Lech-Stammgast Rüdiger Safranski. (Michael Freund, DER STANDARD, 3.7.2013)

  • Konrad Paul Liessmann (Hg.): "Tiere. Der Mensch und seine Natur". Zsolnay-Verlag, Wien 2013
    cover: zsolnay-verlag

    Konrad Paul Liessmann (Hg.): "Tiere. Der Mensch und seine Natur". Zsolnay-Verlag, Wien 2013

Share if you care.