"Klonen ist heute nur mehr eine Fußnote"

2. Juli 2013, 19:33
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Forscher würden oft die Publikationen ihrer Konkurrenten blockieren, meint Stammzellen-Forscher Austin Smith - Warum er neue Bewertungskriterien wissenschaftlicher Arbeiten fordert, sagte er Fabian Kretschmer

STANDARD: Im Mai ist es Forschern erstmals gelungen, embryonale Stammzellen zu klonen. Die "Süddeutsche Zeitung" feierte die Studie der Universität Oregon als "Durchbruch in der Stammzellenforschung". Wie lautet Ihre Einschätzung?

Smith: Diese Studie ist weit interessanter für die Presse als für die wissenschaftliche Gemeinschaft. Für Forscher ist das im Grunde ein sehr bescheidener technischer Fortschritt, der vollständig zu erwarten war und als irrelevant für die Entwicklung von Zelltherapien betrachtet wird. Vor zehn Jahren haben die Leute noch gedacht, dass das Klonen ziemlich wichtig sein könnte - heute ist es nur mehr eine Fußnote.

STANDARD: Wieso das?

Smith: Es waren vor allem zwei Entwicklungen in der embryonalen Stammzellenforschung, die die Entwicklung neuer Medikamente festgelegt haben: zum einen 1998, als es Forschern gelang, embryonale Stammzellen in einer Petrischale zu vermehren; und neun Jahre später, als menschliche Körperzellen wieder in Stammzellen umprogrammiert wurden. Das Klonen war nur eine Nebenfährte, an die ohnehin nicht viele Wissenschafter glaubten. Natürlich gibt es auch ein wissenschaftliches Interesse am Klonen, wie es genau funktioniert und ob wir etwas davon lernen können - das ist jedoch nur ein kleiner Bereich. Der Grund, warum es so großes Interesse weckt, hat nichts mit "Science" zu tun, eher mit der öffentlichen Idee von "Science-Fiction".

STANDARD: In der Forschung gibt es eine ganze Menge "Science-Fiction": Einige Forscher züchten Fleisch im Labor, andere wollen ganze Organe mit dreidimensionalen Druckern kreieren.

Smith: Wenn man sich diese Leute anschaut, wird man feststellen, dass sie entweder an Privatkliniken arbeiten oder in Firmen, die ihre ganz eigene Agenda vorantreiben. Nur wenige von denen könnten in der akademischen Welt überleben. Journalisten und Politiker wollen aber natürlich viel lieber Antworten hören, statt offene Fragen gestellt zu bekommen, deshalb wird solchen Leuten manchmal die Aufmerksamkeit geschenkt.

STANDARD: ... und auch renommierte Fachmagazine würden die Studien unseriöser Wissenschafter publizieren, kritisierten Sie 2009 in einem offenen Brief an die Chefredakteure der Zeitschriften. Hat sich seitdem etwas geändert?

Smith: Jein. Ich glaube, dass die Journale mittlerweile für das Problem sensibilisiert sind und zumindest einige von ihnen ihren Begutachtungsprozess verbessert haben. Die Schwierigkeit des Peer-Review-Verfahrens, bei dem andere Forscher die Ergebnisse einer Studie vor der Veröffentlichung überprüfen, ist, dass es vollständig an Außenstehende ausgehändigt wird - nämlich an Verleger, die nicht Teil der akademischen Welt sind. Es gibt eine fundamentale Dichotomie zwischen der Wissenschaft und dem Verlagswesen: Ihr Anliegen ist es, Geld zu machen, und nicht so sehr, sich darum zu sorgen, ob die veröffentlichten Studien auch korrekt sind.

STANDARD: Nur um Geld zu verdienen, müssen die Journale wissenschaftlich fundierte Studien veröffentlichen, schließlich leben sie von ihrer Glaubwürdigkeit.

Smith: Natürlich stimmt das größtenteils, aber schlussendlich lässt sich ihre Agenda mit der wissenschaftlichen Sorgfaltspflicht nicht vollständig in Einklang bringen. Nehmen wir als Beispiel die eingangs erwähnte Klon-Studie: Die wurde innerhalb von drei Tagen begutachtet, was total unmöglich ist. Eine normale Begutachtung dauert mindestens drei Wochen.

STANDARD: Wieso wurde die Arbeit in solcher Eile abgehandelt?

Smith: Das passiert nur, weil die Zeitschrift Cell - in der die Studie veröffentlicht wurde - in Konkurrenz mit Science und Nature steht. Sie werden sicher irgendeine Art von Deal mit den Autoren der Studie gehabt haben. Übrigens: Kaum eine Woche nach Veröffentlichung kam heraus, dass ein paar Zahlen der Arbeit nicht korrekt sind. Es scheint, als wären das nur kleinere Fehler, aber bei einem ordentlichen Gutachten wäre das nicht passiert. Das illustriert auch, dass die Studien, die gravierender falsch sind, ebenso potenziell durchkommen werden - und ein weiterer Skandal ist das Letzte, was das Feld gebraucht hat. Doch am Ende sind Kontroversen für die Journale ja sogar gut.

STANDARD: Was sollte sich ändern?

Smith: Das große Problem derzeit ist, dass die Arbeit vieler Forscher vor allem von der Veröffentlichung in einer kleinen Gruppe von privaten Journalen abhängt. Erst durch die Publikation bekommen sie ihre nächsten Fördergelder und Forschungsaufträge. Das übt natürlich eine Menge Druck aus. Wir brauchen intelligentere und verlässlichere Wege, um die Arbeit von Wissenschaftern zu beurteilen. Die Fachzeitschriften würden jedoch niemals ihre Macht aufgeben, zu ihren Bedingungen zu entscheiden, was sie veröffentlichen wollen - übrigens im Gegensatz zu einigen akademischen Fachzeitschriften.

STANDARD: Ebenfalls behaupteten Sie damals, dass Gutachter Veröffentlichungen von Konkurrenten teilweise verzögern oder gar verhindern würden.

Smith: Auch das kann vorkommen. Das ist zwar sehr hart zu beweisen, weil das Peer-Review-Verfahren anonym ist, aber wenn man mit Wissenschaftern redet, wird Ihnen jeder eine Geschichte von einer Begutachtung erzählen, die komplett unfair war. Bei manchen Gutachten ist klar, dass die Leute nur deine Studie vernichten wollen, weil du an einem konkurrierenden Institut arbeitest.

STANDARD: Daher würden die Gutachter sorgfältig ausgewählt werden, behaupten die Chefredakteure der Magazine.

Smith: Prinzipiell ja, doch bei vielen Fachjournalen kann man einfach behaupten: "Ich mag die Studie nicht." - Und das reicht schon als Gutachten aus. Wenn der Gutachter berühmt ist, werden die Redakteure dennoch auf ihn hören, schließlich wollen sie ja seine nächste Studie veröffentlichen. Das passiert zwar nicht oft, aber ich denke, wir haben das alle schon mal erlebt. Die meisten Redakteure versuchen einen anständigen Job zu machen, aber letztendlich bleiben sie stets anfällig für diesen Druck, weil sie in einer anderen Industrie arbeiten.

STANDARD: Kommen wir zu Ihrer "Industrie": Sie verfügten bereits 1995 als einer der ersten Forscher über eine staatliche Lizenz, an Embryonen zu forschen.

Smith: In einigen Ländern wurde es so dargestellt, als hätte ich die Lizenz, um Embryos zu töten. Dabei verstehen die Leute einige grundlegende Tatsachen nicht: Über ein Prozent aller Kinder in Europa sind bereits mithilfe künstlicher Befruchtung entstanden. In diesem Prozess werden auch Embryos kreiert, die nicht für Schwangerschaften verwendet werden können, etwa weil sie zu viele sind oder nicht gesund genug. Diese Embryos sind also praktisch tot. Nun kann man so tun, als ob diese nicht existieren und sie für immer einfrieren, was auch in vielen Ländern so passiert; oder man macht vielleicht etwas Sinnvolles mit diesen Embryonen - vorausgesetzt, das Paar stimmt dem zu. Oftmals wollen sie das auch, weil sie selbst von der Forschung profitiert haben. Andere Patientinnen fühlen sich hingegen so mit ihrem Embryo verbunden, dass sie das nicht wollen. Das ist allein ihre Wahl. In Großbritannien geben wir ihnen die Entscheidungsmöglichkeit. Und um eine solche Forschungslizenz überhaupt zu bekommen, wird man jährlich inspiziert und muss ziemlich rigorose Bedingungen durchlaufen.

STANDARD: Wieso hat Großbritannien schon von Anfang an solch liberale Ansichten vertreten?

Smith: Die Antwort darauf ist eigentlich ganz einfach: Als die Möglichkeit zur künstlichen Befruchtung auftauchte, haben alle anderen Länder ihren Kopf in den Sand gesteckt und diese Entwicklung schlicht ignoriert. Als Folge dessen verlief die In-vitro-Fertilisation zunächst in rechtlich ungeregelten Bahnen. In Großbritannien hingegen gab es schon früh eine offene Debatte darüber. Es wurde bereits 1986 ein Gesetz beschlossen, welches die künstliche Befruchtung regulierte. Das war also noch vor dem Aufkommen der embryonalen Stammzellenforschung. In anderen europäischen Ländern hat diese Debatte niemals ordentlich stattgefunden.

STANDARD: Das heißt, Sie sehen in Ihrem Land keinen rechtlichen Änderungsbedarf?

Smith: Der gesetzliche Rahmen in Großbritannien ist sehr gut, und viele Länder sind unserem Beispiel gefolgt. Nichtsdestotrotz ist die Durchführbarkeit eine andere Geschichte: Es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was theoretisch erlaubt ist, und dem, was davon tatsächlich machbar ist. In Großbritannien wird nicht viel an menschlichen Embryos geforscht, einfach weil es schwierig ist, sie zu bekommen - sogar, wenn man eine Lizenz hat. Denn die Kliniken sind sehr ausgelastet und nicht besonders an Forschung interessiert. In anderen europäischen Ländern wiederum gibt es Kliniken mit einer großen Anzahl an Embryos, die sie auch gern der Forschung zur Verfügung stellen würden, nur haben sie keine Forscher dafür. Das Gesetz macht es kompliziert, denn ich darf keine Embryos aus anderen Ländern verwenden. (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, 03.07.2013)


Austin Smith (53) ist Direktor des Wellcome Trust Centre for Stem Cell Research an der Universität Cambridge. Das Institut arbeitet daran, die fundamentale Biologie von Stammzellen zu ergründen. Nachdem Großbritannien im Jahr 2002 die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen erlaubte, erhielt Smith nur wenige Tage später eine von insgesamt zwei bewilligten Forschungslizenzen. 2006 wurde er zum Stipendiaten der Royal Society gewählt. Am 28. Juni sprach Smith auf Einladung des Instituts für Molekulare Biotechnologie IMBA beim Symposion "Thinking the Unthinkable - The Future of Biology" in Wien.

  • Als die künstliche Befruchtung aufkam, hätten viele Länder einfach ihren Kopf in den Sand gesteckt, meint Austin Smith.
    foto: standard/corn

    Als die künstliche Befruchtung aufkam, hätten viele Länder einfach ihren Kopf in den Sand gesteckt, meint Austin Smith.

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