Ron Arad: "Ich muss etwas noch Schöneres schaffen!"

Interview6. Juli 2013, 12:11
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Ron Arad ist einer der bekanntesten Designer und Architekten der Welt - Wenn er nicht gerade einen neuen Sessel entwirft, zerkratzt er schon einmal ein iPad oder zerdepscht einen alten 500er-Fiat

Die Formensprache von Ron Arad wird nicht vom Computer ausgespuckt. Arad nimmt schon mal den Schweißbrenner und Vorschlaghammer zur Hand, um zu zeigen, worum es ihm geht, nämlich um reflektiertes Handwerk und organische Archaik. 1951 in Tel Aviv geboren, heute in London lebend, wurde Arad neben seinen Produkten, die er für Firmen wie Swatch, Moroso, Alessi oder Adidas entwarf, auch für Architektur und Kunst weltberühmt, so stellte er im Centre Pompidou, auf der Documenta 8, im New Yorker MoMA, oder in dem von ihm entworfenen Design Museum Holon in Israel aus.

STANDARD: Wie geht es Ihnen?

Arad: Ich komme gerade aus Venedig zurück und bin froh, ein paar Tage in London zu sein. Aber ich bin etwas müde, wobei das nicht das Schlimmste ist.

STANDARD: Was ist das Schlimmste?

Arad: Ich langweile mich so schnell.

STANDARD: Das heißt, Sie brauchen immer wieder den neuen Kick?

Arad: Ich würde es nicht Kick nennen. Kick ist so oberflächlich. Mich interessiert schon mehr als die Oberfläche. Mich interessiert eine Entwicklung, ein Fortschritt, und mich interessieren Ideen.

STANDARD: Die scheinen Ihnen nicht auszugehen - aber ganz ehrlich: Braucht die Welt noch einen neuen Stuhl?

Arad: Braucht die Welt noch einen Film? Noch eine Oper? Noch ein Gemälde? Ich verstehe die Frage nicht, das ergibt keinen Sinn.

STANDARD: Das, was Sie kreieren, ist in der Regel für eine betuchte Klientel, die meist schon alles hat - und trotzdem noch mehr will.

Arad: Der monetäre Aspekt ist mir letztendlich egal. Wie ich schon sagte: Mich interessiert es, etwas zu entwickeln. Aus einer Idee ein Produkt, ein Werk zu erschaffen. Und um beim Stuhl zu bleiben: Neue Materialien lassen neue Formen zu. Charles und Ray Eames konnten ihre Stühle nur gestalten, weil es neue Produktionsmöglichkeiten gab. Verner Panton konnte 1959 den Freischwinger nur verwirklichen, weil es erstmalig die technischen Möglichkeiten und das Material gab. Wenn ich die Chance habe, mit einem neuen Material oder einer Technik die Formensprache um einen neuen Ausdruck zu bereichern, dann werde ich diese Chance nutzen.

STANDARD: Und darauf hoffen, einen weiteren Klassiker zu gestalten?

Arad: Darauf hoffen eigentlich nicht, das ist nichts, was ein Designer mitkalkulieren kann oder sollte. Ob ein Möbel das Potenzial zum Klassiker hat, zeigt sich erst viele Jahre später. Man darf sich nicht von so etwas verführen lassen. Das ist ähnlich wie bei Hotelprojekten - das Schlimmste ist der Slogan: "home away from home". Wenn ich zu Hause sein will, dann bleibe ich zu Hause. Wenn ich weg von zu Hause bin, will ich Inspiration - ohne zum Versuchskaninchen zu werden.

STANDARD: Was meinen Sie mit Versuchskaninchen?

Arad: Dazu werde ich, wenn ich im Hotel 20 Minuten brauche, um das Licht auszumachen, weil sich jemand völlig neue Lösungen überlegt hat, die nur er versteht.

STANDARD: Aktuell haben Sie sich für das Biennaleprojekt "Last Train" von Steinmetz Diamanten unterstützen lassen, für die Ausstellung in Holon kooperieren Sie mit Fiat. Geht nichts mehr ohne die Unterstützung von Firmen?

Arad: Die Geschichte zum Fiat 500 in Holon ist eine sehr persönliche. Und jeder, den ich auf das Auto angesprochen habe, hatte eine Geschichte parat. Es ist ja nicht so, dass ich als Künstler wahllos die Angebote von Firmen einhole und realisiere. Bei Steinmetz Diamanten wurde ich angesprochen, in Venedig eine Idee umzusetzen - mit einer Carte blanche. Das hat mich gereizt, zumal ich die Geschichte von "Last Train" schon im Kopf hatte. Der Luxusaspekt war und ist mir egal.

STANDARD: Dann erläutern Sie doch kurz die Geschichte.

Arad: Ich habe die Künstler Ai Weiwei, Antony Gormley, Francesco Clemente, Gavin Turk, Christian Marclay, David Shrigley, Cornelia Parker, Sara Fanelli, Sue Webster and Tim Noble, Robert Wilson, Richard Wilson und Leandro Erlich angesprochen, ein iPad zu zerkratzen. (lacht)

STANDARD: Das war es? Und daraus wird Kunst?

Arad: (lacht) Der Hintergrund ist schlimmer: Ich stand in Neapel am Bahnhof und hatte meinen Zug - den letzten - verpasst, als ich einen jungen Mann beobachtete, der ins Fenster eines stehenden Waggons Liebesschwüre kratzte. Jeder von uns, der in einer Großstadt lebt, hat das alltäglich vor Augen - in Bussen, U-Bahnen und so weiter - zerkratzte Scheiben mit Nachrichten und mit Tags, diesen Kürzeln, die für eine Person stehen. Viel Liebe und viel Hass werden da in das Glas geritzt. Liebe ... Früher hat man die in Baumrinden geschnitzt. Das kam mir in den Sinn, nicht teure Diademe.

STANDARD: Und die Zerstörung öffentlichen Eigentums ist egal? Das frage ich jetzt als Moralapostel.

Arad: Natürlich nicht, aber dass ich mich davon inspirieren lasse, macht mich dafür nicht verantwortlich.

STANDARD: Nach der Inspirationsquelle bitte noch eine kurze Erläuterung zum technischen Ablauf.

Arad: Ich habe einen Ring für das Projekt entworfen, und das, was die Künstler auf dem iPad machen, wurde zeitgleich auf Glas in der Ausstellung übertragen. Ferngesteuerte Kunst sozusagen. Was mich besonders freut: Ai Weiwei war zur Eröffnung aus China zugeschaltet, ist dort am iPad gesessen, und in Venedig wurde sichtbar, was er macht.

STANDARD: Sie geben bei dieser Arbeit Ruhm an andere ab. Sind Sie gar nicht eitel?

Arad: Sogar sehr! Das ist ein unglaublicher Motor. Ich stand bei "Last Train" vor der Arbeit von Robert Wilson und war begeistert und eifersüchtig. Warum hat er so etwas Schönes geschaffen? Warum ist das schönste Stück in der Ausstellung nicht von mir? Wie ist er nur auf die Idee gekommen? Und die wichtigste Frage: Warum ist mir das nicht eingefallen? Das ist die Frage, die mir immer durch den Kopf geht, wenn ich etwas sehe, das mich begeistert. Damit ist auch klar, warum ich so gerne und viel arbeite: Ich muss etwas noch Schöneres schaffen!

STANDARD: Sie arbeiten in den unterschiedlichsten Bereichen - für Außenstehende ist das kaum nachzuvollziehen ...

Arad: Es tut mir leid, dass ich so schwer zu verstehen bin. Aber ich kenne mich, und ich wollte mich nie nur einer Profession verschreiben. Ich weiß, es wäre viel leichter für alle, wenn ich nur Design, nur Architektur, nur Kunst gestalte - oder nur Pingpong spielen würde.

STANDARD: Immerhin gibt es in puncto Materialität eine bestimmte Kontinuität ...

Arad: Sie spielen auf meinen ersten Möbelentwurf an, oder? Das war der Stuhl Rover, den ich aus Autoteilen zusammengebaut habe, bevor ich daran dachte, als Profi in die Designwelt einzusteigen. Sie spielen auch darauf an, dass ich in Holon mit Fiat zusammenarbeite und aus dem 500er Objekte mache. Die maßgebliche Entwicklung der vergangenen 15 Jahre im Design hat in der virtuellen Wirklichkeit stattgefunden - das ist ein Ammenmärchen, aber ich bin auch kein Native (Native bezeichnet die Generation, die mit Internet aufgewachsen ist, Anm.). Damit hat sich auch die Kontinuität bezüglich meiner Materialauswahl erledigt. Das Web hat alles verändert.

STANDARD: Die subjektive Wahrnehmung bleibt aber, auch im Design - der Kreative dahinter kann schließlich nicht aus seiner Haut.

Arad: Dann verraten Sie mir einmal, wer das sonst kann.

STANDARD: Es stellt sich die Frage nach der Auswirkung in der Darstellung für eine Öffentlichkeit. Sie mögen Autos. Autos sind ein heikles Thema bei den Auswirkungen auf das Klima, bei Rohstoffverbrauch etc.

Arad: Ich habe keine Vorbehalte gegen den Einwand, ich sehe auch, was passiert. Ich mache aber - und da sind wir wieder bei der Subjektivität - das, was mich begeistert, anregt, aufregt. Und wenn ich Glück habe, begeistert das auch andere, und ich bin erfolgreich.

STANDARD: Und wenn wir das Thema wechseln: von Subjektivität zu Nachhaltigkeit?

Arad: Dann finde ich Nachhaltigkeit wichtig, aber mich ganz persönlich berühren andere Themen mehr. Menschlichkeit, Respekt, Kriege, Religionen ... Das würde hier zu weit führen.

STANDARD: Dann bleiben wir bei Ihnen. Nach 30 Jahren beispielloser Karriere, nach Ausstellungen im Centre Pompidou, dem MoMA, nach Ehrendoktorwürden und Designpreisen zuhauf: Zweifeln Sie noch am eigenen Tun?

Arad: Vor kurzem ist in der Royal Academy of Arts die Sommerausstellung eröffnet worden. Am darauffolgenden Tag waren darüber die Titelgeschichten in den großen Zeitungen mit einem Foto von meinem Ausstellungsbeitrag. Ich habe mich gefreut wie ein kleiner Bub, denn, ja: Ich zweifle, und wenn ich das jemals nicht mehr tue, werde ich höchstwahrscheinlich keinen Erfolg mehr haben. (Andreas Tölke, Rondo, DER STANDARD, 5.7.2013)

"The Last Train", Palazzo Cavalli-Franchetti, San Marco, Venedig, bis 24. November

"In Reverse", Design Museum Holon, bis 19. Oktober

Ron Arad
Design Museum Holon
Steinmetz Diamonds
  • Flach wie eine Flunder: Ron Arad beschäftigt sich in einer seiner aktuellen Ausstellungen im Design Museum Holon (Israel) mit dem Fiat 500 und quetscht ihn in viele neue Formen.
    foto: ron arad associates

    Flach wie eine Flunder: Ron Arad beschäftigt sich in einer seiner aktuellen Ausstellungen im Design Museum Holon (Israel) mit dem Fiat 500 und quetscht ihn in viele neue Formen.

  • Ron Arad
    foto: barry lewis / in pictures / corbis

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