Türkische Regierung verbreitet Verschwörungstheorien

2. Juli 2013, 18:38
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Hinter den Protesten sollen "Terroristen, Juden und vaterlandslose Gesellen" stehen

Der "Klassiker" im Fach Komplott und Verschwörung musste ja irgendwann kommen, und geliefert hat ihn nun Besir Atalay, einer der stellvertretenden türkischen Regierungschefs: Die Juden waren's. Sie haben die Proteste im Gezi-Park in Istanbul angezündet. Das versuchte der Vizepremier am Montag seiner Zuhörerschaft in der anatolischen Provinz weiszumachen.

"Es gibt einige Kreise, die neidisch sind auf das Wachstum der Türkei. Sie alle verbünden sich, auf der einen Seite ist die jüdische Diaspora", schwadronierte der Vize der konservativ-islamischen Regierung. "Ihr habt die Haltung der ausländischen Medien während der Vorfälle im Gezi-Park gesehen. Sie haben sie gekauft und sofort mit dem Senden begonnen, ohne den Fall zu prüfen."

Aus dem Ausland gesteuert

Seit Beginn der Demokratierevolte in der letzten Maiwoche in Istanbul vertritt die türkische Führung hartnäckig die Auffassung, die Proteste seien von langer Hand geplant, aus dem Ausland gesteuert und von übel meinenden Unternehmern im Inland finanziert. Außenminister Ahmet Davutoglu gab an, er habe schon drei Monate vor dem Beginn der Revolte gewusst, dass etwas geschehen werde. Europaminister Egemen Bagis sprach von "mindestens zwölf Terrorgruppen", die in die Organisation der Proteste verwickelt sein könnten.

Regierungschef Tayyip Erdogan griff vor allem die Koç-Gruppe an, die größte der Industriefamilien der Türkei. Koç gehört auch das Divan-Hotel am Gezi-Park, das den Protestierenden immer wieder Zuflucht vor der Polizei und ärztliche Hilfe geboten hat.

Zins-Lobby"

Rasch machte der türkische Premier auch die Spekulanten an der Istanbuler Börse - die "Zins-Lobby" - als Hintermänner aus. Vergangene Woche begann die Kapitalmarktaufsicht, Finanzbewegungen aus dem Ausland während und kurz vor der Besetzung des Gezi-Parks zu untersuchen. Die detaillierten Fragen an Broker über deren Korrespondenz mit den Kunden verunsichern Investoren.

Erdogan nannte die Demonstranten eine Handvoll "Plünderer", diffamierte sie in öffentlichen Reden aber auch als Kinder der "alten Flinten" - soll heißen: Töchter und Söhne der Putschgeneräle von 1980. Eilfertig sprangen besonders regierungsfreundliche Blätter bei und nennen die Gezi-Proteste bereits den Versuch eines "modernen Coups". Der muss natürlich parlamentarisch und gerichtlich untersucht werden. Abgeordnete der Regierungspartei AKP wollen schon einen entsprechenden U-Ausschuss "Gezi" einrichten.

Angst vor neuem Flughafen

Die schrägste, aber auf der Straße gern geglaubte Verschwörungstheorie über die Proteste liefert neben anderen Ankaras Bürgermeister Melih Gökcek: Wenn Istanbuls neuer Flughafen fertiggestellt ist, werden London und Frankfurt nur noch an zweiter Stelle sein, erklärte der Bürgermeister in einem Video. "15 Milliarden Dollar werden jährlich in unsere Taschen gehen. Wenn sie diese Dinge sehen, wollen die führenden Länder Europas, dass es in der Türkei Probleme gibt." (Markus Bernath, DER STANDARD, 3.7.2013)

  • Das populäre Geschichtsmagazin "Tarih" wurde eingestellt. Es wollte Gezi zum Thema machen.
    foto: t24

    Das populäre Geschichtsmagazin "Tarih" wurde eingestellt. Es wollte Gezi zum Thema machen.

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