Im Labyrinth der Krebszellen

2. Juli 2013, 18:00
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Die Mechanismen, die zum multiplen Myelom führen, sind weitgehend unbekannt - Tiroler Krebsforscher wollen diese ergründen und Therapien entwickeln

Wenn sich Plasmazellen im Knochenmark, die eigentlich Antikörper gegen Krankheitserreger sein sollten, bösartig vermehren, dann entsteht ein multiples Myelom. Es trifft vorwiegend ältere Menschen. Da unsere Gesellschaft bekanntermaßen rapid altert, wird die Häufigkeit dieses Tumors in Zukunft deutlich steigen. Allerdings ist diese Krebserkrankung bisher unheilbar, und die mittlere Überlebensdauer beträgt nur einige wenige Jahre.

Bremse außer Kraft gesetzt

"Normalerweise werden die Plasmazellen nur bei Bedarf aktiv, beim multiplen Myelom wuchern sie jedoch unkontrolliert im Knochenmark", erläutert Karin Jöhrer-Deym vom Tiroler Krebsforschungsinstitut. "Sie haben es durch verschiedene Mutationen geschafft, die im Normalfall wirksame Wachstumsbremse außer Kraft zu setzen."

Da nicht bekannt ist, welche Auslöser zur Entstehung eines multiplen Myeloms führen, kann es auch nicht verhindert werden. Es handelt sich also um eine Erkrankung, deren Mechanismen noch weitgehend im Dunkeln liegen. Für die Innsbrucker Krebsforscherin eine dringende Aufforderung, das molekulare Geschehen im Knochenmark sehr genau unter ihre wissenschaftliche Lupe zu nehmen.

Im Rahmen des vom Land Tirol geförderten Translational Research-Programms erforscht sie nun gemeinsam mit Kollegen der Medizinischen Universität Innsbruck und der Paracelsus Medizinischen Universität in Salzburg das Umfeld des tödlichen Tumors. "Tatsächlich weiß man vom Knochenmark - auch vom gesunden - heute noch immer sehr wenig", sagt Jöhrer-Deym. "Das ist umso bedauerlicher, als etliche Tumore ins Knochenmark metastasieren und auch viele andere Krankheiten dort entstehen. Versteht man diese Umgebung, hätte man also auch die Basis für effizientere Therapien anderer Tumore und Erkrankungen gelegt." Möglicherweise lassen sich im Knochenmark auch jene Krebsstammzellen finden, die als Verursacher wiederkehrender Krebserkrankungen vermutet werden.

Zellen tauschen Signale aus

Da das Knochenmark bei Erwachsenen zu einem hohen Prozentsatz aus Fett besteht und sich die Fettzellen (Adipozyten) mit zunehmendem Alter weiter vermehren, hegen die Forscher den Verdacht, dass Tumor- und Fettzellen miteinander kommunizieren und durch ihren Signalaustausch das Krankheitsgeschehen beim multiplen Myelom maßgeblich beeinflussen. "Lange Zeit hat man gedacht, dass die Fettzellen im Knochenmark nur Füllmasse sind", berichtet die Wissenschafterin. "Mittlerweile weiß man jedoch, dass sie etwa Hormone oder Zytokine, das Zellwachstum regulierende Proteine, produzieren und binden - also durchaus aktive Zellen sind."

Dass die Fettzellen auch mit Myelomzellen intensiv kommunizieren, konnten die Forscherin und ihr Team in einer Reihe wegweisender Vorversuche nachweisen: "Nachdem wir beide Zellarten gemeinsam in ein Kulturgefäß setzten, wuchsen die Myelomzellen massiv", berichtet Jöhrer-Deym. Eine folgenschwere Beobachtung, die schließlich das aktuelle Projekt nach sich zog.

Großes Ziel der Krebsforscher: die Identifikation und Analyse jener molekularen Signalwege, die durch die Kommunikation von Fett- und Myelomzellen reguliert werden. "Wenn wir die Myelom-Adipozyten-Interaktion besser verstehen, können wir dieses Wissen für eine effizientere, individuell maßgeschneiderte Therapie einsetzen", hofft die Forscherin.

Wandernde Abwehr

Mit besonderem Interesse beobachten die Wissenschafter auch die sogenannten Chemokine, also jene Botenstoffe, die bei Zellen eine Wanderbewegung auslösen. Sie locken Abwehrzellen aus dem Blutstrom ins Gewebe - und zwar genau dorthin, wo sie aufgrund etwa einer Infektion gebraucht werden. Diese Chemokine sind aber auch trickreiche Überlebenshelfer der Krebszellen. Denn diese bilden mithilfe der Chemokine Metastasen und führen die Immunzellen in die Irre, um so ihr eigenes Überleben zu sichern.

Die Wissenschafter versuchen deshalb, die spezifischen Rezeptoren zu identifizieren und zu blockieren, damit die Krebszellen die Chemokine nicht mehr wahrnehmen können und sich nicht weiter ausbreiten. "Wahrscheinlich holen sich die Myelomzellen auch sogenannte Regulatorische T-Zellen heran, welche die 'normalen' T-Zellen von ihrer eigentlichen Arbeit - dem Kampf gegen den Tumor - abhalten", vermutet Jöhrer-Deym.

Die Forschung hat es hier also mit einem extrem komplexen und fintenreichen Kommunikationsnetz zu tun, dessen Protagonisten zunächst einmal ermittelt werden müssen. Erst wenn man möglichst alle Akteure und ihre Aufgaben in diesem vertrackten Geschehen kennt, kann man an die Entwicklung wirksamerer Medikamente gehen.

Komplexes Terrain

"Manchmal glaubt man, einen neuen Therapieweg zu verfolgen, der sich dann aber als Antitherapie herausstellt, weil man nicht alle Mitspieler und ihre Rollen gekannt hat", berichtet die Wissenschafterin von den Mühen und Rückschlägen des Forschungsalltags in diesem labyrinthischen Terrain. "Einerseits müssen wir die Fragestellungen so weit wie möglich vereinfachen und reduzieren, um überhaupt Antworten zu bekommen. Andererseits haben wir diese mögliche Vielfalt der Aktivitäten in unsere Fragen mit einzubeziehen. Aber gerade diese Schwierigkeiten machen das Thema ja auch besonders spannend!"

Auf die Studien des Tiroler Krebsforschungsinstituts baut übrigens auch das internationale, von den Innsbrucker Forschern initiierte und koordinierte EU-Projekt "Optatio" auf. Auch hier geht es um die Erforschung der unmittelbaren Umgebung des multiplen Myeloms und die Entwicklung entsprechender Therapien. (Doris Griesser, DER STANDARD, 3.7.2013)

  • Das multiple Myelom, bei dem die Plasmazellen im Knochenmark bösartig wuchern, betrifft vor allem ältere Menschen. Die Auslöser dieser Krankheit geben den Krebsforschern Rätsel auf, sie verfolgen mehrere Spuren.
    foto: national cancer institute

    Das multiple Myelom, bei dem die Plasmazellen im Knochenmark bösartig wuchern, betrifft vor allem ältere Menschen. Die Auslöser dieser Krankheit geben den Krebsforschern Rätsel auf, sie verfolgen mehrere Spuren.

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