Konfuzius sagt, ehre deine Eltern

2. Juli 2013, 18:37
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Ein Gericht verurteilte nun eine Frau und ihren Mann dazu, die 77-jährige Mutter regelmäßig zu besuchen

Traditionell wurde chinesischen Kindern von klein auf Elternliebe als ihre erste Pflicht eingepaukt. Sie lernten dazu Kinderreime und den konfuzianischen Kodex auswendig. Sittenlehrer Konfuzius (551-479) forderte sie in dutzenden Belehrungen auf, ihre Eltern immerfort zu ehren - als wichtigste Grundlage aller Moral und für ein funktionierendes Staatswesen.

Es sei zu wenig, die Eltern nur zu versorgen, wenn sie alt werden. Gnadenbrot erhielten auch Hunde und Pferde. Der Edle müsse sich lebenslang um sie kümmern, sie beerdigen und "ihnen nach dem Tod opfern, wie es sich ziemt". Im Buch IV des Lunyu verlangte Meister Kong, dass Kinder keine weiten Reisen unternehmen sollten, damit sie bei den Eltern zur Stelle sein können, wenn sie gebraucht werden.

Überalterungsproblem

2500 Jahre später macht die Volksrepublik aus dem moralischen Imperativ eine juristische Forderung mit Strafandrohung: Seit 1. Juli zwingt ein neues Gesetz zum "Schutz der Rechte älterer Menschen" ihre Kinder und Enkel, sie "häufig" zu besuchen und nach ihnen zu schauen. Wie oft "häufig" ist und in welcher Weise sie sich um sie "kümmern" sollen, steht jedoch nicht in dem öffentlich heftig umstrittenen Artikel 17. Er lässt auch die Höhe des Strafmaßes offen.

Den ersten Fall verhandelte am Montag ein Gericht in Ostchinas Wuxi. Es verurteilte ein Ehepaar dazu, die abhängige, allein lebende 77-jährige Mutter der Ehefrau künftig alle zwei Monate zu besuchen und ihr Beihilfe zu zahlen. Grund für das Gesetz ist die Einkindpolitik und die überall verbreitete Kleinfamilie nach dem 4-2-1-Modell, wo auf vier Großeltern ein Enkelkind kommt. Sie hat dem heutigen China ein gigantisches Überalterungsproblem beschert.

Ein Drittel der 194 Millionen heute über 60-Jährigen lebt in sogenannten leeren Nestern. Das neue Gesetz soll ihre Kinder zwingen, sich um die Alleingelassenen zu kümmern. Es ist zugleich Ausdruck zerrütteter Familienwerte, Berichte über vernachlässigte und misshandelte ältere Menschen haben in den vergangenen Monaten landesweit Empörung ausgelöst. Blogger schrieben: Wenn Elternliebe gesetzlich verordnet wird, triumphiert nicht das Rechtswesen, sondern dann befindet sich die Gesellschaft im Rückschritt. Es ist eine Tragödie der Modernisierung Chinas. (Johnny Erling, DER STANDARD, 3.7.2013)

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    Dank der Einkindpolitik in China kommt auf vier Großeltern gerade einmal ein Enkelkind, gleichzeitig überaltert die Bevölkerung. Wer seine Eltern im Stich lässt, soll zu Besuchen gezwungen werden.

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