Enklave der freien Kammermusik

2. Juli 2013, 17:17
posten

Nicolas Altstaedt hat seit 2012 die künstlerische Leitung des Kammermusikfestes Lockenhaus inne

Nah und doch so fern: Von Wien ausgehend, ist in Eisenstadt gerade einmal die Hälfte des Anreiseweges in die sommerliche Enklave und Hochburg des freien, spontanen Kammermusizierens, nach Lockenhaus, geschafft. Dort hat Gidon Kremer seit drei Jahrzehnten Freunde und Kollegen zum gemeinsamen Musizieren geladen; seit letztem Sommer wird das Festival von Nicolas Altstaedt programmiert.

Altstaedt "trägt braune Locken, ist ein hübscher Kerl und traut sich was", befand die FAZ-Korrespondentin im letzten Jahr enthusiasmiert, als der dreißigjährige deutsche Cellist in der Pfarrkirche von Pietro Orsoloni John Cages Musiktheater Living Room Music aufführen ließ.

Dieses Jahr sucht Altstaedt, der Mann mit den "dunklen Augen" (Profil), mit Düsterem zu locken: "Schuld und Sühne", das Motto des Festivals, stehe jedoch nicht "für die unglückliche Übersetzung des uns bekannten Dostojewski-Romans, sondern für einen kreativen Schaffensprozess, genährt durch Reue und Überwindung". Gereut haben dürften Carlo Gesualdo etwa die Morde an seiner Frau und deren Liebhaber; von seinen "radikalen Kompositionen" wird schwerpunktmäßig aus dem vierten Madrigalbuch zu hören sein.

Die Liste der aufgeführten Komponisten ist auch dieses Jahr so reich wie lebendig, Uraufführungen von Gerald Resch, Johannes Fischer und Tobias PM Schneid werden unter anderem zu hören sein. Neben einem Klassiker des Stummfilms, zu dem Liveimprovisationen zu erleben sein werden, kann auch in die Werkstatt eines Streichquartetts geblickt werden: Eberhard Feltz und das Navarra Quartett geben einen Meisterkurs. Lockenhaus-Meister Gidon Kremer wird sowohl beim Eröffnungskonzert als auch bei einem Konzert am 5. 7. in der Kirche mit Giedre Dirvanauskaite und Oleg Maisenberg musizieren. (end, DER STANDARD, 3.7.2013)

  • Nicolas Altstaedt.
    foto: marco borggreve

    Nicolas Altstaedt.

Share if you care.