Wider Wien schädigende Legendenbildungen

Leserkommentar2. Juli 2013, 13:31
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Wien muss sich auch beim Thema Radfahren mit anderen Städten messen. Es täte uns aber gut, uns mutig mit globalen First Class Cities zu vergleichen und nicht mit sympathischen, aber nur lokal bedeutsamen Städten

Am 15. Juni ist auf derStandard.at ein Interview mit dem dänischen "Radfahr-Papst" Mikael Colville-Andersen erschienen, der sich anlässlich des Velo-City-Kongresses in Wien unter dem Titel "Wien ist altmodisch und irgendwo 1952 stecken geblieben" mit dem Radfahren in Wien auseinandersetzt.

Der WienTourismus hat den Velo-City-Kongress tatkräftig unterstützt, die Reaktionen von internationalen Partnern waren durchwegs positiv. Wien wird nicht zuletzt auch in internationalen Rankings als "lebenswerteste Stadt der Welt" (Mercer) oder "the most prosperous city in the world" (UN-Habitat) wahrgenommen. Ich möchte daher auf Wien schädigende "Legendenbildungen" hinweisen, so wie dies etwa durch das Interview von "Rad-Papst" Mikael Colville-Andersen geschieht.

Wohlgemerkt geht es nicht darum, keine Kritik zuzulassen, sondern vielmehr darum, wie mit faktisch falschen Behauptungen polemisch argumentiert wird. Eine kritische Herangehensweise - auch an seine eigene Stadt - ist wesentlich für ihre Weiterentwicklung. Kritik sollte aber auf Fakten basieren und nicht auf Minderwertigkeitskomplexen, die entweder in einer absurden Selbstüberschätzung oder provinzieller Selbsterniedrigung münden. Letztere war wohl auch "Futter" für das sowohl inhaltlich als auch stilistisch indiskutable Interview. Darin werden jede Seriosität entbehrende Äpfel/Birnen-Vergleiche zwischen Wien und Kopenhagen gezogen, denen ich an dieser Stelle Fakten entgegensetzen möchte.

Kopenhagen hat eine Fläche von 88 Quadratkilometern und 559.440 EinwohnerInnen, Wien bedeckt 414,9 Quadratkilometer und hat 1,7 Millionen EinwohnerInnen. Im Großraum Kopenhagen wohnen 1,6 Millionen Menschen, bei Wien sind es 2,4 Millionen. Dass eine Stadt mittlerer Größe und eine Großstadt für den (Rad-)Verkehr stark unterschiedliche Voraussetzungen haben, die sich sowohl auf die Infrastruktur als auch auf das Nutzungsverhalten der Bevölkerung entsprechend auswirken, lässt sich nur schwer ignorieren.

Angesichts dessen fällt ein Vergleich des Modal Split der Fortbewegungsart der BewohnerInnen in beiden Städten (Quelle: European Platform on Mobility Management), unter dem Aspekt der Umweltschonung sogar sehr günstig für Wien aus:

                                    Kopenhagen      Wien
Zu Fuß                              25 %            28 %
Rad                                 31 %             5 %
Öffentlicher Verkehr                15 %            36 %
Auto                                29 %            31 %

Die Nutzung des Autos und das zu Fuß Gehen liegen in beiden Städten nicht weit auseinander, wobei die WienerInnen sogar mehr zu Fuß unterwegs sind. Die großen Unterschiede findet man in der Nutzung von Rad und öffentlichem Verkehr, was bei der Kleinheit Kopenhagens und der Größe Wiens in den relevanten Parametern Fläche und EinwohnerInnen wohl nur dann als Schwäche Wiens ausgelegt werden kann, wenn man der Wiener Bevölkerung das Lebensqualitätsmerkmal rascher Bewältigung von Distanzen abspricht.

Herrn Colville-Andersens an Wien gerichteter Vorwurf, Wien sei eine "altmodische Stadt und irgendwo 1952 stecken geblieben", zeugt von Ignoranz oder absichtlichem Verschweigen dieser Tatsachen. Sein Rezept "... das Fahrrad zum schnellsten Mittel zu machen, um in einer Stadt von A nach B zu kommen", mag in kleineren urbanen Einheiten funktionieren, in einer Großstadt muss der öffentliche Verkehr vor dem Rad kommen.

Meines Erachtens sollte sich Wien unbedingt mit anderen Städten, unseren globalen Mitbewerbern, messen. Es täte uns aber gut, uns mutig mit globalen First Class Cities zu vergleichen und nicht mit sympathischen, aber nur lokal bedeutsamen Städten. Denn monothematische Stadt-Betrachtungen - dies zeigen die Aussagen Colville-Andersens - bleiben immer belanglos und langweilig. (Norbert Kettner, Lesserkommentar, derStandard.at, 3.7.2013)

Norbert Kettner, Jahrgang 1967, ist seit 1. September 2007 Geschäftsführer des WienTourismus.

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