Flüchtlinge: Fluchtpunkt Körperraum

Leserkommentar2. Juli 2013, 10:33
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Statt der gesellschaftlich benötigten "Fluchtlinien" für alle werden "Trennungslinien" zwischen Menschen mit und ohne Pass staatlich gefördert

In München war zu sehen, was passiert, wenn Menschen die Fluchtlinien, die Auswege, die Fluchtmöglichkeiten, die jeder braucht, um den Engen und Zwängen einer Gesellschaft zu entkommen, gegen sich selbst richten. 55 Flüchtlinge befanden sich einige Tage im Durststreik - eine sehr gefährliche Variante des Protestes. Ihr Camp am Münchner Rindermarkt wurde in der Nacht auf Sonntag "wegen Lebensgefahr" von der Polizei geräumt. Wenn es keine Fluchtlinien nach außen mehr gibt, wenden die Befreiungsversuche sich in den Körper hinein, gegen den Menschen selbst. Viele Tatoos bezeugen diese Grenze.

In der Kunst in geschlossenen Flüchtlingslagern im Libanon oder in Jordanien richten sich die imaginären Fluchtlinien nach oben in den Himmel hinein, mit Kindertheater auf den flachen Dächern oder mit fragilen Mobiles. Mit Spiegel-Fragmenten auf den Innen-Mauern des Lagers, die das Blickfeld erweitern, wenn schon nicht den realen Raum. Ihr innerer Körperraum wurde nun von den Münchner Flüchtlingen als letzter Ausweg behandelt. Mit schrecklichen Ergebnissen: einer der Männer liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses, ein weiterer ist nicht mehr ansprechbar.

Warum muss man auf dermaßen selbstschädigende Mittel des Protestes zurückgreifen? Die Künstlerin Natalie Deewan drückte die Ambivalenz, den unauflösbaren Widerspruch, den ein Flüchtling per se symbolisiert, in zwei Schriften auf einem Pickerl aus: "I want to stay" steht auf dem kleinen Protestzettel und auf dem Kopf "I want to move", oder umgekehrt. Das "I" ist jedesmal ein Ausrufezeichen und die Schrift mixte Deewan aus handschriftlichen Notizen der Flüchtlinge im Servitenkloster zusammen, die nun bald ausziehen müssen. Die Caritas will im leerstehenden Kloster ein Heim für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eröffnen. "Fluchtlinien" also in Richtung auf ein Zuhause hin, "a place to stay", aber auch in Richtung auf "movement", eine gemeinsame Bewegung, in Bewegung sein und bleiben, die Gesellschaft verändern, aus unwürdigen Situationen aussteigen.

Wiener Weltflüchtlingstag

Böiger Wind und am Heldenplatz kleine hellblaue Drachen aus Nylonpapier, die sehr hoch oben am hellblauen Himmel flattern. Am anderen Ende der "Fluchtlinie" Drachenschnur afghanische Jungen, die Bewegungen der Freude machen, geschmeidig springen, als ob sie mitfliegen möchten, in langen Sprüngen nach oben Energie gewinnen.

Fliegen. Dabei haben die echten afghanischen Drachen Glassplitter auf den Schnüren, die in einer eigens hergestellten Pasta aus Glassplittern aufgestrichen werden. Die Kinder laufen hintereinander her, quer durch die Landschaft, um sich gegenseitig die "Fluchtlinien" abzusäbeln, die Drachen zu befreien, die alleine weiter fliegen. Fluchtlinien anhand von Schnüren, die in den Himmel reichen, Drachen, die ein Eigenleben führen - ein Junge rennt, um seinen abgestürzten Drachen aus dem Volksgarten zu  bergen, immer der Schnur hinterher.

Vielleicht haben die amerikanische Weltraumbehörde NASA die ganzen Drachen der afghanischen Kinder gestört, die in den Weltraum aufsteigen und die Satelliten verwirren? Angeblich zwei bis drei Drachen pro Tag und Kind. Heiße Windböen in Wien.

Fluchtlinien hat jede Gesellschaft dringend  nötig, um der Enge zu entkommen, Räume aufzumachen, frei zu sein, Utopien zu entwickeln. Hellblaue Drachen vor hellblauem Himmel, jugendliche Flüchtlinge, die ihre Fröhlichkeit, ihre Seele mitschicken – für die Münchner Flüchtlinge sind den PolitikerInnen keine Fluchtwege eingefallen, außer die Polizei vorzuschicken und mit  Gefängnis- und Krankenhausräumen das Gespinst, das Netz von Fluchtlinien abzubrechen, abzuschneiden.

Es ist nicht gut für eine Gesellschaft, wenn Opfer Opfer bringen, denn die gesamte Gesellschaft trägt Schaden davon, wenn Teilen der Bevölkerung die Fluchtwege so stark beschnitten werden, dass sie in Selbstschädigung kippen. In München war sogar eine Gruppe von zwölf jungen SupporterInnen in Hungerstreik getreten, aus Solidarität und um gegen Isolationslager und Residenzpflicht zu protestieren. Sie sprachen von "Trennungslinien", zwischen Menschen mit und ohne Staatsbürgerschaft, die sie auf diese Weise durchbrechen möchten. Es muss aber noch andere Möglichkeiten des Protestes außer Selbstschädigung geben, denn die folgt auch der Logik der Gewalt, nur dass der Zeitpunkt des Schadens selbst bestimmt  wird. (Kerstin Kellermann, Leserkommentar, derStandard.at, 2.7.2013)

Kerstin Kellermann war gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Birgit Haehnel Kuratorin der Ausstellung "Fluchtlinien. Kunst und Trauma" bei Soho in Ottakring 2012.

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