"Deutsche Freunde habe ich nie gehabt"

Rezension1. Juli 2013, 20:22
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Leben zwischen Kosovo und Deutschland, nicht da und nicht dort: "Sehnsucht im Koffer" versammelt neun facettenreiche Lebensgeschichten von Migranten

"Deutsche Freunde habe ich nie gehabt und werde ich auch nie haben, weil ich das nicht brauche. Jetzt bin ich schon so viele Jahre in Deutschland, und noch nie ist ein Deutscher zu mir nach Hause auf einen Kaffee gekommen. Und auch ich bin nie bei einem Deutschen zu Hause zum Kaffee gewesen." Das erzählt Ali Neziri, der 40 Lebensjahre in Deutschland verbracht hat.

Physisch in Deutschland, aber geistig stets im Kosovo - so lässt sich in etwa die Lebensphilosophie von Ali Neziri zusammenfassen. "Man muss immer in den Kosovo schauen", das gilt nicht zuletzt auch für die Verheiratung der eigenen Kinder, die mit Hilfe eines Heiratsvermittlers vor Ort im Kosovo erfolgt.

"Parallelgesellschaft"

Die Lebensgeschichte von Ali Neziri steht symbolhaft für jenes Phänomen, das medial unter "Parallelgesellschaft" abgehandelt wird. Ein Migrant, der ein Leben lang eisern die Bräuche seines Herkunftslandes befolgt, möglicherweise noch mehr an der Tradition festhält als seine Landsleute, die zu Hause geblieben sind; ein Migrant, der niemals heimisch wird, außer in seinen eigenen vier Wänden, wo er mit Berufung auf die patriarchale Tradition seines Volkes unumschränkt herrscht.

Ali Neziri erscheint in seiner Erzählung dennoch nicht unglücklich über sein Leben zu sein, und man könnte auch nicht behaupten, dass er mit seiner selbstisolierenden Haltung der deutschen Gesellschaft einen Schaden zugefügt hat - womit sich das Schreckgespenst "Parallelgesellschaft" auch ein wenig relativiert. Die Traurigkeit bleibt jedoch, denn ein Migrantenschicksal wie das von Ali Neziri ist gezeichnet von Überlebenskampf, unerfüllten Sehnsüchten und der verpassten Chance, an der deutschen Gesellschaft teilzuhaben.

"Ich muss zum Arzt"

Ganz anders dagegen die Lebensgeschichte von Zana Ziquiri, die inzwischen mit einem Deutschen verheiratet ist, obwohl ihre Familie strikt dagegen war.

Zana Ziquiri hatte zunächst ihren ersten Freund im Kosovo geheiratet und musste gegen den vehementen Widerstand ihrer Schwiegereltern ihr Studium an der Fakultät für Maschinenbau betreiben und sich allerlei Ausreden einfallen lassen: "Also versteckte ich die Bücher hinter der Tür, ging wieder zurück, kochte für all die arbeitslosen Männer Kaffee. Und dann sagte ich: ‚Ich muss jetzt gehen, ich muss zum Arzt.’ Immer ging ich zum Arzt, wenn ich Vorlesungen und Übungen an der Uni hatte."

Nach jahrelangen körperlichen und psychischen Misshandlungen in der Ehe, die Zana Ziquiri zumindest in der Rückblende erschreckend gelassen hinnimmt, als wäre Gewalt ein selbstverständlicher Bestandteil des ehelichen Arrangements, gelingt es ihr allmählich in Berlin, sich von einem Job zum nächsten zu hanteln, bis sie schließlich ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Zana gerät geradezu ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Verhältnis zur deutschen Sprache erzählt: "Eine fremde Sprache zu lernen, heißt für mich nicht nur, die Sprache zu verstehen, sondern auch, neue Wege des Denkens zu entdecken."

Abqualifizierung

Dennoch blickt Zana auf ihre harten Anfänge in der deutschen Gesellschaft nicht ohne Zorn zurück: "Was wäre gewesen, wenn man mich damals mit 27 aufgenommen hätte? Exzellente Englischsprachkenntnisse, Ingenieursdiplom. Warum hat man das nicht verwendet, nicht benutzt? ... Man hat uns immer das Gefühl gegeben, hier nicht gewollt zu sein. Und das ist schade, für Deutschland ist das schade."

Authentische, subjektive Wahrheiten

Die beiden Herausgeber Timon Perabo und Jeton Neziraj legen mit "Sehnsucht im Koffer" ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte vor. Die Menschen erzählen hier sehr selbstbestimmt und authentisch ihre Lebensgeschichten, ohne Rücksicht auf mediale Gebote der Political Correctness.

Wer sich von diesem Band eine Dekonstruktion von gängigen Stereotypen über Albaner erwartet, wird möglicherweise enttäuscht: So bekommt man durchaus Erschütterndes zu lesen, von zynischen Witzen über heiratswillige "greise deutsche Frauen", deren Naivität von jungen albanischen Männern schamlos ausgenutzt wird, bis hin zu kriminellen Machenschaften mit Systemcharakter.

Es geht aber hier nicht um Sensationen und Stereotypen, sondern um Schicksale von Menschen, die vor dem Hintergrund schwierigster gesellschaftspolitischer und ökonomischer Bedingungen versuchen, ihr persönliches Glück zu finden, ohne an ihren familiären und ethnischen Loyalitäten Verrat zu begehen. Gewiss ist es nicht "ideal", wie Ali Neziri und viele seiner Landsleute in Deutschland (nicht) heimisch geworden sind - andererseits, was ist schon ideal? Und vor allem, wer könnte sich ein Urteil darüber anmaßen, wie Ali Neziri mit seinem Leben anders hätte verfahren sollen?

Die beiden Herausgeber reflektieren durchaus kontroversiell in ihrem nachgestellten Briefwechsel über die gesammelten Geschichten, verzichten aber auf moralische Urteile. Eine solche Herangehensweise möchte man auch dem Leser ans Herz legen. (Mascha Dabić, daStandard.at, 1.7.2013)

Timon Perabo, Jeton Neziraj
Sehnsucht im Koffer
Geschichten der Migration zwischen Kosovo und Deutschland
Verlag Bebra Wissenschaft 2013
224 Seiten, 20,60 Euro

  • Kosovo-Albaner demonstrieren in Hamburg im Jahr 1998.
    foto: apa / kay nietfeld

    Kosovo-Albaner demonstrieren in Hamburg im Jahr 1998.

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