Haute Couture: Kaufen ist Nebensache

2. Juli 2013, 05:30
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Paris ist diese Woche Bühne großer Modeschauen - was auf Laufstegen geboten wird, kommt nie in Läden

Paris - Schade, dass noch nicht Winter ist. Die von Versace präsentierten Ensembles für die kalte Jahreszeit, reißen die ausgewählte Gästeschar der Show zu kleinen Rufen der Entzückung hin. Pailletten, nabelfreie Pullover und Cocktailkleider mit langen Schlitzen deklinieren sich in eleganten Dunkeltönen wie Rubinrot oder Kobaltblau. Als sich darin gewandet sogar die Model-Ikone Naomi Campbell (43) auf dem Laufsteg nähert, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr.

Nach der Modeschau stürzen sich die Fotografen auf die Schauspielerinnen Uma Thurman und Mena Suvari. "Die muss für diese Modeschau ein Vermögen gekostet haben", sagt sein Kollege zwischen zwei Blitzlichtsalven.

Aber Geld spielt keine Rolle unter den Kristalllüstern der Pariser Industrie- und Handelskammer, wo Donatella Versace, die Schwester des 1997 ermordeten Mailänder Modeschöpfers Gianni Versace, vergangenen Sonntag den Auftakt zur Herbst-Winter-Kollektion macht. Paris steht im Zeichen der Haute Couture. Die attraktivsten und originellsten Ausstellungsorte sind seit Monaten ausgebucht für Dior, Chanel, Armani, Gaultier. Eine Woche lang werden die Fachmedien voll sein von Bildern der exklusiven Gewänder, die sich Normalsterbliche nicht leisten können.

Formel 1 der Modebranche

Und selbst wenn sie könnten: Die Kollektion Versaces oder anderer Marken sind auch in keiner Boutique zu finden. Haute Couture, die Formel 1 der Modebranche, wird nur auf Bestellung und nach Mass hergestellt. Ein paar wenige Kundinnen aus den USA, Saudi-Arabien oder China sitzen bei Versace in der ersten Reihe; andere werden sich die Kleider zu Hause vorführen und anpassen lassen.

Und auch wenn sie zwischen 10.000 und 100.000 Euro für das Traumkleid hinblättern: Die Haute Couture arbeitet buchhalterisch mit Verlust. "Nicht einmal Chanel, die kommerziellste Anbieterin, ist in diesem Bereich rentabel", meint der Pariser Modeberater Jean-Jacques Picart. Schuld sind, neben dem kleinen Kundenkreis, die hohen Auflagen: Um an den Couture-Schauen teilnehmen zu können, müssen die Kreateure sämtliche Kleider von Hand nähen lassen und zu diesem Zweck mindestens zwanzig "petites mains" (kleine Hände) beschäftigen, so heißen die besten Pariser Näherinnen.

Auch sonst scheuen die Konkurrenten keinen Aufwand, um die Aufmerksamkeit der Weltmedien zu gewinnen. Chanel ließ aus Skandinavien einmal einen Eisberg von 265 Tonnen nach Paris kommen. Dior dekorierte die letztjährige Kollektion des neuen Schöpfers Raf Simons mit einer Million Blumen. Versace setzt lieber auf illustre Namen und platziert auch interessierte Hollywoodstars im Publikum - zum Nulltarif kommen sie kaum nach Paris.

Ein zwanzigminütiges Défilé kann deshalb mit allen Nebenkosten bis zu fünf Millionen Euro kosten. Doch warum dieser Aufwand, wenn er auf dem Papier ein Verlustgeschäft ist? "Die Haute Couture ist ein Schaufenster für die ganze Mode", sagt die deutsche Versace-Vertreterin Alexandra Degel. Ein großes Schaufenster, das sich dank Feuilleton, Frauenmagazinen und Internetportalen rund um den Planeten spannt. Die Modehäuser kaufen für Millionen Werbeflächen; der Luxuskonzern LVMH achtet etwa darauf, in der Modebibel Vogue stets unter den drei stärksten Werbern zu sein.

Zum Schluss wird das Verlustgeschäft der Haute Couture doch noch ein Gewinn: "Bedenkt man den medialen Niederschlag einer Couture-Präsentation mit hunderten Bildbeiträgen und vergleicht ihn mit den Kosten für ein gleich großes Werbevolumen, ist es offensichtlich, dass sich die Investition rechnet", sagt Jimmy Pihet vom französischen Modeverband. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 2.7.2013)

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    Versace-Schuhe: Haute Couture ist auf dem Papier ein Verlustgeschäft.

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