Inszenierte Wirklichkeit: Wahrer als wahr

1. Juli 2013, 17:21
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Die Retrospektive Philip-Lorca diCorcias in der Schirn Kunsthalle ist die erste Gesamtschau des Amerikaners in Europa überhaupt

Bekannt ist Philip-Lorca diCorcia vor allem für seine Straßenszenen aus der Serie Streetwork. Die in den 1990er-Jahren entstandenen Fotografien zeigen Passanten in Metropolen auf der ganzen Welt. Manchmal verschmelzen sie mit dem Wirrwarr der Großstadt im Hintergrund, häufig liegt jedoch der Akzent auf einzelne Personen oder Gruppen. Nicht, weil sie etwas Besonderes machen, sondern weil sie von einem nicht zu verortenden, fast mystischen Licht erfasst werden wie Schauspieler auf einer Bühne.

Wir schauen uns einen Menschen an, den wir uns sonst nicht anschauen, dem wir ansonsten keinerlei Beachtung schenken würden. Er ist Teil der anonymen Masse und gleichzeitig isoliert ihn diCorcia in ihr. Dass sich die Personen zusätzlich vom Hintergrund abheben wie vor einer Fototapete, ist ebenfalls eine Folge des Lichts, das diCorcia auf den Straßen aufgebaut hat, ohne es zu verstecken: Ganz unbekümmert liefen die Passanten in sein Bild, weil sie dachten, es sei ein Filmset in der Mittagspause.

PL, wie der 1951 in Connecticut geborene Fotograf Philip-Lorca diCorcia kurz genannt wird, schuf so eine Art zweidimensionales Diorama, eine eingefrorene Wirklichkeit. Wahrer als wahr und doch nicht real. Für PL ist die Realität immer auch ein Konstrukt. Das hat er in seiner anknüpfenden Serie Heads, die ebenfalls auf der Straße entstanden ist, auf die Spitze getrieben. Zu sehen sind dort die Brustporträts von Fremden, hochfrontal angeblitzt wie bei einem Modeshooting, was den urbanen Hintergrund dadurch ins Schwarz verhüllt.

Unkalkulierbares Risiko

Reminiszenzen an Porträts aus dem Barock sind zu erkennen - nur, dass seine Protagonisten in sich gekehrt sind und sich nicht repräsentieren müssen. Schließlich wissen sie nicht einmal, dass sie fotografiert wurden.

Das hat sich für diCorcia übrigens als unkalkulierbares Risiko herausgestellt: Der orthodoxe Jude Erno Nussenzweig, den er in Heads #13 zeigt, hat ihn und seine New Yorker Galerie auf 1,6 Millionen Euro Schadensersatz verklagt. Das wurde vom Gericht mit dem Hinweis auf die Freiheit der Kunst abgelehnt, aber DiCorcia ist spätestens seit damals noch vorsichtiger geworden. Für seine Serie Lucky 13, entstanden 2004, holte er sich bereits die Erlaubnis der Abgebildeten.

Zu sehen sind auf den fünf Bildern nackte Stripteasetänzerinnen, die kopfüber an der Stange hängen - scheinbar schwerelos und merkwürdig verrenkt, was durch das unnatürliche Blitzlicht von oben zusätzlich absurd und verloren wirkt. Lucky 13 ist als Metapher auf die Vergänglichkeit des Körpers und des Glücks, aber auch auf die unsichere Lebenssituation der Dargestellten zu verstehen.

Dass sich diCorcia mit Menschen am Rande der Gesellschaft beschäftigt, ist dabei nicht neu. Bereits für Hustlers, entstanden zwischen 1990 und 1992, fotografierte er männliche Prostituierte in Los Angeles. Gemeinsam mit seinen direkt im Anschluss begonnenen Streetworks gehören diese Bilder zu den Höhepunkten der Retrospektive in der Schirn - nur mit dem Unterschied, dass LP in dieser Serie nichts dem Zufall überlassen hat. Erst hat er Locations gefunden und aufwändig arrangiert, dann ging er auf die Suche nach einem Modell, das er ins Bild setzt.

Auch hier entsteht eine Bühne, in denen die Protagonisten in einer an Hopper erinnernden Einsamkeit auf ein besseres Leben warten und bereit sind, dafür weit zu gehen. Im Bildtitel verrät diCorcia nicht nur Name und Alter der Modelle, sondern auch, wie viel Geld er ihnen für das Foto gezahlt hat.

Skeptische Sicht

In seiner noch unvollendeten Serie East of Eden folgen die Bilder fast immer dem gleichen Grundmuster - eine leicht aufsteigende Diagonale und eine gegenläufige Blickachse der Protagonisten: der Cowboy zu Pferd in einer spektakulären Landschaft mit ausgetrocknetem Flussbett oder die Frau im Sommerkleid zwischen kahlen Baumsilhouetten. Es ist LPs skeptische Sicht auf die (amerikanische) Gesellschaft, die ihre Unschuld längst verloren hat. Gute Fotos, keine Frage, aber diCorcia bringt hier weder eine neue Sicht noch eine neue Bildsprache.

Ausnahmen sind die Bilder von Innenräumen, in denen der Fernseher läuft: Da schauen etwa zwei Hunde in einem sehr aufgeräumt wirkenden Wohnzimmer einen Pornofilm. The Hamptons nennt er das Foto ironisch, als dokumentiere es das Long-Island-Feriendomizil eines reichen New Yorkers. Auf einem anderen Bild blickt eine Frau aus dem Fenster aufs Meer und in den bewölkten Himmel, während am Flatscreen die Welt in einem Wirbelsturm unterzugehen scheint. Das Foto ist eine Mischung aus Edward Hopper und Gregory Crewdson - und das mit Abstand stärkste Bild der Serie.

Hier setzt LP wieder sein überraschendes Licht ein - und man hofft inständig, dass er damit niemals aufhören wird. (Damian Zimmermann, DER STANDARD, 2.7.2013) 

Bis 8.9.

  • "The Hamptons": Hunde beim Pornoschauen im Luxusambiente einer Long-Island-Villa. 
    foto: courtesy the artist and david zwirner / new york, london

    "The Hamptons": Hunde beim Pornoschauen im Luxusambiente einer Long-Island-Villa. 

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