Käthe Recheis - die Beschützerin des Wolfes

Porträt | Josef Bichler
1. Juli 2013, 17:10

Über 60 Bücher hat Käthe Recheis in ihrem Leben geschrieben - Heuer wurde die österreichische Kinderbuchautorin 85

Es sind viele, die an diesem regennassen Samstagnachmittag den Weg in den Festsaal der STUBE (Studien- und Beratungsstelle für Kinder- und Jugendliteratur) in der Wiener Innenstadt gefunden haben, um eine zu ehren, deren Name für Generationen von Junglesern untrennbar mit der eindringlichen wie behutsamen Zeichnung indianischer Lebenswelten verbunden ist: Mehr als 60 Bücher hat Käthe Recheis in ihrem Leben geschrieben, und auch wenn uns die Mehrzahl davon durch Geschichten aus der Ferne gegenwärtig ist, hat ihr Schreiben mitten in der Katastrophe des 20. Jahrhunderts begonnen.

Der 11. März 1938 ist ihr 10. Geburtstag. Als tags darauf Hitler in Österreich einmarschiert, ahnt die jüngste Tochter des Hörschinger Gemeindearztes noch nichts vom Schrecken der kommenden Jahre: "Als ich meinen Vater bei der Visite begleitet habe, trafen wir auf einen Zug von KZ-Häftlingen. Diesen Anblick werde ich nie vergessen. Es war alles grau. Einer ist gestolpert, und sofort sind sie mit den Gewehren gekommen. "Wochen später ist der Krieg vorbei, und zusammen mit anderen beherzten Hörschingern versucht die Familie Recheis den befreiten KZ-Häftlingen zu helfen, so gut es geht. 

Kontroversen

Als Recheis 1964 in "Das Schattennetz" in literarisierter Form von dieser Zeit schreibt, entfacht sie damit eine heftige Kontroverse, die durch die im Roman vorgenommene Aufhebung der örtlichen und zeitlichen Gebundenheit der Geschehnisse ausgelöst wird: "Nun ist gleichgültig geworden, wann es geschehen ist, das Jahr ist gleichgültig, die Zeit ist gleichgültig und der Ort, an dem es geschehen ist. Es könnten genauso gut andere Menschen in einem ganz anderen Land sein." Schon zehn Jahre zuvor, 1954, hatte die zu dieser Zeit vielleicht einflussreichste Figur des österreichischen Literaturbetriebs, Hans Weigel, einen Auszug aus dem Schattennetz in der damals maßgeblichen Zeitschrift Stimmen der Gegenwart veröffentlicht, und Weigel ist es auch gewesen, der Käthe Recheis, wenn sie denn bei der Kinder- und Jugendliteratur bliebe, "für die Literatur verloren" hielt.

Recheis hat gemeinsam mit Mira Lobe, Christine Nöstlinger, Renate Welsh und anderen "Die Gruppe" gegründet: "Wir sind mit einem Doppler Wein in meiner Wohnung gesessen, in der es nicht viel gab außer ein paar Matratzen, und haben uns vorgenommen, die Kinderliteratur als unstrittigen Teil der Literatur zu etablieren. Es war ja damals unvorstellbar, dass eine Jugendbuchautorin Mitglied des P.E.N. wird."

Respekt vor der Schöpfung

Sie sei in der Schattennetz-Debatte "völlig missverstanden"worden, sagt die Autorin heute, auch wenn sie sich "in all das nicht mehr so genau erinnern" kann und lieber über die Zeit spricht, als sie als Leiterin des österreichischen Büros der ICMC (International Catholic Migration Commission) zum ersten Mal nach Nordamerika reiste und in Berührung mit der dortigen indigenen Bevölkerung kam. Bei den indianischen Völkern habe sie all das wiedergefunden, was sie von jeher empfunden habe und das sie "Respekt vor der Schöpfung" nennt.

Wie ernst es ihr damit ist, hat Recheis nicht nur in ihren Büchern, die von der Weisheit dieser Völker erzählen, bewiesen, sondern auch durch konkretes Engagement für eine bedrohte Kultur. So nimmt es nicht wunder, dass sie neben den vielen Preisen, die sie hierzulande erhalten hat, als größte Auszeichnung jene empfindet, dass ihr der Lyriker Joseph Bruchac den Namen "molse-Mawa" ("Beschützerin des Wolfes") gegeben hat.

Wenn Heidi Lexe und Kathrin Wexberg ihren Sammelband, dessen Präsentation all diese wetterfesten Menschen hierher geführt hat, Der genaue Blick nennen, dann könnte die Wahl des Titels eine bessere kaum sein, sind es doch der unbestechliche Blick auf die Welt und die präzise sprachliche Umsetzung desselben, die Käthe Recheis' umfassendes Werk auszeichnen. Und wenn die Reden gehalten sind und die Tortenkerzen angezündet werden und die Gefeierte aufsteht, um sich dankbar und dankend dem Publikum zuzuwenden, dann wird die Ahnung, dass Demut und Bescheidenheit den aufrechten, unbeirrbaren Gang nicht ausschließen, sondern bedingen, zur erfahrbaren Gewissheit. (Josef Bichler, Family, DER STANDARD, 1.7.2013)

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7 Postings

Eine schöne Gelegenheit, nach so vielen Jahren wieder einmal „Lena – unser Dorf und der Krieg“ zu lesen. Ich erinnere mich, dass dieses Buch mich Zwölf- oder Dreizehnjährigen vollkommen in seinen Bann gezogen und sehr berührt hat.

...und erst die Nudeln!

Spitze! ;-))

hab ihre bücher sehr gerne gelesen.

danke für die wundervollen

stunden mit z.b. dem weißen wolf...

jaa! ich kann mich sogar noch an einzelne passage erinnern, so oft hab ich das buch gelesen.

Alles Gute zum 85., Frau Recheis!

"Der Weiße Wolf", dieses Buch lesen jetzt meine Kinder mit derselben Begeisterung wie ich damals.

Mögen sie noch lange leben!

Und die "Wolfsaga"!

...mein Lieblingsbuch als Jugendliche, und auch heute noch (bin 30) zieht es mich immer wieder in seinen Bann.

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