"Schiefergas bleibt Teil der Klimalösung"

Interview1. Juli 2013, 18:49
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Warum er Atomkraft beim Senken der Treibhausgas-Emissionen für unverzichtbar hält, erklärt US-Energieminister Ernest Moniz

STANDARD: Präsident Barack Obama hat kürzlich seine neue Klimainitiative präsentiert. Schenken die USA dem Kampf gegen die Treibhausemissionen mehr Bedeutung?

Moniz: Wir sind auf halbem Weg in Richtung jener 17-prozentigen CO2-Reduktion, zu der sich Präsident Obama beim Klimagipfel 2009 in Kopenhagen bekannt hat. Nun steht das Erreichen des Zieles auf dem Programm. Dabei geht es um die Reduktion der Treibhausgase durch Einsatz erneuerbarer Energie ebenso wie - in einer Übergangsphase - durch den Ersatz von Kohle durch Gas.

Wir beschäftigen uns aber auch mit der Vorbereitung auf die Folgen der Klimaerwärmung und dem Schutz vor Naturkatastrophen. Ein Aspekt ist die Verbesserung der Elektrizitätsnetze, die für das Einspeisen erneuerbarer Energien aufgerüstet werden müssen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die internationale Dimension. Die USA wollen beim Klimaschutz eine Führungsrolle einnehmen und den Entwicklungsländern behilflich sein.

STANDARD: Welche Ziele setzen Sie bei den Erneuerbaren?

Moniz: In der ersten Amtszeit von Präsident Obama hat sich deren Anteil - wir sprechen vor allem von Wind-, Solarenergie und Geothermie - verdoppelt. In dieser Amtsperiode soll eine weitere Verdoppelung stattfinden. Wir hätten dann einen Anteil von sechs Prozent, der dann weiter kontinuierlich steigen soll. Es gibt aber Bundesstaaten, die weit stärker engagiert sind.

Wir haben bereits enorme Fortschritte erzielt, nicht zuletzt durch jene Unterstützungen, die als Reaktion auf die Krise 2009 beschlossen wurden. Der Elektrowagenhersteller Tesla beispielsweise zahlte die öffentlich garantierten Kredite neun Jahre früher als geplant zurück. Nächstes Jahr, wenn der Export startet, werden sie das Auto vielleicht schon in Wien sehen.

STANDARD: Welche Rolle nimmt Schiefergas ein? Es gibt ja massive Kritik an den dadurch verursachten Umweltschäden.

Moniz: Schiefergas war und bleibt Teil der Lösung. Die USA sind die einzige führende Industrienation mit deutlichen Reduktionen bei den Treibhausgasemissionen. Fast die Hälfte der Senkung basiert auf der Verdrängung von Kohle durch Gas. Das ist ein reines Marktphänomen. Dazu kommen sinkende Energiepreise und eine Wiederbelebung der Produktion. Das hat hunderttausende Jobs gebracht.

STANDARD: Es gibt - neben den Umweltschäden - auch wachsende Sorge wegen der übertriebenen Schiefergasprognosen. Fürchten Sie ein Platzen der Blase, sollte die Erschöpfung der Vorkommen über den derzeitigen Annahmen zu liegen kommen?

Moniz: Das ist ein Missverständnis. Bei Schiefergas gibt es zwar zu Beginn eine höhere Erschöpfungsrate als bei konventioneller Förderung, aber auch die anfängliche Produktion ist viel höher. Unter dem Strich steigt die produzierte Fördermenge enorm, während die Kosten nach unserer Einschätzung niedrig bleiben.

STANDARD: Die USA steuern in Richtung Energieautarkie. Welche Auswirkungen hat das auf künftige Gasströme?

Moniz: Die Gasströme haben sich durch die Revolution in den USA bereits ohne Exporte dramatisch verändert. Wir hatten ja früher große Importe. Jetzt geht das ganze Gas woandershin, vor allem nach Europa. Übrigens gibt es bereits US-Gasausfuhren, allerdings nur in Länder, die ein Freihandelsabkommen mit den USA haben. Für Europa oder Japan bedarf es einer Lizenz. Zwei Lizenzen wurden bereits erteilt.

STANDARD: Auch nach Europa?

Moniz: Das bestimmen nicht wir. Wir genehmigen nur eine bestimmte Menge an Ausfuhren in Staaten ohne Freihandelsabkommen, wohin das Gas dann tatsächlich geliefert wird, entscheidet der private Sektor.

STANDARD: Welchen Stellenwert wird Atomkraft einnehmen?

Moniz: Atomkraft ist Teil des Programms. Vier neue Kraftwerke sind geplant, zwei in Georgia, zwei in South Carolina. Als besonders kritisch gilt die Kostenentwicklung der Projekte. Wir unterstützen zudem den Einsatz kleiner Modularreaktoren bis 2020.

STANDARD: Stichwort Fukushima: Sicherheitsrisiken und das Entsorgungsproblem sehen Sie nicht?

Moniz: Fukshima hatte ja nichts mit der Konstruktion des Reaktors an sich zu tun, sondern mit dem Tsunami. Wir haben die Sicherheit der Reaktoren betreffend einen guten Track-Record. Wenn Länder wie Deutschland und Österreich - hoffentlich basierend auf einer guten Faktenlage - keine Kernenergie wollen, ist das fein. Aber im Programm von Präsident Obama wird Atomkraft weiterhin eine wichtige Stellung einnehmen, weil sie CO2-frei ist. Ich persönlich halte eine Umkehrung des Treibhausgasausstoßes ohne Kernkraft für sehr schwierig. Ich frage mich, ob über die Alternativen ebenso faktenbasiert diskutiert wird. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, 2.7.2013)

Ernest Moniz (68) ist seit Mai US-Energieminister. Der Nuklearphysiker war bereits unter Bill Clinton in dem Ressort tätig. Der Sohn portugiesischer Einwanderer leitet das Energieinstitut am Massachusetts Institute of Technology.

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    Der Nuklearphysiker und US-Energieminister Ernest Moniz hegt weder gegen das in Europa umstrittene Fracking für Schiefergas Bedenken noch gegen den Ausbau der Atomkraft.

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