"Wir Reichenauer waren immer politisch unabhängig"

Interview1. Juli 2013, 17:06
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Die Burg macht wieder Sommerfrische am Fuß der Rax: Renate Loidolt und Peter Loidolt erinnern sich an die Gründung der Festspiele Reichenau im Jahr 1988

Reichenau - Mit Henrik Ibsens Stützen der Gesellschaft starten die Festspiele Reichenau am Mittwoch ihr diesjähriges Programm. Während fünf Wochen werden rund 40.000 Menschen in den Sommerort am Fuß der Rax strömen, um sich an Stücken von (oder nach) Schnitzler, Ibsen, Flaubert und Nestroy zu delektieren. Renate und Peter Loidolt stehen dem Großunternehmen mit eiserner Konsequenz vor: sie als Geschäftsführerin, er als Intendant und Bühnenbildner.

STANDARD: Die Festspiele Reichenau gehören seit einiger Zeit nicht mehr zum NÖ Theatersommer. Wie kam es zu dieser Abnabelung?

Renate Loidolt: Wir sind aus dem Theaterfestival Niederösterreich ausgetreten, um einen individuellen Weg zu gehen. Mein Mann war 15 Jahre lang Vorsitzender.

STANDARD: Sie wollen sich auf sich selbst konzentrieren?

Peter Loidolt: Wenn sich Künstler nicht auf sich selbst konzentrieren, dann sind sie keine Künstler. Das Theaterfest hat sich sehr gewandelt mit den Jahren. Früher gab es ein paar Standardnamen, Elfriede Ott auf Burg Liechtenstein zum Beispiel. Aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass die Politik, wenn sie Geld in die Hand nimmt, es auch gern mit der Gießkanne verteilt. Gesagt wird: Jeder kleine Ort soll in "seiner" Kategorie etwas vorweisen. Niemand hört gern, er spiele in der dritten oder zweiten Liga, in der ersten oder in der Champions League. Es war mein Bestreben zu sagen: Wenn du Sommertheater machst, stehe dazu, behaupte nicht, hochklassig zu sein! Das wurde nie recht verstanden. Auf der anderen Seite postuliert die Politik immer: Alle sind gleich. Aber Künstler, die alle gleich sind, sind keine Künstler mehr.

STANDARD: Wann haben Sie sich vom Verband getrennt?

Peter Loidolt: 2009, nachdem sich die Entscheidung 2008 abgezeichnet hatte. Die Trennung ging elegant vonstatten.

Renate Loidolt: Es war schon eine konfliktbeladene Situation. Es war keine Sitzung mehr friedlich abzuwickeln. Es hieß: Immer ist Reichenau vorne dran. Es gab gravierende Unterschiede: Wir hatten vier Produktionen, die meisten nur eine ...

STANDARD: Die Festspiele Reichenau weckten Neidgefühle?

Peter Loidolt: Wir hatten uns immer als Produzenten verstanden. Damit waren ganz andere Kriterien für uns maßgeblich.

Renate Loidolt: Wir waren nie ein politisch abhängiges Festival, diese gemeinschaftliche Anmutung, die etwa durch die Pressekonferenzen entstand, hat mich als Geschäftsführerin immer gestört. Das hat nie gestimmt, da wir uns immer zu 80 Prozent selbst finanziert haben. Vielleicht war die Subvention des Landes für Reichenau, gemessen an den Zuschüssen für die anderen, die höchste.

Peter Loidolt: Im niederösterreichischen Landestheater wird ein Zuschauer mit 100 Euro subventioniert, bei uns mit elf Euro. So etwas schafft Unabhängigkeit. Es hat einige Zeit gedauert, bis die politischen Köpfe in St. Pölten gemerkt haben: Aha, die Reichenauer wollen unabhängig sein.

STANDARD: Sie wollten dadurch keine politische Minderschätzung zum Ausdruck bringen?

Peter Loidolt: Überhaupt nicht.

Renate Loidolt: Von der Freundschaft bis zu großen Streitigkeiten haben wir alles durchgemacht.

Peter Loidolt: Jetzt herrscht eitel Wonne. Was passiert denn in Wirklichkeit? Wir erhalten jährlich 440.000 Euro Subventionen und wir führen 1,2 Millionen Euro Steuern an den Staat ab.

STANDARD: Die Reichenauer Festspiele wirken auf den Beobachter als ein Sommertheater, das sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt, als Bestandteil der Sommerfrische wahrgenommen zu werden.

Renate Loidolt: Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass in einer kleinen Gemeinde wie Reichenau ein solches Theater steht: 1926 erbaut, um nach dem Untergang der Monarchie den Tourismus noch einmal anzukurbeln. Wir hatten die erste Seilbahn in Österreich, dazu gab es zeitgleich das Strandbad in Edlach. Die wirtschaftlich schlechten Zeiten vereitelten alle Anstrengungen um eine Revitalisierung. Ich habe das, 1950 vor Ort geboren, alles miterlebt. Wir waren in den 1960er-Jahren glücklich, wenn eine Gastspielbühne aus St. Pölten oder Baden kam.

Peter Loidolt: Die Gegend hatte ihre eigene Tradition komplett vergessen. Schnitzler, Hofmannsthal, Kokoschka verbrachten ihre Sommer in Reichenau. Es ist verbürgt, dass Hofmannsthal überlegte, seine Festspiele in der hiesigen Gegend zu gründen. Und jemand wie Robert Musil saß bis in die 1930er-Jahre im Thalhof.

STANDARD: Reichenau war ein köstliches Gefäß, nur sein Inhalt war ausgelaufen?

Renate Loidolt: Wir konnten wirklich Schatzgräberei betreiben. 1988 war der kulturpolitische Erfolg meines Mannes der, dass wir ein Pilotprojekt starten konnten, wodurch wir jedes Jahr eine Million Schilling erhielten.

Peter Loidolt: Damals zeigte sich Erwin Pröll, noch nicht Landeshauptmann, sehr aufgeschlossen. Wir haben völlig vergessene Dinge entdeckt. Franz Werfel wollte im New Yorker Exil, dass Karl Farkas für ihn den Jacobowsky aus Jacobowsky und der Oberst spielt.

Renate Loidolt: Wir saßen 1987 im Burgtheater und sahen Nestroys Umsonst in der berühmten Inszenierung von Achim Benning. Ich las im Programmbuch: Nestroy schrieb das Stück 1856 in Reichenau. Ich dachte: Verdammt, das lese ich hier zum ersten Mal. Aus lauter solchen Bausteinen setzte sich unsere Entdeckerzeit zusammen. Ich ergatterte Stefan-Zweig-Postkarten, die dieser vom Südbahnhotel aus schrieb. Wir suchten die alten Villen auf und fotografierten sie: die Werfel-Villa, das Doderer-Haus, den Thalhof.

STANDARD: Wie kommt man von der kulturellen Erschließung einer Landschaft zum Theatermachen?

Peter Loidolt: Indem wir jede Schwäche des Wiener Theaters ausgenützt haben. Beispiel: Karlheinz Hackl wollte im Josefstadt-Theater den Anatol spielen. Mit seinem Wunsch blitzte er dort ab, ebenso an der Burg. Da hatte ich ihm schon gesagt: Spiele es doch bei uns in Reichenau!

Renate Loidolt: In der Rückschau war das revolutionär: Wir schafften es als No-Names auf Anhieb, Burgschauspieler zu finden, die Farkas spielen. Wir wussten gar nicht, wie man mit solchen Herrschaften spricht. Wir mieteten einen Salon im Bristol und luden ein. Hackl erschien mit großem Hut: Farkas in Reichenau? Können wir das überhaupt? Heute noch gastiert er mit Farkas-Programmen.

STANDARD: Und womit haben Sie die Schauspieler "herumgekriegt"?

Peter Loidolt: Ich habe von Anfang an gefragt: Wo liegt das Gagenniveau in Salzburg? Dasselbe kriegt ihr in Reichenau. Nicht, um Sommertheater zu spielen, wie es Schnitzler satirisch beschreibt. Sondern ich will erstklassiges Theater haben. Wir haben auch nicht die Unzufriedenen der Ära Claus Peymann angesprochen.

STANDARD: Sie haben nicht das "Gegen-Burgtheater" etablieren wollen, wie des Öfteren kolportiert?

Peter Loidolt: Wir haben mit Hackl und mit Robert Meyer angefangen. Die waren unter Peymann unentwegt beschäftigt. Wir haben anderes probiert: Wir haben Schnitzler gespielt mit Martin Schwab. Und was am interessantesten war: Dasselbe Publikum, das sich in Wien über die "deutschen Schauspieler" erregt hat, war bei uns hochzufrieden: "Oh, wie gut!" In Wien wurde halt damals kaum Schnitzler gespielt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 2.7.2013)

Peter Loidolt ist Exreedereimanager und Maler, Renate Loidolt ist Volkswirtin. Zusammen gründeten sie 1980 den Kulturverein Reichenau, aus dem die heutigen Festspiele hervorgegangen sind.

  • Bauten das Festival mit eiserner Konsequenz auf: Intendant Peter Loidolt und Geschäftsführerin Renate Loidolt. 
    foto: apa/georg hochmuth

    Bauten das Festival mit eiserner Konsequenz auf: Intendant Peter Loidolt und Geschäftsführerin Renate Loidolt. 

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