Blumenkinder gegen Säulenheilige

1. Juli 2013, 11:34
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Gefährliche Routine bei den Mailänder Männerkollektionen für kommendes Frühjahr: Den Mangel an jungen Kreativen versucht man mit einem Mehr an Qualität wettzumachen. Das gelingt nicht immer

Die gute Laune gehört in Italien mit zum Spiel. Nur manchmal kann sie auch hier sehr schnell getrübt werden. Als sich mitten unter der Modewoche die Zampanos der italienischen Mode versammelten, um Journalisten die Zukunft der Modekammer zu skizzieren, herrschte nicht lange eitel Wonne. Ein französischer Journalist verglich die italienische Mode mit der Politik des Landes (die Jungen gehen weg, die alten bleiben auf ihren Posten sitzen), da maulte Prada-Chef Patrizio Bertelli bereits zurück: Von einem Franzosen müsse man sich gar nichts sagen lassen. Ohne die italienischen Manufakturen würde die internationale Mode in sich zusammenfallen.

Womit er recht hat. Geht es um Qualität, dann lässt noch immer der Großteil der weltweiten Designermarken in Italien fertigen. Als Modemessenstandort ist Mailand in den vergangenen Jahren aber gehörig unter Druck geraten. In London hat man bereits eine eigene Männermodewoche aus dem Boden gestampft, in New York ist man gerade dabei. In Mailand ist es dagegen schon eine Revolution wenn eine der wichtigen Marken das Defilee verlegt. Diesmal begann Ermenegildo Zegna eine Stunde früher. Stefano Pilati, ein Italiener, der für viele Jahre die Geschicke von Yves Saint Laurent (ein französisches Nationalheiligtum) leitete, stellte seine erste Kollektion für Zegna vor. Das klingt unaufregender als es ist.

Designerwechsel passieren in Italien seltener als in der von Konglomeraten dominierten französischen Mode. Hier sitzen viele Familien am Ruder, und wenn sich einmal ein auswärtiger Designer in die heiligen Hallen verirrt, dann währt das Experiment meist nicht lange (bei Trussardi musste gerade einer der interessantesten jungen Designer, Umit Benan gehen, um Tochter Gaia Trussardi Platz zu machen). Bei Zegna durfte bis jetzt überhaupt kein Designer vor den Vorhang treten. Die Marke war der Star.

Erwartbar zurückhaltend gab sich Pilati. Da schritten zwar seine langen, mit einem Gürtel zusammengezurrten Mäntel über den Laufsteg, die Shirts mit den sanften Schultern oder die von ihm so geliebten Safarijacken, dennoch stand die Kollektion zutiefst in der Tradition des Hauses. Die ernste Note, das souveräne Farbspiel, die Präzision in der Verarbeitung: Vorerst wird sich Familie Zegna vor dem Eindringling nicht fürchten müssen.

Immerhin steht einiges auf dem Spiel: "Mode ist eine der Säulen der italienischen Wirtschaft" betonte CEO Ermenegildo Zegna beim Treffen der Säulenheiligen. "Um so wichtiger ist es, dass wir zusammenhalten". Gerade damit hat man sich in Mailand immer schwergetan. Traditionelle Ausreißer wie Dolce & Gabbana und Giorgio Armani waren auch jetzt nicht dabei. Letzterer stellte sein Teatro Armani immerhin einem der (bisher stiefmütterlich behandelten) Nachwuchsdesigner zur Verfügung: Andrea Pompilio.

Flitzer bei Dolce & Gabbbana

Bei Dolce & Gabbana konnte man dagegen ganz gut sehen, woran es der Mailänder Mode oftmals krankt: Tradition geht vor Innovation. Bei Dolce & Gabbana bedeutet das: Sizilien. Diesmal ließen sich die beiden Jungs von Tempelruinen auf der Mittelmeerinsel "inspirieren". Was in etwa so viel bedeutet, dass sie die Drucke recht wahllos für Shorts, Shirts und Anzüge verwendeten. Wäre am Ende der Schau nicht ein Nackedei über ihren Laufsteg geflitzt, die Show hätte es kaum in die Schlagzeilen geschafft. Mit Innovation hat auch Armani traditionell ein Problem, einem beinahe 80-Jährigen sieht man das aber nach. Bei der Hauptlinie Giorgio Armani zeigte er, wie man eine gesamte Kollektion souverän rund um die Farbe Navy aufbaut, bei Emporio Armani spielte er gekonnt mit einem Wabenmuster als Leitmotiv. Was sonst noch auffiel: Die Models schritten mit einem breiten Grinsen über den Laufsteg. Selbst in Italien hat die demonstrativ zur Schau gestellte gute Laune aber manchmal auch eine andere Seite, eine finstere, abgründige.

Womit wir bei Miuccia Prada wären. Die Granddame der italienischen Mode arbeitete diesmal mit Exotikversatzstücken. Allerdings so, dass dabei auch immer ein gewisses Unbehagen zu spüren war. Hawaiihemden treffen auf Nadelstreif, Südseemotive auf Doppelreiher, Gauguins Südsee auf Conrads Herz der Finsternis. Trotz des Blicks zurück auf die Herrengarderobe der 1940er, durchzog die Kollektion aber ein durch und durch heutiges Gefühl.

Ähnlich auch bei Bottega Veneta, wo Designer Tomas Maier eine wunderbar stimmige Kollektion vorlegte. Hier waren es allerdings die adretten und ein wenig grauen 1950er-Jahre, die Pate standen. Einen Twist gaben der Kollektion Trompe-l'OEil-Effekte auf Sakkos und Shirts und ein hübsches Spiel mit Gittermustern.

Und sonst? Dominierten die gut eingeführten Namen: Jil Sander zeigte knielange Glockenshorts, Donatella Versace lieferte eine weitere Karikatur der Stilexzesse früherer Tage, Diesel bürstete Straßenboys auf Smart Casual. Die dominierenden Themen: Prints, Farben und viel Sportswear.

Bei der Modekammerdiskussion saß im Übrigen kein einziger jüngerer Designer auf dem Podium. (Stephan Hilpold, DER STANDARD, 29.06.2013)

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    Ein Mann geht auf Reisen: In der neuen Kollektion von Miuccia Prada ist das Ziel der Sehnsucht eindeutig. Es ist die Südsee, in die es die italienische Designerin zieht.

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