Ärger und Sorgen nach nächstem Reifenfiasko

1. Juli 2013, 17:02
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Krisensitzung mit Hersteller Pirelli nach Vorfällen in Silverstone - Hamilton: "Dafür will ich mein Leben nicht riskieren"

Silverstone - Der sonntägliche Grand Prix von Großbritannien hat nach zahlreichen spektakulären Reifenplatzern die Debatte um die Einheitspneus von Pirelli neu entfacht. "Diese verdammten Reifen, dafür will ich mein Leben nicht riskieren", schimpfte Lewis Hamilton. Dem Pole-Mann war bei seinem Heimrennen schon nach wenigen Kilometern der linke Hinterreifen um die Ohren geflogen.

Auch der Automobil-Weltverband FIA war aufgeschreckt. "Ich hatte ein Gespräch mit den Verantwortlichen, und sie haben mir zugesichert, dass die Vorfälle schnell analysiert werden", sagte Präsident Jean Todt. Am Mittwoch ist in Paris eine Krisensitzung angesetzt, denn schon in wenigen Tagen steht auf dem Nürburgring das nächste Rennen auf dem Programm.

Testbeschränkung offenbar aufgehoben

Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery konnte noch keine Erklärung der Vorfälle liefern. "Was passiert ist, war nicht vorherzusehen. Diese Art von Schaden ist für uns neu", sagte der Engländer. "Wir haben mit der Analyse der Schäden begonnen. Erst wenn wir die Fakten kennen, können wir entscheiden, was wir als Nächstes tun werden."

Offenbar erhielten die Italiener nun auf kleinem Dienstweg die Erlaubnis, ohne Beschränkungen weitere Testfahrten abzuhalten. "Sie können machen, was sie wollen", sagte Chefvermarkter Bernie Ecclestone am Montag. Pirelli sollen zweimal drei Testtage zur Verfügung stehen. Dafür soll auch die Nutzung aktueller Autos der Teams erlaubt sein.

Lauda fordert mehr Druck, Streik nicht ausgeschlossen

Beim Rennen am Sonntag hatten sich auch an den Wagen von Felipe Massa (Ferrari), Jean-Eric Vergne (Toro Rosso) und Sergio Perez (McLaren) Reifen in ihre Einzelteile verabschiedet. "Die Reifenschäden machen mir große Sorgen. Da muss etwas passieren", sagte Hamilton. "Dass solche Probleme auftreten, ist inakzeptabel." Auch Sieger Nico Rosberg zeigte sich besorgt. Ändert sich bis zum Wochenende nichts, könnten die Fahrer streiken. "Darüber werden wir ganz sicher diskutieren. Für unsere Sicherheit könnten wir das tun", sagte Massa.

Und Niki Lauda, Aufsichtsratschef bei Mercedes, forderte: "Die Teams müssen jetzt gemeinsam Druck auf Pirelli ausüben, damit solche Dinge nicht mehr passieren. Da kannst du tot sein. Irgendwo hört der Spaß auf." Lauda glaubt allerdings nicht, dass bereits am Nürburgring jene neuen Reifenmischungen zur Verfügung stehen, die eigentlich schon längst im Einsatz sein sollten, wegen zu wenig Testmöglichkeiten bisher aber zurückgehalten wurden.

"Ich hatte richtig Angst", gestand sogar der eher hartgesottene Spanier Alonso. Via Twitter veröffentlichte der Ex-Weltmeister eine Fernsehaufnahme eines fliegenden Reifenteils, der sich bei 288 Stundenkilometern direkt vor ihm vom McLaren des Mexikaners Perez gelöst hatte. "Ich hatte Glück, er hat mich um einen Zentimeter verpasst", so Alonso.

Auch Curbs im Visier

Red Bull spekulierte während des Rennens, dass ein Randstein Grund für die vielen Unfälle gewesen sein könnte. Entsprechend zurückhaltend äußerte sich Weltmeister Sebastian Vettel nach seinem Ausfall bezüglich Konsequenzen: "Jetzt müssen wir schauen, ob es an den Reifen lag oder an der Strecke." Auch sein Teamchef Christian Horner warnte davor, voreilig Schlüsse zu ziehen: "Jeder war heute sehr nervös wegen der Reifen. Wir müssen jetzt aber erst einmal mit Pirelli darüber reden, bevor wir das beurteilen."

Horner brachte auch eine Rückkehr zu den Vorjahresreifen ins Spiel. Das wäre ein logischer Schritt, schließlich habe dieses Material gut funktioniert."Das ist eine Angelegenheit von Pirelli, sie müssen eine Lösung finden, sie müssen sich darum kümmern. Ob sie zum Vorjahresreifen zurückgehen oder zu einem neuen, sie brauchen eine Lösung. Die logischste Sache wäre es, zu den Reifen zurückzukehren, die für sie vorher gut funktioniert haben. Die Reifen, die sie im Vorjahr hatten, hatten diese Fehler nicht", sagte Horner.

Das italienische Unternehmen aber ist keineswegs der Alleinschuldige an dem Desaster. Der neue Reifen mit höherem Verschleiß wurde ausdrücklich auf Wunsch der Formel 1 zur Verbesserung der Show eingeführt.

Newey: Neuerungen vorsätzlich blockiert

Cheftechniker Adrian Newey schob die Schuld am Reifenproblem den Rivalen in die Schuhe, die aus kurzsichtigen Überlegungen heraus Neuerungen blockiert hätten. "Es ist eine traurige Situation, aber das ist eben das Wesen der Formel 1. Es ist ziemlich klar gewesen, dass es im Lauf der Saison einige besorgniserregende Reifenfehler gegeben hat. Pirelli hat dafür eine Lösung angeboten oder scheint dafür eine Lösung mit einer anderen Konstruktion gefunden zu haben, die ursprünglich für Montreal angeboten worden war", erklärte der Red-Bull-Cheftechniker.

"Zwei oder drei Teams haben ihr Veto dagegen eingelegt, weil sie besorgt waren, dass sie für andere Teams besser als für sie selbst passen würden, und als Ergebnis dieser Kurzsichtigkeit sind wir jetzt so weit, dass die Formel 1 diese besorgniserregende Performance wie heute abliefert und Bedenken über die Sicherheit der Fahrer hat." Konkret handelt es sich dabei um Lotus, Ferrari und Force India. Aus Neweys Sicht wäre es mit einer anderen Reifenkonstruktion nicht zu derart katastrophalen Pannen gekommen. (sid/APA/red, derStandard.at, 1.7.2013)

  • Da gehen sie hin: Hamilton, Massa, Perez und Vergne.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Rest des Untersatzes von Felipe Massas Ferrari.

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