Unesco als Schutz gegen "billige Investorenprojekte"

Interview1. Juli 2013, 09:58
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Bertram Werle, Leiter der Grazer Stadtbaudirektion, erklärt im STANDARD-Gespräch, wie sich zeitgenössisches Bauen mit Unesco-Weltkulturerbe verträgt

In den letzten zehn Jahren sind in Graz etliche Mischnutzungsprojekte entstanden. Bertram Werle, Leiter der Grazer Stadtbaudirektion, erläutert im Gespräch mit Wojciech Czaja die Gründe.

STANDARD: Zeitgenössisches Bauen und Unesco-Weltkulturerbe - wie verträgt sich das?

Werle: Es gibt in Graz viele Beispiele, wo sich das sehr gut verträgt. Das Weltkulturerbe in Graz zeichnet sich dadurch aus, dass wir Meisterwerke aus allen Stilepochen haben. Daher sind wir der Meinung, dass es in Graz auch für zeitgemäße Architektur, für Meisterwerke der Gegenwart Platz geben muss. Entscheidend aber ist, dass man die betreffenden Stellen bereits im Vorfeld miteinbezieht.

STANDARD: In den letzten zehn Jahren sind in der Grazer Altstadt etliche zeitgenössische Gebäude entstanden, etwa das Kunsthaus Graz, die Aufstockung des Kastner & Öhler oder das neue Joanneumsviertel. Wie lauten die Auflagen an die Bauträger und Investoren?

Werle: Die wichtigsten Kriterien sind Maßstäblichkeit und städtebauliche Einbettung. So gesehen ist das Unesco-Weltkulturerbe ein Garant für hochwertige Architekturqualität und somit auch ein Schutz gegen billige Investorenprojekte. Generell kann ich sagen: Man muss sich dieser Verantwortung des historischen Kontextes bewusst sein. Wenn dieses Bewusstsein und diese Sensibilität vorhanden sind, dann sehe ich kein Problem.

STANDARD: Die Preise in den neuen Pfauengarten-Häusern liegen zwischen 5000 und knapp 10.000 Euro pro Quadratmeter. Befürchten Sie da nicht eine Gentrifizierung und weitere Verteuerung der Wohnflächen?

Werle: Wir beobachten in Graz seit einigen Jahren ein sehr starkes Bevölkerungswachstum - auch in der Innenstadt. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf den Immobilienmarkt. Die Grundstückspreise ziehen stark an. Und es gibt eine Klientel, die durchaus bereit ist, für solche Objekte Spitzenpreise zu zahlen. Diesen Mix muss eine Stadt vertragen. Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Anzahl solcher Premium-Projekte in Graz überschaubar ist.

STANDARD: Im Gegensatz zu anderen Städten in Österreich werden in Graz immer wieder auch kleinere Neubauten realisiert, bei denen Wohnen mit Gewerbe kombiniert wird. Ist das eine Grazer Spezialität?

Werle: Im Kerngebiet der Stadt ist diese Flächenmischnutzung von uns ausdrücklich erwünscht. Wir forcieren diesen Mix in unserem Stadtentwicklungskonzept. Und wenn es sein muss, üben wir auf den Investor entsprechend Druck aus. Reine Gewerbeentwicklungen finden in Graz heute praktisch nicht mehr statt. Das Ziel ist eine Stadt der kurzen Wege.

STANDARD: Ursprünglich war am Pfauengarten auch ein Hotel vorgesehen. Dieser Plan ist geplatzt. Warum?

Werle: Der Standort ist ein sehr spezieller. Und nachdem es in Graz zurzeit kein einziges Fünf-Sterne-Hotel gibt, wäre es sehr schön gewesen, hier ein solches zu verwirklichen. Leider ist unser Hotelpartner abgesprungen. (DER STANDARD, 29.6.2013)

Bertram Werle (46) studierte Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien und ist seit 2001 Leiter der Grazer Stadtbaudirektion.

  • Bertram Werle: "Reine Gewerbeentwicklungen finden in Graz heute praktisch nicht mehr statt. Das Ziel ist eine Stadt der kurzen Wege."
    foto: stadt graz

    Bertram Werle: "Reine Gewerbeentwicklungen finden in Graz heute praktisch nicht mehr statt. Das Ziel ist eine Stadt der kurzen Wege."

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