314.000 ohne Job, Rüsten für Dayli-Pleite

1. Juli 2013, 11:55
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31.000 mehr als im Jahr davor sind auf Suche, Ausländer und Ältere sind besonders betroffen. Die Regierung ist für eine Dayli-Pleite bereit

Wien - Nachdem ein gut gelaunter Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) die versammelte Journalistenrunde mit Handschlag begrüßt hatte, musste er am Montag Unangenehmes verkünden. Die Zahl jener, die einen Job suchen, ist im Juni erneut gestiegen. Insgesamt 314.407 Personen suchen derzeit eine Arbeitsstelle - 30.770 oder 10,8 Prozent mehr als im Juni des Vorjahres.

242.242 Personen waren arbeitslos gemeldet, weitere 72.165 absolvierten eine Schulung. Besonders gestiegen ist die Arbeitslosigkeit bei Ausländern mit einem Zuwachs von 18 Prozent und bei Personen über 50 Jahren mit plus 16 Prozent.

3,5 Millionen Arbeitnehmer

Die nationale Arbeitslosenquote lag bei 6,5 Prozent, ein Plus von 0,5 Prozentpunkten. Nach europäischen Kriterien berechnet betrug die Arbeitslosenquote 4,9 Prozent, teilten Hundstorfer und AMS-Chef Herbert Buchinger auf der Pressekonferenz mit.

Wie die Zahl der Erwerbslosen hat aber auch die Zahl der unselbstständig Beschäftigten um 20.000 auf 3.509.000 Menschen zugenommen.

Fragezeichen Dayli, Licht bei Alpine

In Bezug auf die Drogeriekette Dayli, die verzweifelt auf der Suche nach einem Geldgeber ist und die Juni-Gehälter zum Teil noch nicht ausgezahlt hat, gab sich Hundstorfer kryptisch: "Wir stehen zur Verfügung." Finanziell eng wird es für die Firma, weil zusätzlich zum normalen Verdienst auch das Urlaubsgeld der rund 2.700 Mitarbeiter in Österreich fällig ist.

Bei Fragen nach dem insolventen Baukonzern Alpine hellte sich Hundstorfers Miene wieder auf. Mit den zu erwartenden regionalen Baustellen-Übernahmen in sieben Bundesländern würden "2.500 bis 2.600 Arbeiter gesichert" in der Beschäftigung gehalten. Und es würden noch mehr, kündigte Hundstorfer an. Für die Angestellten sehe es freilich nicht so gut aus, "da habe ich am wenigsten Überblick", so Hundstorfer euphemistisch.

Bei der in die Pleite gerutschten Alpine Bau GmbH sind 4.905 Menschen beschäftigt.

Programme, Programme, Programme

Hundstorfer sah die Weichen trotz "getrübten Konjunkturhimmels" an diesem sonnigen Tag auf Erfolg gestellt. Er lobte die im soeben beschlossenen Konjunkturpaket zugesicherten 276 Millionen Euro für die Wohnbauförderung der Länder. Das Geld würde einen Hebeleffekt haben, der mit zwei Milliarden Euro Investitionen zu Buche stehe und 10.000 Arbeitsplätze sichere. Anders sehen das die Grünen. "Das Paket kommt zu spät und kann längerfristig keine Jobs sichern", kritisierte die grüne Arbeitnehmersprecherin Birgit Schatz in einer Aussendung.

Im Schnitt würde ein Beschäftigter im Jahr 18.200 Euro an Steuern und Abgaben abwerfen, ein Beschäftigungsloser hingegen den Staat 19.000 Euro kosten, rechnete Hundstorfer vor. Für ihn sei es daher klar sinnvoller, in Jobförderung zu investieren, als "Arbeitslosigkeit zu erdulden". Die Bildungsteilzeit, die Fachkräfteausbildung, der seit 1. Juli erhöhte Freibetrag und die ebenfalls ab 1. Juli höhere Notstandshilfe würden sich auszahlen.

Hilfe für Junge und Ältere

Ein besonderes Anliegen ist Hundstorfer die Beschäftigung der Jugendlichen, vor allem bei den Lehrlingen gehe hier die Schere auseinander. Mit rund 4.400 Suchenden wurde ein Plus von sieben Prozent verzeichnet, während die Zahl der gemeldeten offenen Lehrstellen um elf Prozent oder 2.800 Stellen zurückging. Mit der überbetrieblichen Lehrlingsausbildung und dem Prinzip "Die Firma bekommt nicht nur den Lehrling, sondern auch eine Förderung" will er bis 2015 sicherstellen, dass kein unter 25-Jähriger bis 2015 nur mehr die Schulpflicht ohne richtige Ausbildung aussitzt.

Am Jugendarbeitslosigkeits-Gipfel am Mittwoch in Berlin, an dem der Sozialminister gemeinsam mit Kanzler Werner Faymann (SPÖ) teilnimmt, will er diesen "Exportartikel Österreichs" propagieren. Dass Schweden nun die Lehre nach heimischem Vorbild einrichte, freue ihn besonders.

Vorbild Lehre hin oder her, für die Industriellenvereinigung hakt es schon an der Schulbildung. "Es darf nicht sein, dass nur jeder zweite Euro in den Klassenzimmern ankommt", kritisierte sie in einer Aussendung.

Höchster Anstieg in Salzburg

Nach Bundesländern aufgeschlüsselt musste Salzburg mit 16 Prozent den höchsten Anstieg bei den gemeldeten Arbeitslosen hinnehmen. Das geringste Plus verzeichnete Wien mit sieben Prozent. Die Wirtschaftskrise bekommen die sozial Benachteiligten besonders hart zu spüren. Von den über 22.000 neu dazu gekommenen Arbeitslosen hat die Hälfte keinen formalen Berufsabschluss.

Bau schwächelt

Nach Branchen betrachtet schwächelt nach wie vor insbesondere der Bau. Hier gab es ein Plus von 15 Prozent auf 16.432 vorgemerkte Arbeitslose. Alpine-Mitarbeiter sind darin noch nicht enthalten. Der Anstieg wird dem Zuzug von Menschen aus EU-Staaten zugeschrieben.

Auf fast gleichen Niveau (plus 14 Prozent) lag auch der Zuwachs in den Gesundheitsberufen, hier betrug die Zahl der Suchenden 6.996. Der Tourismus meldet ein en Zuwachs der Arbeitslosen von elf Prozent, Handel und Zeitarbeitsfirmen von acht Prozent.

Schrebergarten der Starthilfen

166.000 Personen waren im ersten Halbjahr in Schulung, so AMS-Chef Buchinger. Ein Viertel davon hätte zu einer "richtigen Fachausbildung" geführt. Mit der Vielfalt an Maßnahmen wie der Bildungsteilzeit und den Implacement-Stiftungen, mit welchen das AMS Personen gezielt für ein Unternehmen ausbildet, will er dafür sorgen, dass "trotz der negativen konjunkturellen Entwicklung, die Chancen des Einzelnen intakt bleiben."

Rückgang in Gesamteuropa

Im Mai ist über alle 27 EU-Staaten hinweggesehen nach monatlichen Rekordwerten die Arbeitslosigkeit erstmals wieder leicht von 11,0 auf 10,9 Prozent zurückgegangen. Für die 17 Länder der Währungsunion hat die EU-Statistikbehörde Eurostat ein Absinken von 12,2 auf 12,1 Prozent verzeichnet.

Nach Schätzungen von Eurostat waren 26,4 Millionen Menschen in der EU-27 arbeitslos, davon 19,22 Millionen im Euroraum. Von den Jugendlichen (bis 25 Jahre) waren 5,5 Millionen ohne Arbeit, davon 3,53 Millionen im Euroraum.

Kroatien mit hoher Rate

In zwei Monaten wird sich mit den Juli-Zahlen die Berechnung ändern. Denn dann fließt erstmals Kroatien als achtundzwanzigster EU-Staat in die Quote ein. Kroatien würde EU-weit mit 16,5 Prozent den vierthöchsten Wert bei der Arbeitslosigkeit verbuchen.

Kroatischen Bürgern bleiben die aufnahmefähigeren Arbeitsmärkte des Nordens aber vorerst versperrt. Neben Österreich haben Deutschland, Großbritannien, die Niederlande, Belgien, Spanien und Slowenien Übergangsfristen beschlossen. Zunächst gilt die Beschränkung für zwei Jahre und kann auf insgesamt sieben Jahre ausgedehnt werden. (sos, derStandard.at, 1.7.2013)

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    Ein kräftiges Plus gab es unter anderem in der Baubranche.

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