300.000 Morsi-Gegner am Tahrir-Platz

30. Juni 2013, 19:59
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Demonstrationen für Rücktritt des Präsidenten auch in anderen ägyptischen Städten - Bisher zwei Tote

Rund 300.000 Ägypter sind am frühen Sonntagabend auf dem Tahrir-Platz im Zentrum der Hauptstadt Kairo zusammengekommen, um Präsident Mohammed Morsi zum Rücktritt zu bewegen. Auch in anderen Städten strömten tausende Menschen am ersten Jahrestag von Mursis Amtsübernahme auf die Straßen. Die Opposition hoffte, dass die Zahl der Demonstranten im Laufe des Abends in die Millionen geht und den ersten gewählten Präsidenten des Landes zum Rückzug zwingt. Mursi betonte unterdessen, an seinem Amt festhalten zu wollen. Zugleich erneuerte er sein Dialogangebot an die Opposition und bot einmal mehr an, die ägyptische Verfassung zu überarbeiten.

Bei Zusammenstößen zwischen Gegnern und Anhängern von Präsident Morsi ist am Sonntag südlich von Kairo ein Mensch ums Leben gekommen. Mehr als zwei Dutzend Personen wurden Sicherheitskreisen zufolge in der Nil-Stadt Beni Suef verletzt. Ein weiterer Mann wurde in der zentralägyptischen Provinz Assiout erschossen, als Bewaffnete auf einem Motorrad das Feuer auf Demonstranten vor dem Sitz der Muslimbruderschaft eröffnet hätten, erklärte ein Mitglied der Sicherheitskräfte.

Richtung Präsidentenpalast unterwegs

"Die Menschen wollen den Sturz des Regimes", riefen die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz, der bereits das Zentrum des Aufstands von 2011 war, und schwenkten dabei Nationalflaggen. Nach Büroschluss und mit nachlassenden Temperaturen schlossen sich immer mehr Menschen den Kundgebungen auf den ansonsten verlassenen Straßen der Hauptstadt an. Mehrere Demonstrationszüge setzten sich am frühen Abend Richtung Präsidentenpalast in Bewegung. Dieser wurde von einem Großaufgebot an Sicherheitskräften bewacht.

Bereits im Vorfeld waren schwere Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern des Islamisten Morsi befürchtet worden. Tausende Ausländer hatten Kairo bereits am Samstag verlassen. Unterstützung kam jedoch von tausenden Ägyptern aus der Provinz, die sich Sonntagfrüh auf den Weg nach Kairo gemacht hatten.

Anhänger Morsis in Nasr-City

Wenige Kilometer von den Morsi-Gegnern entfernt versammelten sich im Kairoer Vorort Nasr-City Zehntausende Anhänger der islamistischen Parteien, um ihre Solidarität mit Mursi zu bekunden. Einige von ihnen trugen Stöcke bei sich.

Die Zeitungen beschrieben die Stimmung mit dramatischen Überschriften: "Der längste Tag" hieß es bei "Al Gomhuriya". Staatliche Zeitungen titelten: "Ägypten im Griff der Angst" und "Ägypten auf einem Vulkan". Viele unabhängige Zeitungen gaben die Positionen der Morsi-Gegner wieder. "Ein Jahr ist genug" und "Rote Karte für den Präsidenten" oder "Der jüngste Tag". Die Armee drohte mit einem Eingreifen, falls die Lage außer Kontrolle gerate.

Vergiftungen in Alexandria

Auch in der Hafenstadt Alexandria, in Port Said und in der Tempelstadt Luxor gingen Menschen auf die Straßen. In Alexandria klagten mehrere Demonstranten über Vergiftungserscheinungen, nachdem sie von Unbekannten am Straßenrand umsonst Flaschen mit Wasser und Limonade erhalten hatten. Die Organisatoren der Proteste warnten daraufhin davor, Getränke anzunehmen. Lokale Medien berichteten, bei Gewalt zwischen Islamisten und Regierungsgegnern in der Stadt Al-Mansoura seien 17 Menschen verletzt worden.

Die säkulare Opposition wirft Morsi und den islamistischen Muslimbrüdern vor, die Ideale der Revolution von 2011 zu verraten und einen ähnlich autoritären Staat wie unter Mursis Vorgänger Hosni Mubarak anzustreben. (APA, 30.6.2013)

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    So viele Menschen wie seit langem nicht machten ihrem Ärger über Präsident in aller Öffentlichkeit Luft.

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