"Ich bin ja der Oberjud', oder nicht?"

Interview30. Juni 2013, 18:04
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Seit 30 Jahren ist Paul Chaim Eisenberg Wiener Oberrabbiner. Ein Gespräch über die jüdische Gemeinde, die Rechten und die Beschneidungsdebatte

STANDARD: Sie feiern dieser Tage Ihr 30-Jahr-Dienstjubiläum als Oberrabbiner. Wie ...

Eisenberg: Eigentlich bin ich schon 35 Jahre Rabbiner. Die ersten fünf Jahre war noch mein Vater der Oberrabbiner und ich sein Assistent. Nachdem er verstorben ist, wurde ich versuchsweise gewählt. Wir versuchen es noch heute.

STANDARD: ... hat sich die Gemeinde entwickelt?

Eisenberg: Nach 1945 war sie unglaublich dezimiert und nicht unbedingt mit großem Lebenswillen erfüllt. Viele gingen davon aus, dass es keine Gemeinde mehr geben wird. Gewachsen ist sie dann ja auch nicht durch österreichische Juden, die zurückgekehrt sind. Die wollten zum Teil nicht beziehungsweise wurden sie auch nicht sehr zur Rückkehr eingeladen. Es kamen viele Juden aus Ungarn, aus Tschechien, aus Polen und dann mehr aus der ehemaligen Sowjetunion.

STANDARD: Ist die Gemeinde nun stärker orthodox ausgerichtet?

Eisenberg: Es gab in Wien immer einige mehr oder weniger orthodoxe Gruppen. Ich versuche den breiten Bogen zwischen jenen und liberalen Gruppen zu spannen. Eines verbindet uns ja alle: Wir sind Juden.

STANDARD: Mit welchen Sorgen kommen die Leute zu Ihnen?

Eisenberg: Weil noch immer viele aus dem Ausland kommen, sind es oft Fragen des Aufenthaltsrechts. Die glauben, ich muss nur den Bürgermeister anrufen, und schon ist alles geregelt. Das ist natürlich nicht der Fall. Aber wenn es irgendwo eine Sache gibt, die auf der Kippe ist, dann kann schon ein Anruf von mir helfen. Ich kann aber "keine Visa erteilen".

STANDARD: Wie verwurzelt ist die jüngere Generation?

Eisenberg: Eine fixe Verwurzelung sehe ich nicht. Meine Kinder sind alle weg: drei in Israel, zwei in Amerika und einer in England. Daran ist ein bisserl meine Frau schuld, weil sie Amerikanerin ist. Ich oder die 50er-, 60er-Jahrgänge fühlen sich schon sehr wohl. Aber es gibt Krisen: etwa die Affäre Waldheim oder die schwarz-blaue Regierung. Manche denken dann zweimal nach. Es kommen mehr Menschen nach Österreich, als wir ins Ausland verlieren.

STANDARD: Haben Sie selbst schon einmal überlegt wegzuziehen?

Eisenberg: Ich möchte vielleicht, wenn alle meine Kinder in Israel leben, in der Pension hinziehen. Israel ist immer eine Option.

STANDARD: Wie sehen Sie das Erstarken des rechten Lagers?

Eisenberg: Wir haben natürlich Sorge. Ich habe fast weniger Angst vor den Extremrechten, die zum Teil im Untergrund sind. Natürlich sind die auch gefährlich. Aber ich habe Angst davor, was da immer von einer Partei kommt. Es heißt: Wir sind nicht gegen Ausländer, sondern Pro-Österreicher. Schon können Sachen gesagt werden, die man nicht sagen sollte. Es ist derzeit in Österreich nicht schlimmer als in anderen Ländern. Sie müssen nur nach Ungarn schauen!

STANDARD: Ist die FPÖ unter Heinz-Christian Strache schlimmer?

Eisenberg: Es ist komisch zu sagen, dass Jörg Haider, der anfangs ganz extrem war, sich vielleicht auch durch die Regierungsbeteiligung ein bisserl moderiert hat. Aber ich will das nicht übertreiben und ein Haider-Lob anstimmen. Es hätte nicht sein müssen, dass Martin Graf Dritter Nationalratspräsident wird. Aber ich bin Rabbiner und würde mit Ihnen lieber über die geistige Entwicklung der jüdischen Gemeinde sprechen.

STANDARD: Im Herbst wird gewählt.

Eisenberg: ... wo der Strache ein paar Prozente machen kann. Ich sage Ihnen aber jetzt einmal etwas über die Österreicher. Viele waren schon Antisemiten, bevor die Nazis einmarschiert sind. Aber sie sind ein eher bequemes Volk und wollen sich nicht gefährden. Wenn es heute ein Gesetz gibt, das Wiederbetätigung verbietet, dann wird der Durchschnittsösterreicher sich danach richten.

STANDARD: Wurden Sie schon einmal persönlich angegriffen?

Eisenberg: Eigentlich nicht. Es sind Blicke da, oder es heißt: "Da geht der Oberjud'!" Sagt das dann ein Neonazi? Wenn vorher und danach antisemitische Aussagen kommen, ist das klar. Aber so? Ich bin ja der Oberjud', oder nicht?

STANDARD: 2012 wurde die rituelle Beschneidung heftig debattiert. Wurden Konsequenzen gezogen?

Eisenberg: Derzeit ist das Beschneiden legal. Wir haben zugesichert, dass wir zusätzliche Maßnahmen wie die Anwesenheit eines Arztes für den Notfall gerne erfüllen.

STANDARD: Was halten Sie dem Argument, die Unversehrtheit des Kindes müsse im Mittelpunkt stehen, entgegen?

Eisenberg: Es ist nicht leicht, so ein Argument wegzuwischen, aber es gibt auch fundierte wissenschaftliche Meinungen, die sagen, Beschneidung fördert die spätere Gesundheit des Mannes. Wir haben eine tausendjährige Tradition. Es ist das erste Gebot, das in der Bibel steht. Das wird für uns nicht antastbar sein. Das geht so weit, dass Menschen das Land verlassen würden, so es verboten wird.

STANDARD: Gibt es einen Ausweg?

Eisenberg: Ich kann nicht mit jemandem diskutieren, der mir sagt, dass sich das 20 Jahre später negativ auf die Sexualität auswirkt. Dagegen spricht auch schon die große Anzahl der Kinder von den vielen sehr religiösen Menschen. Ich weiß, dass das ein kleiner Eingriff ist, der schnell heilt. Wir sind bereit, auf den Gebieten der Hygiene, der medizinischen Versorgung und auch der Minimierung des Schmerzes sehr weit zu gehen. Aber wir können nicht sagen, dass wir nicht mehr beschneiden.

STANDARD: Fehlt also nur das Wissen in dieser Debatte?

Eisenberg: Nein, es entstand durch eine generelle Debatte zwischen Religion und sehr stark säkularisierten bis antireligiösen Strömungen. Wir haben uns an die Gesetze Gottes in der Bibel zu halten. So, aber jetzt reden wir wieder bisserl über mich. Hallo?

STANDARD: Was wollen Sie sagen?

Eisenberg: Dass gerade in der Einheitsgemeinde, wo alle Strömungen unter einem Dach sind, weder der Frömmste noch der Liberalste Oberrabbiner sein kann. Das muss jemand sein, der in der Mitte steht und versucht, in beide Richtungen offen zu sein.

STANDARD: Wissen Sie schon, wie lange Sie Oberrabbiner bleiben werden?

Eisenberg: Nach dem Talmud werden Rabbiner immer klüger, je älter sie werden. Daher sollte man nicht zu früh aufhören. (Peter Mayr, DER STANDARD, 1.7.2013)

Paul Chaim Eisenberg, 1950 in Wien geboren, ist Nachfolger seines Vaters als Oberrabbiner von Wien. Eisenberg hat nach der Matura kurz Mathematik und Statistik an der Uni Wien studiert.

  • Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg über die Österreicher: "Viele waren schon Antisemiten, bevor die Nazis einmarschiert sind. Aber sie sind ein eher bequemes Volk und wollen sich nicht gefährden. Wenn es heute ein Gesetz gibt, das Wiederbetätigung verbietet, dann wird der Durchschnittsösterreicher sich danach richten."
    foto: standard/regine hendrich

    Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg über die Österreicher: "Viele waren schon Antisemiten, bevor die Nazis einmarschiert sind. Aber sie sind ein eher bequemes Volk und wollen sich nicht gefährden. Wenn es heute ein Gesetz gibt, das Wiederbetätigung verbietet, dann wird der Durchschnittsösterreicher sich danach richten."

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