Rosberg gewinnt Reifenmassaker von Silverstone

30. Juni 2013, 18:38
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Kaputte Pneus bei Hamilton, Massa und Vergne - Vettel scheidet in Führung liegend mit Getriebeschaden aus - Red Bull diskutiert derweil über die Webber-Nachfolge

Silverstone - Mercedes-Pilot Nico Rosberg hat Großen Preis von England in Silverstone am Sonntag für sich entschieden. Weltmeister Sebastian Vettel schied vorzeitig aus und sah damit erstmals seit fast zehn Monaten die Zielflagge nicht. Der Red-Bull-Pilot musste das Rennen nach 42 Runden auf Position eins liegend nach einem Getriebeschaden aufgeben.

Doch dem Dreifachweltmeister bleiben immerhin noch 21 Punkte Vorsprung auf seinen ersten Verfolger Fernando Alonso (ESP/Ferrari), der hinter dem angriffslustigen Australier Mark Webber (Red Bull) in einem turbulenten und von Reifenplatzern und Safety-Car-Phasen geprägten Rennen Dritter wurde. Am Abend musste Rosberg dann plötzlich um seinen Sieg zittern, weil er eine Gelbe Flagge missachtet haben soll. Die Rennkommissare des Automobil-Weltverbandes FIA untersuchten den Fall, verwarnten Rosberg aber nur.

Explodierende Reifen, kaputtes Getriebe

Vettel war schon längst zur Kommando-Box zurückgestapft, als sein Landsmann seinen zweiten Saisonsieg ansteuerte. Nach Reifenplatzern an den Boliden von Pole-Position-Mann Lewis Hamilton (GBR/Mercedes), der damit bei seinem Heim-Grand-Prix früh ohne Siegchance war, Felipe Massa (BRA/Ferrari) und Jean-Eric Vergne (FRA/Toro Rosso) in den ersten 15 Runden war der Einsatz des Safety Cars nötig. Vettel lag bis zehn Runden vor Schluss sicher in Führung, als ihn ein kaputtes Getriebe stoppte. "Das kam sehr plötzlich. Als ich vom fünften in den sechsten Gang hochschalten wollte, hat sich der fünfte Gang verabschiedet. Wenn sich ein Gang verabschiedet, sind die anderen auch weg", schilderte Vettel.

Drei Tage vor seinem 26. Geburtstag musste Vettel den Sieg seinem Mercedes-Rivalen Rosberg überlassen, der damit nach dem umstrittenen Reifentest für Pirelli zwei der vergangenen drei Rennen gewonnen hat. "Was für eine verrückte Nummer", sagte Rosberg noch vor der Pokalübergabe mit Hinweis auf den frühen Reifenplatzer seines Stallgefährten bei den Silberpfeilen.

Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery wusste kurz nach dem Rennen noch nicht, was die Schäden bei seinen Pneus verursacht hatte. "Was heute passiert ist, war nicht vorherzusehen. Diese Art von Schaden ist für uns neu", sagte der Engländer, "wir haben mit der Analyse der Schäden begonnen. Erst wenn wir die Fakten kennen, können wir entscheiden, was wir als nächstes tun werden."

Unglaublicher Hamilton

Hamilton schaffte es nach der Schrecksekunde vom zwischenzeitlichen Platz 18 sogar noch auf Rang vier. "Das ist großartig für Nico", sagte Hamilton, persönlich überwog bei ihm aber natürlich die Enttäuschung."Das ist inakzeptabel, dass diese Reifendefekte auftreten. Ein Glück, dass niemand verletzt wurde", meinte er.

Fünfter wurde Kimi Räikkönen im Lotus, der damit Michael Schumacher einen seiner zahlreichen Formel-1-Rekorde abgenommen hat und nun 25 Mal nacheinander in die Punkteränge gefahren ist - einmal öfter als Schumacher zwischen 2001 und 2003.

In einem völlig unberechenbaren Rennen gab Hamilton vom Start weg Gas, als wollte er den Befürchtungen, dass die Reifen nicht halten können, davonrasen. Seine 28. Pole verteidigte der Brite nicht nur, er baute seinen Vorsprung auf den ersten Runden aus. Vettel kam an Hamilton nicht ran - bis in Runde acht der linke Hinterreifen vom Silberpfeil in Fetzen davonflog. Nur wenig später löste sich der Gummi von der linken Hinterradfelge bei Massas Ferrari, danach am Toro Rosso von Vergne. Das Safety Car musste raus, sogar eine Kehrmaschine wurde auf den Kurs geschickt. "Bleib weg von den Randsteinen", befahl das Team Vettel währenddessen: "Du darfst nicht auf die Abweiser fahren, sonst holst du dir auch einen Platten."

Vettel bestimmte vor Rosberg das Tempo und alles sah nach einem deutschen Doppelerfolg aus, ehe er in Runde 42 ausrollte. Vettel musste seinen Wagen auf der Start- und Zielgeraden abstellen, und erneut kam das Safety Car auf die Strecke. In dem dramatischen Finale fuhr Webber noch bis auf Rang zwei vor, kam aber an Rosberg nicht mehr heran. Für den Australier, der am Saisonende Abschied von der Formel 1 nimmt, war es der fünfte Podestplatz in Silverstone seiner Karriere.

Red Bulls Suche

Auf der Suche nach Vettels neuem Teamkollegen bahnt sich bei Red Bull eine interne Machtprobe an. Webbers abrupte Abschiedsankündigung zwingt den Rennstall zu einer heiklen Grundsatzentscheidung. Teamchef Christian Horner scheint die Verpflichtung des erfahrenen, aber exzentrischen Kimi Räikkönen zu bevorzugen, der am Sonntag als Fünfter zum 25. Mal in Folge in die Punkteränge fuhr und damit einen der unzähligen Michael-Schumacher-Rekorde löschte. Dagegen favorisiert die Fraktion um den einflussreichen Red-Bull-Berater Helmut Marko wohl für 2014 die interne Nachwuchslösung mit Daniel Ricciardo oder Jean-Eric Vergne, um das aufwendige Talenteprogramm des Konzerns nicht zu beschädigen.

Zwischen den Fronten steht Vettel, der ein Mitspracherecht haben wird. In Silverstone wand sich der Deutsche um eine Aussage zu seiner Präferenz. "Es ist immer schwer zu sagen, wie eine Partnerschaft sich entwickeln wird", erklärte Vettel. Mit Räikkönen (33) verbindet den 25-Jährigen so etwas wie eine Freundschaft, mit dem ebenfalls deutlich älteren Webber kam es im Teamduell zum heftigen Generationenkonflikt.

Zudem ist Vettel selbst das beste Beispiel dafür, dass die Beförderung eines langjährigen Red-Bull-Zöglings ein Erfolgsmodell sein kann. Der Deutsche stieg 2009 vom kleinen Schwesterteam Toro Rosso ins Red-Bull-Cockpit auf und raste mit dem Team zu drei Fahrer- und drei Konstrukteurstiteln in Serie. Der für die Nachwuchsförderung zuständige Grazer Ex-Rennfahrer Marko folgt daher der internen Logik, wenn er dem TV-Sender RTL sagt: "Die Situation ist generell so, dass wir uns keine großen Sorgen machen müssen. Wir haben aus dem eigenen Pool genügend und tolle Fahrer."

Ricciardo warb natürlich für die Hauslösung mit ihm oder Vergne. "In einer perfekten Welt müsste einer von uns beiden das Auto bekommen. Das ist der Grundgedanke hinter dem Programm." Pflichtschuldig nannte Teamchef Horner die beiden 23-Jährigen in Silverstone "echte Anwärter auf dieses Cockpit". Bis Ende des Sommers will Red Bull die spannendste Personalie auf dem Fahrermarkt geklärt haben. In der Zwischenzeit werden wohl noch viele Bewerbungen am Teamsitz Milton Keynes landen. (APA/sid/red, derStandard.at, 30.6.2013)

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    Nico Rosberg verteidigte Sieg und Pokal im Finish gegen die Angriffe von Mark Webber erfolgreich.

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    Chapeau! Lewis Hamilton fuhr seine marode Kiste zuerst in die Box und dann auf Platz vier.

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