Afrikas fragiler Boom

Blog30. Juni 2013, 09:33
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Barack Obama sieht auf seiner Reise viel wirtschaftliche Hoffnung, aber noch keine nachhaltige Wende

Jahrzehntelang war Schwarzafrika ein Synonym für Armut, Hunger, und Hoffnungslosigkeit, verursacht durch Tyrannei, Korruption, Misswirtschaft und Ausbeutung.

Doch auf seiner jetzigen Afrika-Reise erlebt US-Präsident Barack Obama etwas ganz anderes: Zahlreiche Staaten südlich der Sahara sind heute stabiler und demokratischer im Vergleich zu früher (und auch im Vergleich zu den wohlhabenderen arabischen Staaten) und weisen für das vergangene Jahrzehnt ein starkes Wirtschaftswachstum und Pro-Kopf-Einkommen auf.

Nicht nur Wirtschaftszahlen, auch die sozialen Indikatoren von Kindersterblichkeit bis Alphabetisierung haben sich deutlich gebessert. Afrika ist immer noch arm, aber nicht mehr hoffnungslos.

Aber wie nachhaltig ist dieser Aufschwung? Hat Afrika tatsächlich die Chance, der Falle der ständigen Unterentwicklung zu entkommen, in die es bereits kurz nach der Entkolonialisierung in den 1960er Jahren gerutscht ist? Oder erleben wir hier nur einen vorübergehenden Boom, dem bald wieder der nächste Rückschlag folgen wird?

Der britische "Economist" war in einem Afrika-Spezial im März zwar äußerst optimistisch, fügte aber zahlreiche Caveats hinzu. Die Gründe für den Afrika-Boom sind vielfältig und deuten in verschiedene Richtungen.

Da ist erst einmal der Anstieg der Preise für Rohstoffe, von denen Afrika besonders viele hat - und auch immer wieder neue findet. Doch dieser Trend wird nicht ewig anhalten und zeigt schon jetzt Ermüdungserscheinungen. Wenn afrikanische Staaten vom Rohstoffexporten völlig abhängig bleiben, dann schaut es für die Zukunft weniger gut aus.

Aber auch die Politik und das Wirtschaftsmanagement haben sich deutlich gebessert. Manche Staaten - etwa Ghana und Sambia - sind an der Kippe zu einer echten Demokratie, andere werden zwar autoritär geführt, aber zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht vernünftig regiert - etwa Ruanda und Äthiopien.

Wie liberale Entwicklungsexperten (anders als ihre marxistischen Kritiker) seit Jahrzehnten sagen, können solche graduellen Reformen das Leben von Millionen Menschen entscheidend verbessern. Doch die müssen über eine Generation oder noch länger fortgesetzt werden, um sicheren Wohlstand zu schaffen.

Afrika hat einen weiteren Vorteil: Es ist so arm, dass selbst kleine Verbesserungen große Unterschiede machen. Die erste Phase des Wachstums erweist sich oft als relativ einfach. Wenn aber Staaten auf eine mittlere Entwicklungsstufe vorgedrungen sind, dann wird der Sprung nach oben viel schwerer. "Middle Income Trap" wird dieses Phänomen genannt, unter dem auch das derzeit von Obama besuchte Südafrika leidet. Dort stagniert die Wirtschaft seit Jahren.

Das gilt auch für die Infrastruktur, die in Afrika schlechter ist alles sonst wo in der Welt. Die Investitionen in Straßen beginnen sich langsam bezahlt zu machen, und vor allem der Mobilfunk hat zu einer kostengünstigen Kommunikationsrevolution geführt und die Produktivität selbst in abgelegenen Ortschaften deutlich erhöht. Es gibt kaum noch echte weiße Flecken auf dem schwarzen Kontinent.

Die fehlende staatliche Organisation in vielen afrikanischen Ländern ist ein riesiger Schwachpunkt, aber manchmal auch ein Vorteil. Es gibt weniger Interessengruppen, die unternehmerische Tätigkeit verhindern können, etwa starke (aber nur wenige Gruppen umfassende) Gewerkschaften oder Industrieverbände. Wer in Afrika eine gute Idee und etwas Kapital hat, kann dort in kurzer Zeit viel aufbauen.

All das erklärt, warum es Afrika zuletzt so viel besser geht, und gibt Hoffnung für die kommenden Jahre. Aber immer noch bleibt die Politik die große Achillesferse in so vielen Staaten. Stammesdenken, ethnische Konflikte, die Macht- und Habgier von Politikern, die Ämter als Selbstbedienungsladen sehen - all das kann die Fortschritte der letzten Jahre wieder rasch zunichtemachen.  

Kein afrikanisches Land hat bisher wirklich bewiesen, dass es dem "Ressourcenfluch" entkommen kann, der Länder mit Erdöl oder anderen wertvollen Rohstoffen zu massiver Korruption und Machtmissbrauch verdammt. Auch das relativ gut regierte Ghana kämpft angesichts jüngster Erdölfunde mit diesen Problemen.

Und das Bevölkerungswachstum verbunden mit Klimaveränderungen, die die Landwirtschaft gefährden, kann ganze Regionen aus einem gerade erst erreichten Miniwohlstand zurück in bittere Armut werfen.

Dass es Afrika heute besser geht als in den letzten 40 Jahren, zeigt, dass gerade in der globalisierten Weltwirtschaft kein Erdteil ohne Chancen ist. Aber damit Afrika nicht nur ein Kontinent der Hoffnung, sondern des Erfolges wird, muss in den kommenden Jahrzehnten noch sehr viel gut gehen. (Eric Frey, derStandard.at, 30.6.2013)

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