"Metro: Last Light" im Test: Rückkehr ins apokalyptische Moskau

Rezension10. Juli 2013, 12:29
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4A Games' Shooter glänzt mit starker Erzählung, hat aber spielerische Schwächen

Drei Jahre ist es her, dass im postapokalyptischen Moskau von "Metro 2033" Raketen im Nest der "Dark Ones" einschlugen und der mysteriösen Bedrohung ihr vermeintliches Ende bereiteten. Nun schickt Publisher Deep Silver, der nach der Insolvenz von THQ die Rechte an der Reihe hält, den Spieler auf einen weiteren Trip durch den Untergrund und die Ruinen der russischen Hauptstadt.

"Metro: Last Light" heißt die Fortsetzung, die wie der Erstling inhaltlich an die Romane von Dmitri Gluchowski angelehnt ist. Der Spieler schlüpft einmal mehr in die Rolle von Artjom, Mitglied der Spartaner - einer der drei großen Fraktionen, die sich im Kampf um die Vorherrschaft über die Reste der Stadt gegenüberstehen. Die anderen bilden zwei politisch extrem ausgerichtete Gegenpole: die stalinistisch orientierte "Red Line" und die Nazis des "Reichs".

Kindheitserinnerungen

Ein ausgesprochen stimmungsvoll gestaltetes Intro erlaubt einen Blick in die Kindheit Artjoms, der das Gesicht seiner Mutter vergessen hat. Es schildert, wie er und zwei andere Kinder es waren, die aus Neugier das Tor zum U-Bahn-System und den von den letzten Menschen besiedelten Stationen geöffnet und den mutierten Bestien an der Oberfläche den Zutritt gewährt hatten.

Genaueres wirft das Spiel im weiteren Verlauf immer wieder in kleinen "Flashbacks" ein, die mehr über Artjoms Beziehung zu den "Dark Ones" verraten, ihn aber auch Erinnerungen anderer Menschen sehen lassen. Überhaupt gehören diese fast immer spitze inszenierten Rückblicke zu den Highlights des Spiels. Ein nacherlebter Flugzeugabsturz dürfte zu den erzählerischen und cineastischen Höhepunkten in einem Videospiel der vergangenen Jahre zählen.

Alles beginnt mit einem Auftrag

Wie auch "Metro 2033" beginnt "Last Light" mit einem scheinbar harmlosen Auftrag. Khan, der als einer von wenigen daran glaubt, mit den Dunklen Kontakt aufnehmen zu können, hat in den Ruinen ihres Nests ein junges Exemplar beobachtet, das möglicherweise der letzte Überlebende des Raketeneinschlags ist. Der Stationskommandant beordert Artjom, der mittlerweile vom Grünschnabel zum "Ranger" befördert wurde und Scharfschützin Anna an die Oberfläche, um ihn zu töten.

Das geht gründlich schief und Artjom findet sich gemeinsam mit Pavel von der "Red Line" plötzlich in der Gefangenschaft des Reichs. Von da an entspinnt sich eine Geschichte um Macht, Politik und mysteriöse Geheimnisse, die meistens packend ist und mit unvorhergesehenen Wendungen aufwarten kann, zwischendurch aber auch dröge und berechenbar ist. Sie führt an ehemaligen Moskauer Sehenswürdigkeiten vorbei, wie durch die von den verschiedenen Fraktionen besetzte Stationen, neutrales Gebiet und von Menschen verlassene Katakomben.

Lautlos

In seiner Umsetzung ist der Shooter seinem Vorgänger sehr ähnlich. Wer "Metro 2033" gespielt hat, wird sich schnell zu Hause fühlen - sowohl in vielen guten als auch manchen schlechten Dingen. Trotzdem ist "Last Light" in spielerischer Hinsicht nicht bloß mehr vom Gleichen.

Wurde 2010 ausschließlich geballert, hat der ukrainische Entwickler 4A Games den Titel nun um Schleichelemente bereichert. Viele Level lassen sich (fast) ohne das Töten von Gegnern lösen, wenn man bereit ist, Umwege in Kauf zu nehmen und sich zu gedulden.

In manchen Abschnitten ist der leise Lösungsweg auch die empfehlenswertere Variante. Nämlich dann, wenn die Gegner zahlreich sind und die Munition knapp ist. Aufgeschreckte Feinde schlagen zudem Alarm, der zum Auftauchen von noch mehr Widersachern führt.

Mäßige KI

Den Designern scheint allerdings etwas Inspiration abhandengekommen zu sein. Viele Routen sind offensichtlich, die Patrouillenwege von Wächtern sind schnell zu erraten und führen einzelne Gegner ein ums andere Mal in dunkle Ecken. Dort läuft dann in der Regel auch keiner ihrer Kameraden hin, und so sind sie mit einer hinterhältigen Messerattacke oder einer schallgedämpften Waffe eine leichte Beute - es ist übrigens auch möglich, sie nur in die Bewusstlosigkeit zu transferieren. Doch selbst wenn man Verdacht erweckt oder gar auffliegt, stellt sich die künstliche Intelligenz bei Suche und Verfolgung oft nicht besonders geschickt an.

Bei Schusswechseln sind die Gegner immerhin eingermaßen gut darin, sich Deckung zu suchen oder per Hechtrolle aus der Schusslinie zu bewegen. Detail am Rande: Manche menschlichen Widersacher ergeben sich - die Entscheidung über ihr weiteres Schicksal obliegt dem Spieler.

Übermächtige Messer

Auch Logikfehler gepaart mit fragwürdigen Balancing verkneift sich der Titel nicht. Muss mit der Waffe schon der Kopf des Gegners getroffen werden, um ihn auf der Stelle zu töten, reicht mit dem Wurfmesser der Einschlag an einer beliebigen Stelle. Die Wiederverwendbarkeit der bis zu fünf tragbaren Klingen macht sie zu einer enorm starken Waffen.

Dann wiederum gibt es Levels, in denen man es mit der Fauna der atomaren Apokalypse zu tun bekommt. Die Tierwelt liefert allerlei groteske Ausgeburten, die dem Spieler auf verschiedenem Wege zu Leibe rücken.

Für die meisten reicht pure Feuerkraft, um ihr den Garaus zu machen, andere wiederum verlangen nach gezieltem Beschuss bestimmter Körperteile, Behandlung mit grellem Licht oder lassen sich mit der Bleispritze bestenfalls temporär an ihrem Tun hindern. Auch hier sind die Kämpfe an manchen Stellen lediglich eine Option. Zur Schonung von Munitionsvorräten und Gasmaskenfiltern gebietet es sich schon mal, lieber einfach die Beine in die Hand zu nehmen.

Gut geskriptet

"Metro: Last Light" lebt sehr stark von geskripteten Szenen, die öfters spielbare Elemente enthalten. Wie die Rückblenden sind diese meist stimmungsvoll umgesetzt. Vereinzelt bestehen sie aber auch aus recht uninspiriertem "Railshooting" – dem Auftrag, Verfolger abzuschießen, während man automatisch auf ein Ziel zusteuert.

In Sachen Atmosphäre überwiegen aber die positiven Seite. Zu den eindrucksvolleren Szenen gehört unter anderem die Flucht aus dem Nazi-Gefängnis, bei der man sich gemeinsam mit Pavel unauffällig durch eine Menge salutierender Faschisten drängt – bevor es plötzlich hektisch wird.

Liebe zum Detail

Überhaupt sind viele Orte des Untergrunds und auf der Oberfläche stimmungsvoll umgesetzt, auch wenn die verwendete Engine, eine aktualisierte Version der 4A-Engine, mit der bereits der Vorgänger realisiert wurde - nicht mehr ganz vorne mitspielt.

Egal ob das zerfallende Moskau an der Oberfläche, Spinnentier-versuchte Höhlen, das Banditenlager oder die Station "Revolution" mit ihrer eigenen Version des Bolschoi-Theaters - die Entwickler haben ihre Fantasie spielen lassen und viel Abwechslung in das U-Bahn-Abenteuer gebracht. Die Inszenierung des Wetters an der Oberfläche und Details wie Blutspritzer, Dreck und Regen auf der Gasmaske tragen ebenfalls einen wichtigen Teil zur Immersion bei.

Die Kombination aus guter Erzählung und grafischem Augenschmaus kaschiert sehr gut, dass "Last Light" im Grunde genommen ein recht einfach gestrickter Shooter ist. Und so spielt sich das Gesamtwerk auch recht flüssig über die acht bis zwölf Stunden, die man geschätztermaßen damit verbringen kann.

Handel und Upgrades

Kugeln für die eigenen Schießprügel lassen sich in Zwischenabschnitten auf den Stationen zukaufen. Die Händler bieten auch die Möglichkeit, neue Waffen zu erwerben, oder bestehende aufzurüsten, um den Rückstoß zu verringern, das Zielen zu erleichtern oder den Schaden zu erhöhen. Bezahlt wird speziellen Patronen, mit der man auch eigene Waffen für erhöhten Schaden laden kann.

Der Munitionseinkauf ist enorm wichtig für das weitere Fortkommen, da der Bestand in den Action-Levels wie erwähnt rar ist.Upgrades für die drei mitgeführten Waffen sind hingegen eine reine Spielerei, da man gut ausgebaute Flinten schon früh getöteten Widersachern abnehmen kann.

Böse Speicherpunkte

Zwischendurch fährt das Checkpoint-System (freies Speichern ist nicht möglich) jedoch seine Krallen aus und kann für gehörig Frust sorgen. Etwa wenn mit zu wenig Munition im nächsten Abschnitt landet - noch schlimmer - auf einer Oberflächenkarte nicht mehr genug Reserve-Filter für die Gasmaske hat.

Dann kann es schon mal passieren, dass man gezwungenermaßen das komplette Level neu beginnen kann, weil es schlichtweg nicht abgeschlossen werden kann. Die Möglichkeiten, in so ein Desaster zu schlittern, sind glücklicherweise selten. Dennoch handelt es sich um vermeidbare Designschwächen.

In Sachen Sound liefert "Last Light" übrigens gelungene Kost. Bis auf ein paar redundante "Alarmsounds" beim Schleichen fügt sich die Beschallung gut in die allgemein Atmosphäre ein. Die Sprecher in der englischen Fassung sind durch die Bank solide bis sehr gut.

Fazit

"Metro: Last Light" ist ein gelungenes Action-Erlebnis, dessen Stärke in seiner audiovisuell sehr atmosphärischen Umsetzung und einer dem meist ebenbürtigen Erzählung liegen. Dieser Umstand kaschiert spielerische Defizite, die auch bei weniger genauem Hinsehen auffallen können, den Spaß am Abenteuer aber nur selten stark trüben.

Jedoch glänzt "Last Light" nicht in jeder Hinsicht. Wer sich das Spiel des Jahres oder gar eine Wiedergeburt des Genres erwartet, sollte seine Erwartungen niedriger ansetzen. Lob verdient es sich, weil Shooter mit derart dichter Atmosphäre und höherem Anspruch im Storytelling in den vergangenen Jahren ein seltenes Gut waren. Wer den Vorgänger mochte, kann bedenkenlos zugreifen. Wer eingängige Shooter mag, macht ebenfalls keinen Fehlgriff. (Georg Pichler, derStandard.at, 10.7.2013)

(Video: "Metro: Last Light" - Launch Trailer)

  • 
Metro: Last Light
Von: Deep Silver/4A Games
Für: PC, Xbox 360, PS3
Ab: 18 Jahren
UVP: 49,99 Euro
    foto: deep silver

    Metro: Last Light

    Von: Deep Silver/4A Games

    Für: PC, Xbox 360, PS3

    Ab: 18 Jahren

    UVP: 49,99 Euro

  • Absolut gelungen: Das Intro, das man mit etwas Geduld noch vor dem Hauptmenü zu sehen bekommt.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Absolut gelungen: Das Intro, das man mit etwas Geduld noch vor dem Hauptmenü zu sehen bekommt.

  • Ist dieser Dark One der Letzte seiner Art?
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Ist dieser Dark One der Letzte seiner Art?

  • Erneut entführt "Metro" an abwechslungsreiche Orte im Moskauer U-Bahn-Netz ...
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Erneut entführt "Metro" an abwechslungsreiche Orte im Moskauer U-Bahn-Netz ...

  • ... sowie gelungen inszenierte Außenareale ...
    screenshot: derstandard.at/pichler

    ... sowie gelungen inszenierte Außenareale ...

  • ... der russischen Hauptstadt nach der Apokalypse.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    ... der russischen Hauptstadt nach der Apokalypse.

  • Jede Fraktion hat ihre Eigenheiten. Im "Red Line"-Hauptposten "Revolution" gibt es eine eigene Version des Bolschoi-Theaters.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Jede Fraktion hat ihre Eigenheiten. Im "Red Line"-Hauptposten "Revolution" gibt es eine eigene Version des Bolschoi-Theaters.

  • Vereinzelt lässt sich die hart verdiente Munition auch für Drinks und andere "Vergnügungen" wie einen Lapdance ausgeben, die für den Verlauf des Spiels irrelevant sind. Das Frauenbild in "Last Light" ist weitestgehend traditionell gehalten - Krieg ist in der U-Bahn "Männersache".
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Vereinzelt lässt sich die hart verdiente Munition auch für Drinks und andere "Vergnügungen" wie einen Lapdance ausgeben, die für den Verlauf des Spiels irrelevant sind. Das Frauenbild in "Last Light" ist weitestgehend traditionell gehalten - Krieg ist in der U-Bahn "Männersache".

  • Inmitten der "Reich"-Anhänger, kurz vor dem Ausbruch aus der Nazi-Station.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Inmitten der "Reich"-Anhänger, kurz vor dem Ausbruch aus der Nazi-Station.

  • "Last Light" liefert großteils eindrucksvoll gestaltete Flashbacks - etwa diesen Flugzeugabsturz.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    "Last Light" liefert großteils eindrucksvoll gestaltete Flashbacks - etwa diesen Flugzeugabsturz.

  • Entlang des Weges trifft man auch neutrale Figuren - wie diese Flüchtlinge.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Entlang des Weges trifft man auch neutrale Figuren - wie diese Flüchtlinge.

  • Der plötzliche Lebenswandel hat die Menschen kreativ gemacht. Einen Abschnitt des Spiels darf man in diesem schnuckeligen Schienengefährt bestreiten.
    screenshot: derstandard.at/pichler

    Der plötzliche Lebenswandel hat die Menschen kreativ gemacht. Einen Abschnitt des Spiels darf man in diesem schnuckeligen Schienengefährt bestreiten.

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