Vorneweg, ins Ungefähr der Kunst hinein

    10. Mai 2013, 18:33
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    Hans Magnus Enzensbergers Aufsatz "Die Aporien der Avantgarde" (1962)

    Im Entstehungsjahr des Aufsatzes Die Aporien der Avantgarde war der Zeitgeist "kritisch". 1962 galten die entschiedensten Vertreter des Fortschritts in den Künsten als suspekt. Wer den Anspruch stellte, progressiv zu sein, tat gut daran, alles Vorgefundene zu hinterfragen. Hans Magnus Enzensberger, als eigenwilliger Lyriker selbst etabliert, wollte das Pathos der Avantgardisten nicht hinnehmen. Ihr Fortschrittsglaube, ihr Kult von Geschwindigkeit und entfesselter Gewalt, stieß ihm wie vielen anderen Vertretern der Linken sauer auf.

    Zudem war die Frage, was als fortschrittlich zu gelten habe, den Künstlern vom Markt abgenommen worden. Mit dem Erstarken der "Bewusstseinsindustrie" wurden die Kunstwerke in ein zeitgenössisches Geschehen verstrickt. Die Zuversicht, wenigstens im Urteil der Nachwelt auf Anerkennung und Verständnis zu stoßen, wich von der Kunst. Der Gang der Geschichte war als Illusion entlarvt, mit ihm das blinde Vertrauen auf eine Korrektur der Gegenwart in der Zukunft.

    Mit dem Triumph des Kapitalismus wurde jeder Optimismus hinfällig. Stritten die Gruppierungen einst um das Recht auf Ruhm und Ewigkeit, standen sie nunmehr zueinander in Konkurrenz. Enzensberger notierte hierzu: "Das antizipierende Moment der Kunst wird zur Spekulation verkürzt: Ihre Zukunft notiert wie die eines Börsenpapiers."

    Im Rahmen dieser zeitlichen Verrückung bringt Enzensberger seinen entscheidenden Schlag an. Nicht nur, dass der Künstler, der den Markt beliefert, im Kapitalismus subalterne Angestelltenzüge annimmt. "Avantgarde", das meinte ehedem die vorgeschobene Abteilung eines großen Heeres oder Truppenkörpers. Übersetzt man jedoch das Wesen der Vorausabteilung in die Sphäre der Zeitlichkeit, so gerate ihre Funktion (als "Avantgarde") aus dem Blick.

    Vorgeschobene Abteilungen haben sich in Betreff der Geschwindigkeit nach dem Gros der Nachrückenden zu richten. Wer jedoch die "Flucht nach vorn" antritt, der wird keinen Standpunkt finden, von dem aus er sein "Vornewegsein" bestimmen könnte. Enzensbergers Aufweis dieser Aporie - gemeint ist: begrifflichen Unstimmigkeit - hat weitreichende Folgen. Er gebraucht die Metapher im wortwörtlichen Sinn. Damit gelingt es ihm, das Gewaltpotenzial der historischen Avantgardebewegungen: der Futuristen, Surrealisten et cetera, als Naheverhältnis zum Totalitarismus zu bestimmen.

    Nichts Revolutionäres hafte diesen Soldaten des Fortschritts an. Unter dem Banner der Avantgarde hätten sich Großsprecher versammelt, Scharlatane, Nichtskönner, bornierte Sektierer. Deren Dilemma sei es gewesen, in den Künsten ausgerechnet die Freiheit doktrinär durchsetzen zu wollen.

    Hans Magnus Enzensbergers wenig freundliche Einschätzung der Fortschrittsjünger von ehedem war 1962 von zwingender Logik. Sympathisch war sie nicht. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 29./30.6.2013)

    Die Reihe mit Klassikern des Denkens wird unregelmäßig fortgesetzt.

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