Piraten-Kandidat: "Ich selbst kiffe jedenfalls nicht"

29. Juni 2013, 12:00
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Mario Wieser, oberster Pirat im Wahlkampf, und Vera Kropf, Frontfrau der Band Luise Pop, streiten über Raubkopien und Frauenquoten

STANDARD: Die Piraten haben nicht erst seit dem Nationalratswahlkampf mit einer Reihe an Vorurteilen zu kämpfen. Gleich zum ersten: Haben Sie ein Frauenproblem?

Wieser: Keineswegs. Gerade im vergangenen Jahr hat sich unsere Partei für Frauen doch sehr geöffnet. Und seither steigt der weibliche Anteil unter den Piraten auch merklich.

STANDARD: Auf Ihrer Bundesliste finden sich unter den ersten fünfzehn Kandidaten gerade einmal drei Frauen - wie das, im dritten Jahrtausend?

Kropf: Ich habe wiederum euer Parteiprogramm studiert - und da ist mir aufgefallen, dass Frauenpolitik überhaupt keine Rolle spielt. Das halte ich für ein echtes Versäumnis angesichts der behaupteten, aber noch immer nicht umgesetzten Gleichberechtigung - und das sagt doch auch einiges über die Piraten aus!

Wieser:  Zu den Listenplätzen: Qualität geht eben vor Quote. Frauen werden bei uns wegen ihres Könnens gewählt - und Quoten lehnen wir generell ab. Was unser Programm betrifft, bitte ich noch um etwas Geduld und Verständnis: Wir haben in den letzten Monaten jetzt einmal unsere Kernthemen erarbeitet und können nicht alles auf einmal machen. Derzeit arbeitet jedenfalls eine eigene Gender-Gruppe an unserem Frauenkonzept.

STANDARD:  Möglicherweise hat das schleppende Tempo bei diesem Thema auch etwas mit Vorurteil zwei zu tun, das sinngemäß lautet: Die Piraten sitzen wie die Nerds ständig vorm Computer - und brechen lieber Shitstorms los, anstatt für die Partei zu rennen. Ist da was dran?

Wieser:  Das sehe ich nicht so. Freilich nutzen wir das Internet, um uns zu vernetzen. Aber wir sind schon auch offline unterwegs: Auf der Straße bei den Leuten, bei diversen Stammtischen, und für die Newcomer organisieren wir eigene Treffen.

Kropf: Keine Frage, bei eurem Hauptanliegen, der Netzpolitik, habt ihr vor allem unter jungen Leuten sicher eine hohe Glaubwürdigkeit. Aber insgesamt ist mir das Konzept der Piratenpartei einfach zu partikulär gedacht.

STANDARD:  Blick nach Deutschland: Dort sitzen die Piraten längst in Landesparlamenten. Hierzulande brachte man es trotz oftmaligen Antretens bei Wahlen bisher zu einem einzigen Gemeinderat in Graz. Was machen Österreichs Piraten falsch?

Wieser:  Faktisch haben wir gar nichts falsch gemacht. Aber man muss schon berücksichtigen, dass wir in der Entwicklung einfach ein paar Jahre hinter den Deutschen sind. Wir wollen jetzt einmal in den Nationalrat - einfach, um uns demokratisch zu legitimieren und um Unverhältnismäßigkeiten wie die Vorratsdatenspeicherung endlich zu Fall zu bringen.

Kropf: Dieses Anliegen von euch find ich absolut berechtigt, weil ja nicht einzusehen ist, dass da alle möglichen personenbezogenen Daten gespeichert werden.

STANDARD:  Angesichts der aufgeflogenen Umtriebe der Geheimdienste: Ist es wirklich schlau, sich als Bürger in allen möglichen Internetforen herumzutreiben, um dort seine politische Meinung zu deponieren?

Wieser: Unsere Leute entschließen sich ja explizit dafür, dass sie mit ihrer Meinung an die Öffentlichkeit treten - und wir müssen die Leute, unsere potenziellen Wähler, ja auch dort abholen, wo sie sind. Aber natürlich müssen wir dabei auch auf die Gefahren von Facebook und Co aufmerksam machen und aufklären, was dadurch alles transparent wird.

STANDARD:  Einfach keinen Account einzurichten oder den bestehenden zu löschen war für Sie beide offenbar keine Option?

Kropf: Als Künstlerin habe ich natürlich auch ei- nen Facebook-Account. Aber mir ist nicht ganz klar, was die vom NSA (US-Geheimdienst, Anm.) mit all den Informationen über mich überhaupt anfangen sollten.

Wieser:  Genau deswegen haben wir jetzt mit zehn Piratenparteien in Europa, darunter auch die Deutschen und die Schweden, eine Initiative gestartet, um solche Überwachungsmaßnahmen abzustellen. Wir wollen damit Druck machen, dass sich Facebook endlich an den europäischen Datenschutz hält - und die gesetzlichen Bestimmungen dürfen nicht durch das Lobbying der Internetriesen aufgeweicht werden.

Kropf: Für mich wäre diese ganze Sache mit der digitalen Revolution allerdings auch eine ökonomische Herausforderung und nicht nur eine für den Datenschutz. Angesichts der ganzen Daten, die da eingegeben, gesammelt und offenbar auch überwacht werden, müsste man sich doch endlich auch einmal die Frage stellen: Wer profitiert und wer verdient denn global an diesen ganzen Datenmengen? Und: Wollen wir das überhaupt? All das kommt mir bei den Piraten viel zu kurz.

Wieser:  Zuallererst möchte unsere digitale Bewegung natürlich die ganze Gesellschaft für den Da- tenschutz sensibilisieren - so wie es die Grünen einst mit dem Umweltschutz geschafft haben, der heute in allen Parteiprogrammen steht ...

Kropf: Was mich konkret an den Piraten stört, ist aber, dass ihr euch zwar wortreich zur freien Information für alle und zur freien Marktwirtschaft bekennt, aber euch mit den weltweiten Monopolstellungen, etwa von Google, kaum auseinandersetzt. Das ist für mich ein riesiger Widerspruch: Einerseits die freie Verfügbarkeit für alle zu predigen, andererseits das kapitalistische Wirtschaftssystem mit seinen intransparenten Verdienstmöglichkeiten einfach weiterarbeiten zu lassen. Das klingt nämlich überhaupt nicht danach, alle an allem teilhaben zu lassen, zum Beispiel auch am Wohlstand.

STANDARD:  Wie halten Sie es mit der Verteilungsgerechtigkeit?

Wieser:  Wir fordern ja nicht nur die Teilhabe an Informationen für alle, sondern etwa auch, dass jeder Mensch sozial abgesichert wird - und das findet sich nur in unserem Parteiprogramm.

Kropf: Wie bitte? Die Grünen sollen die soziale Absicherung für alle nicht in ihrem Programm haben? Das kann ich mir nicht vorstellen.

Wieser:  Das bedingungslose Grundeinkommen, so wie wir es wollen, jedenfalls nicht.

Kropf: Das klingt alles sehr gut, ja. Aber aufgrund der vielen prekären Beschäftigungsverhältnisse, nicht nur im künstlerischen Bereich, birgt ein bedingungsloses Grundeinkommen natürlich auch die Gefahr, dass es zu weiterem Lohndumping kommt. Die Arbeitgeber könnten dann etwa geringere Stundenlöhne bezahlen, weil sie wissen, dass die Leute ohnehin eine zusätzliche Absicherung vom Staat haben.

Wieser:  Unsere Vision sieht so aus: Man nimmt das Geld für den Sozialbereich und teilt es auf alle auf. Damit würde man sich auch Verwaltungskosten ersparen. Und fest steht auch: Wir brauchen ein neues System, auch, weil unsere Generation wahrscheinlich keine Pension mehr bekommen wird.

STANDARD:  Apropos Geld und zu Vorurteil drei: Die Piraten fordern ein Recht auf Privatkopien - und scheren sich anscheinend keinen Deut um Urheberrechte. Was ist mit Respekt vor geistigem Eigentum?

Wieser:  Wir machen uns durchaus Gedanken darüber - und laden deswegen auch regelmäßig Künstler ein, dazu ihre Ansichten einzubringen.

Kropf: Tatsächlich?

Wieser:  Ja, durchaus. Das Problem ist, dass die Verwertungsgesellschaften an dem Ganzen am meisten verdienen und dass es dabei keinerlei Transparenz gibt ...

Kropf: Zunächst einmal zur Statistik: Weibliche Künstler verdienen hierzulande im Schnitt 2800 Euro im Jahr. Ich bin zwar keine, die Privatkopien radikal verbieten will, aber wenn wir etwa die Weitergabe von Musik liberalisieren, müsste man Kunst und Kultur konsequenterweise als Infrastruktur für die Öffentlichkeit definieren und entsprechend subventionieren, weil das dann für die Gesellschaft halt zur Verfügung gestellt wird, so wie Schulen oder Bushaltestellen. Und dann wäre freilich auch zu klären: Was sollen die Künstler nun für ihre Arbeit kriegen? Man muss ja ehrlicherweise jetzt schon sagen: Der Tonträgerverkauf ist praktisch schon tot.

STANDARD:  Was entgeht Ihnen an Geld durch illegales Filesharing?

Kropf: Das ist schwer zu beziffern, weil ich ja bereits im Filesharing-Zeitalter aufgewachsen bin. Von befreundeten Künstlern weiß ich jedoch, dass Mitte der Neunziger, als noch viele CDs verkauft wurden, die Verdienstmöglichkeiten um ein Zehnfaches höher waren als heute. Sagen lässt sich jedenfalls: Mittlerweile hat die künstlerische Mittelschicht immer weniger Möglichkeiten, ein geregeltes Einkommen zu erzielen.

Wieser:  Die überparteiliche Initiative "Netzschilling" hat dazu das Konzept einer Breitbandabgabe erarbeitet, über die das abgefangen werden könnte. Über einen demokratischen Schlüssel wäre dann das Geld auf die Künstler aufzuteilen - und der Endkonsument könnte quasi mitbestimmen, wer den größten Anteil bekommen soll.

Kropf: Das geht halt sehr in Richtung Almosen und hat doch nichts mit einer gerechten Entlohnung zu tun. Ich gehe doch auch nicht einfach in ein Lokal, esse und entscheide dann selbst, wie viel ich dafür geben will.

Wieser:  Ohne übertriebene Kontrollmechanismen kann man den gesamten Bereich aber nicht mehr handeln, deswegen muss man andere Wege gehen - und ich denke, dass die Menschen durchaus bereit sind, für Kunst etwas zu bezahlen.

STANDARD:  Auch auffallend: Ihre Partei drängt auf eine Lockerung des Suchtmittelgesetzes - inwiefern?

Wieser:  In diversen US- und EU-Staaten ist der Konsum von Marihuana längst legalisiert. Es bringt nichts, die Jugend deswegen zu kriminalisieren - noch dazu, wo sich Marihuana längst auch im medizinischen Bereich bewährt hat. Die diversen Substanzen sind einfach unterschiedlich hinsichtlich von Gefahren- und Suchtpotenzial zu bewerten.

Kropf: Ich sehe auch keinen Grund gegen eine Freigabe. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass das in Österreich noch jahrzehntelang dauern wird.

STANDARD:  Womit wir beim letzten Vorurteil angelangt wären: Sind Piraten oft Kiffer?

Wieser:  Das weiß ich nicht. Dazu habe ich noch keine Umfrage gestartet.

STANDARD:  Und selbst? Schon inhaliert?

Wieser:  Das ist sicher schon längst verjährt. Ich selbst kiffe jedenfalls nicht. (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, 29.6.2013)

Mario Wieser, Netzname "Romario", ist Listenerster der Piraten für die Nationalratswahl. Der 26-Jährige entschloss sich angesichts der Vorratsdatenspeicherung - seit April 2012 sind die Telekomdaten der Nutzer auch ohne jeden Verdacht für mindestens ein halbes Jahr zu speichern - dazu, sich dagegen politisch zu engagieren und heuerte bei der Partei an. Der gelernte Elektroniker aus Sattledt in Oberösterreich ist Kernmitglied der Arbeitsgruppe Urheberrecht. Privat spielt Wieser E-Gitarre und legt als DJ in diversen Clubs auf.

Vera Kropf, Sängerin der Indie-Elektro-Band Luise Pop, studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Als Neue Selbstständige pendelt die 34-Jährige zwischen Wien und Berlin, wo sie auch als Gitarristin der All-Star-Band Half Girl zu Gange ist. Dazu engagiert sich Kropf seit kurzem im Verein Pink Noise, der sich für Mädchenförderung in der Musik starkmacht. Bisher erfolgreichste Single: Feminist Terrorists aus dem Jahr 2009, die als ironischer Kommentar zum Feminismus-Bashing zu verstehen ist.

  • Künstlerin Kropf kontra Pirat Wieser: "Dass Frauenpolitik bei euch überhaupt keine Rolle spielt, halte ich für ein echtes Versäumnis." Der Listenerste bittet um Geduld: "Die Gender-Gruppe arbeitet noch."
    foto: standard/corn

    Künstlerin Kropf kontra Pirat Wieser: "Dass Frauenpolitik bei euch überhaupt keine Rolle spielt, halte ich für ein echtes Versäumnis." Der Listenerste bittet um Geduld: "Die Gender-Gruppe arbeitet noch."

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