Die Gaszähler-Ableserin schüttelt immer den Kopf

    29. Juni 2013, 14:52
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    "Kino unter Sternen"-Kuratorin Judith Wieser-Huber wohnt in einem Loft in Wien-Landstraße. Manche ihrer Möbel stammen vom Sperrmüll

    Judith Wieser-Huber, Kuratorin und Macherin des gerade angelaufenen Festivals "Kino unter Sternen", wohnt in einer ehemaligen Fabrik in Wien-Landstraße. Michael Hausenblas suchte vergeblich nach Türen.

    "Ich wohne mit meinem Mann Ralph Wieser seit 15 Jahren hier im dritten Bezirk. Unsere beiden Kinder sind über 20 und bereits ausgezogen, also haben wir die gut 200 Quadratmeter nun für uns ganz allein. Dazu kommen noch 60 Quadratmeter Dachterrasse, wo es wuchert und blüht. Ich beschäftige mich sehr gern mit Pflanzen, und seit mein Mann das Kochen für sich entdeckt hat, zieht er da draußen auch diverse Kräuter.

    foto: lisi specht
    Die Filmkuratorin Judith Wieser-Huber an einem ihrer Lieblingsplätzchen. Die israelische Fahne erinnert sie an einen ihrer schönsten Auslandsaufenthalte.

    Wir haben die Wohnung seinerzeit gekauft. Damals war das im Gegensatz zu heute noch irgendwie leistbar. Die Wohnung liegt im dritten Stock einer ehemaligen Fabrik samt Schlot im Hof. Fragen Sie mich jetzt aber nicht, was hier alles produziert wurde! Ich glaub, da wo unsere Wohnung liegt, wurden Maßstäbe hergestellt.

    Es gibt eine große Küche, das ist eigentlich das Zentrum unseres Zuhauses, einen Wohnbereich mit sehr vielen Büchern, einen Arbeitsbereich zum Fotografieren und DVD-Sichten, einen kleineren Bereich für Büroarbeiten, zwei Bäder, einen zweiten Eingang und noch den ehemaligen Bereich der Kinder. Das ist eigentlich der einzige Teil der Wohnung, den man als abgetrennt bezeichnen könnte. Dort befinden sich zwei große Würfel, in denen wir jetzt schlafen. Das sind sozusagen zwei Räume im Raum, in denen es auch Fenster und Bücherregale gibt. Abgesehen davon kann man bei uns zu Hause nicht wirklich von Zimmern reden. Es ist alles sehr offen, und die einzelnen Bereiche fließen richtiggehend ineinander. Man muss sich also nirgends eingesperrt fühlen. Das hilft mir, Arbeiten und Wohnen miteinander zu verbinden. Das ist mir nämlich sehr wichtig.

    Ich mag diese rohe Industrie ästhetik mit den freiliegenden Stahlbetonträgern und den grob verputzten und weiß getünchten Ziegelwänden. Ich weiß, dass das nicht jedermanns Sache ist. Die Frau, die einmal im Jahr kommt, um unseren Gaszähler abzulesen, schüttelt jedes Mal den Kopf, weil es im Prinzip keine Türen gibt. Klar wollen nicht alle so wohnen. Womit man sich umgibt, ist halt schon auch immer ein Spiegelbild der Bewohner. Uns passt es jedenfalls sehr gut hier. Wir denken auch nicht darüber nach, irgendwann einmal wegzuziehen und woanders zu wohnen. Es gibt keinerlei Notwendigkeit.

    In Sachen Möbel ist das Ganze ein über viele Jahre gewachsener Mix. Zum Teil kommen die Stücke sogar vom Sperrmüll und wurden dann von uns hergerichtet. Ich schau mir allerdings schon an, was sich in Sachen Design tut. Dabei interessiert mich aber eher der Wandel der Stile, der Trends und Materialien. Mich befriedigt sozusagen der Schauwert. Ich muss die Dinge nicht kaufen. Seit kurzem gibt es allerdings eine Ausnahme: Ich war lange Zeit gegen die Anschaffung eines Sofas, weil es für mich auf gewisse Art eine Manifestation des Bürgerlichen darstellt. Kurz: Das Sofa war immer ein Streitpunkt. Doch jetzt gibt es eines, und zwar ein sandfarbenes Schlafsofa – für den Fall, dass Gäste kommen oder die Kinder.

    Ich sehe das Wohnen nicht so sehr als absoluten Rückzug ins Private. Diese Sichtweise ist mir, um ehrlich zu sein, sogar ein bisschen unheimlich. Das Außen soll mit dem Innen übereinstimmen. Der Rückzug passiert in meinem Fall eher zu den Dingen selbst. Für mich sind diesbezüglich Bücher und Bilder sehr wichtig.

    Klar achte ich in Filmen auch auf Räume. Bei 'Tree of life' von Terrence Malick zum Beispiel war das extrem. Der Malick hat eine ganz besondere Hand für Räume und Licht. Einen Raum in einem Film wiederzugeben ist eine spannende Angelegenheit. Der dreidimensionale Raum im Film, muss man wissen, ist ja viel komplexer und vielschichtiger als eine Bühne im Theater." (DER STANDARD, 29./30.6.2013)

    Judith Wieser-Huber, 1962 in Wien geboren, ist künstlerische Leiterin des Sommerfestivals Kino unter Sternen. Das Open-Air-Kino am Wiener Karlsplatz (ehemals Augarten) hat gestern begonnen und läuft noch bis 20. Juli. Seit 2009 berät sie in Sachen Spielfilmauswahl die Diagonale (Festival des österreichischen Films). Mit dem Social-Media-Experten Richard Pyrker gründete sie 2010 SurpriseTours, eine Art Onlinestadtführungsportal, das über Smartphones funktioniert. Außerdem ist sie Lehrbeauftragte, unter anderem an der Kunstuniversität Linz.

    Link

    kinountersternen.at

    surprisetours.at

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