Frau Karl blickt ins Paradies

Kolumne28. Juni 2013, 17:12
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In der Justiz wird alles besser

Ich stimme unserer Justizministerin zu und entdecke allüberall im Lande die paradiesischsten Zustände seit Vindobona selig. Der Strafvollzug sei zwar kein Paradies, so Karl, aber beinahe. So gut wie nie zuvor.

Unser Jugendgerichtshof, unter Schüssel aufgelöst, hat sich unnötigerweise nur mit jenen Fällen befasst, die keinerlei Protektion zu bieten hatten und damit eine suboptimale Teilnahme an der Gesellschaft der zu Reichen und zu Schönen erwarten ließen. Wer im Gefängnis heute vergewaltigt wird, ist erstens selbst schuld und zweitens schon von ganz oben rechtskräftig verurteilt, obwohl er erst in U-Haft saß, während deren die Unschuldsvermutung nicht nur für jene gelten sollte, die sich mal schnell mit der Frau Karl während laufender Verfahren auf einen Kaffee treffen.

Wer als Jugendlicher im Gefängnis landet, muss gewisse Umstände, während deren der Staat eben nicht für sein Leib und Leben zuständig ist, auch wenn er dafür verantwortlich wäre, in Kauf nehmen. Damit verlässt der Strafvollzug den juristischen und vor allem den Menschenrechten entsprechenden Boden. Auch wenn das Opfer des sexuellen Übergriffes noch so schwere Verbrechen begangen haben soll, ist Aug' um Aug', auch bei 14-Jährigen, eine schon etwas überholte Interpretation des Justizwesens, man hatte ein paar Tausend Jahre Zeit gehabt, davon abzugehen. Wer den Rechtsstaat schützt, achtet darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht und nicht mit den rechtesten und reaktionärsten.

Eine christlich-soziale Partei leistet sich also Frau Karl, die einem Opfer sexueller Gewalt, die in ihrem Wirkungsbereich verbrochen wurde, mit der Empathie einer Regentonne entgegentritt und es auch gleich medial vorverurteilt, während sie nebenbei die besten Zustände heraufbeschwört, die wir je im Jugendstrafvollzug hatten. Wir brauchen auch keine Änderung des Mafiaparagrafen, der sich doch so gut dazu eignet, politisch Missliebige unter Druck zu setzen. Blöd wären wir, würden wir dieses überaus praktische Werkzeug aus der christlich-sozialen Hand legen! Ein wenig erinnert das an düsterste Sowjetzeiten. Überhaupt kommen plötzlich einige sowjetische Witze in ganz wunderbar zeitgemäßem Dirndlgwand daher.

Wenn meine Oma gewusst hätte, dass ihre vordemokratische Witzesammlung zu solcher Aktualität heranreift! Wir haben keinen klientelbezogenen Jugendstrafvollzug, zu wenig Personal und seit langem Mahnrufe der Fachkräfte, aber es geht besser denn je. Frage: Wo und wann entstand der erste Sowjetbürger? Antwort: als Gott Adam und Eva schuf. Wer sonst würde, unterstandslos, nackt und bloß, mit nur einem Apfel für zwei Leute, glauben, sie wären im Paradies? (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 29./30.6.2013)

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