Le prix Ingeborg

    28. Juni 2013, 18:32
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    Fünf Preisträger der vom Aus bedrohten "Tage der deutschen Literatur" schreiben über das Kampflesen in Klagenfurt, die Dichterin Ingeborg Bachmann, die Angst vorm Nacktsein und über das Badengehen

    Vor längerer Zeit bat das Album die letzten fünf Gewinner des Bachmannpreises um kurze, persönliche Artikel zu ihren Erfahrungen beim Klagenfurter Wettlesen. Da die Texte der Bachmannpreisträger die Redaktion vor der Aufregung um die mögliche Einstellung des Bewerbs im Rahmen eines ORF-Sparprogramms erreichten, baten wir die fünf nun zusätzlich zu ihren im Album publizierten Texten um folgende Kommentare zur gegenwärtigen Situation. Die Kommentare wurden online an die jeweiligen Artikel angefügt.



    Vorjahressiegerin Olga Martynowa unter dem Konterfei der "Schutzherrin des Wettlesens" Ingeborg Bachmann. 

    "Zwischen Öffentlichkeit und Verborgenheit"
    Von Olga Martynova, Bachmannpreisträgerin 2012 

    Es gibt in Klagenfurt unweit des Theaters einen Ingeborg-Bachmann-Kopf, der auf einer kleinwüchsigen Vierecksäule steht. Da er weiß ist, wird er schnell und stark verschmutzt. Da er sehr klein ist, wird er kaum bemerkt und beachtet. All das wäre nicht besonders interessant, stünde es nicht im krassen Widerspruch zu der medialen Aufregung um die „Tage der deutschsprachigen Literatur", deren Schutzpatronin Ingeborg Bachmann ist. Die rätselhafte Unansehnlichkeit des Kopfes erklärt sich teilweise dadurch, dass er eine Kopie des 2006 im Norbert-Artner-Park aufgestellten bronzenen Originals ist, was man nicht weiß, wenn man vor dem gipsenen Kopf steht.

    Ich schlug Matthias Senkel, der den Kopf entdeckte und den anderen davon erzählte, eine Aktion vor: „Autoren des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs reinigen den Kopf der Namensgeberin". Um das zu dokumentieren, könnte man die sich in Massen vor Ort befindenden Journalisten (welch ein schöner Zufall!) einladen. Matthias Senkel lehnte das ab. Er hatte natürlich recht. Vor den Kameras den Schmutz von der weißen Stirn der Dichterin zu wischen, wäre ein bisschen, wie sich vor den Kameras die Stirn aufzuritzen (also außertextuelle Mittel zu Hilfe zu rufen). Und "so ein Märchen gibt es schon", wie Daniil Charms es einmal formulierte.

    Wenn ich unterwegs bin, kann ich sowieso nicht länger schlafen. Also nahm ich in der Morgendämmerung eine Tempo-Packung und eine Flasche Mineralwasser und begab mich auf die Suche nach dem weißen verschmutzten Kopf. Wie groß aber war mein Staunen, als ich sah: Jemand war vor mir hier gewesen und hatte das Gesicht, den Hals und das Haar schon gewaschen! Ich würde sehr gerne wissen, wer von den 13 Kollegen diese gute Tat in Verborgenheit vollzogen hat (verdächtig ist theoretisch jeder). Beruhigt ging ich ins Hotel zurück.

    Aber der Widerspruch, in dem der kleine Kopf zum Motto der Woche steht, beschäftigte mich weiter, weil er dem Widerspruch entspricht, in dem das Verfahren des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs zur stillen und einsamen Arbeit eines schreibenden Menschen steht, dem Widerspruch zwischen Öffentlichkeit und Verborgenheit. 

    Die Beziehung Autor/Publikum ist eine komplizierte Angelegenheit. Während des Schreibens soll lieber nicht an den Leser gedacht werden. Das Werk schuldet nur sich selbst Rechenschaft über Zusammenhänge, Wendungen, Stilmittel, Bezüge zu Realität usw. Im Idealfall muss das Werk wahrscheinlich immer für sich allein bleiben und aus dem Verborgenen wirken. Es gibt eine mittelalterliche Kirche in Russland, in der Restauratoren einen zugemauerten Raum mit einer Wandmalerei gefunden haben. Restauratoren und Architekten behaupten, er wäre von Anfang an zugemauert gewesen. Das bedeutet, dass die Wandmalerei nur für die Augen Gottes (na ja, vielleicht auch der Engel) bestimmt war. Ein Kunstwerk als Einsiedler. Diese Vorstellung hat mich immer fasziniert. Aber ich kann nicht ausschließen, dass sich dieses Fresko freute, als die Restauratoren es ent- und aufdeckten.

    Deshalb kam ich nach Klagenfurt. Die Beziehung Autor/Buch ist auch eine nicht einfache An­gelegenheit. Mein damals noch nicht fertig geschriebenes Buch wollte Leser finden. Ob ich ihm damit tatsächlich geholfen habe, weiß ich nicht.

    Kommentar zum ORF-Sparprogramm:

    Das ist keine Sparmaßnahme, das ist die klare Aussage, dass Kultursendungen unnötig, unwichtig, überflüssig und vielleicht ja auch unerwünscht sind. Und das ist natürlich eine Beleidigung für viele Menschen, die nur fernsehen, wenn ausnahmsweise etwas Intelligenzförderndes gesendet wird. Ich finde, das ist auch eine Verletzung der Rechte dieser Menschen auf Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.



    Die Österreicherin Maja Haderlap.

    "Wenn sich der ORF ..."
    Von Maja Haderlap, Preisträgerin 2011

    Viele Jahre verfolgte ich das Wettlesen bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt aus nächster Nähe, wenngleich mit einem spürbaren inneren Abstand. Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb fand für mich auf einem unerreichbaren Kontinent statt. Er zog mir, obwohl ich unter den Zuhörerinnen im Studio saß, in großer Entfernung davon. Er kam für mich als slowenisch schreibende Lyrikerin nicht in Betracht. Ich beobachtete das literaturbetriebliche Kampfritual aus Distanz und gut verborgen hinter meinen slowenischen Texten.

    Etliche Jahre beziehungsweise eine Romanlänge später sah plötzlich alles anders aus. Mittlerweile schrieb ich auch auf Deutsch und habe mich nach der Fertigstellung des Romanmanuskripts von Engel des Vergessens überzeugen lassen, am Wettbewerb teilzunehmen. Schließlich würden die Autorinnen und Autoren in Klagenfurt nicht mehr zur Schlachtbank geführt, hieß es, und der Wettbewerb sei noch keine klammheimliche Casting-Show. Hätte ich damals den Berg von medialen Wertungen, Überlegungen und Folgerungen, von Kommentaren zum Ingeborg-Bachmann-Preis studiert und durchgelesen, wäre ich wahrscheinlich eingeschüchtert zu Hause geblieben.

    Im Nachhinein, und nach dem Gewinn des Bachmannpreises, wirkt alles Einschüchternde nicht mehr so berghoch aufgetürmt, angsteinflößend und unbezwingbar, sondern vielmehr unwirklich, ja sogar traumhaft. Der Preis platzte wie eine aufregende, umwerfende Chimäre in mein Leben und machte sich vorerst als Herzflattern, als Stimmenrauschen, Sprachgewirr und als Lachlärm bemerkbar. Ich wurde hin und her geschubst und konnte kaum fassen, was gerade geschah.

    Die sonst der Literatur gegenüber eher reservierten Medien zeigten in einer Art Aufmerksamkeitsinterregnum oder in einer Art Ausnahmezustand ein schier überschwängliches Interesse an der Literatur und an den Preisträgerinnen und Preisträgern. Dieser Ausnahmezustand dauert ein paar Tage an und stellt für kurze Zeit das kulturelle Gleichgewicht in der von Quoten gebeutelten Medienwelt wieder her.

    In der Stille danach wird einem schnell bewusst, dass es nach dem Preis um das Ganze, um das Buch geht, das erscheinen sollte, dass der Preis nach dem Fest erst sein wahres und ernsthaftes Gesicht zeigt, dass die Texte der Gewinnerinnen und Gewinner von nun an mit strengeren Maßstäben und mit erhöhtem Interesse gelesen werden. Keine Rede davon, dass man den Preis hinter sich habe, sobald man ihn gewonnen hat. Er holt einen immer wieder ein, in Form von Leseeinladungen und Interviewanfragen, aber auch als leiser Zweifel, ob man ihn wohl verdient habe.

    Ersparen und Weglegen

    Für die öffentliche Aufnahme meines Romans erwies sich der Bachmannpreis als sehr hilfreich. Mit seiner Unterstützung wurden die Geschichten, von denen im Roman die Rede ist, auch in Kärnten „salonfähig", es schien plötzlich möglich, über bislang Verdrängtes und Schmerzliches nachzudenken, zu reden und zu diskutieren. Viele Leserinnen und Leser ließen sich von den bislang unbeachteten und unbekannten Seiten der österreichisch-slowenischen Geschichte bewegen. Vor dem Hintergrund des Ingeborg-Bachmann-Preises wurde die Literatur nicht nur in Kärnten gesellschaftlich wirksam, in einem fortschrittlichen Sinne. Ist nicht genau das die Vorgabe und die beste Legitimation für einen öffentlich rechtlichen Veranstalter, der einen kulturellen Auftrag hat? Im Hinblick auf die Einsparungsideen, die in den letzten Tagen im Stiftungsrat des ORF diskutiert wurden, fragt man sich entgeistert, was es bringt, um in der Sprache des Profits zu bleiben, wenn sich der ORF der Tage der deutschsprachigen Literatur entledigte, im Glauben, er habe sich etwas erspart. Hier lüftet der Sparer seine wertfreie Maske, es geht nicht ums Sparen, denn sparen kann man an vielen Ecken und Enden, es geht um das Ersparen und Weglegen, um das Abschaffen eines öffentlich sicht­baren Auftritts der Literatur, um ihre öffentliche Abfuhr. Dagegen möchte ich offen protestieren.

    Kommentar zum ORF-Sparprogramm:

    Im Hinblick auf die Einsparungsideen, die in den letzten Tagen im Stiftungsrat des ORF diskutiert wurden, fragt man sich entgeistert, was es bringt, um in der Sprache des Profits zu bleiben, wenn sich der ORF der Tage der deutschsprachigen Literatur entledigt, im Glauben, er habe sich etwas erspart. Hier lüftet der Sparer seine wertfreie Maske, es geht nicht ums Sparen, denn sparen kann man an vielen Ecken und Enden, es geht um das Ersparen und Weglegen, um das Abschaffen eines öffentlich sichtbaren Auftritts der Literatur, um ihre öffentliche Abfuhr. Dagegen möchte ich offen protestieren.



    Der deutsche Schriftsteller-Arzt Jens Petersen.    

    "Siebzehn Jahre innerlich darauf vorbereitet"
    Jens Petersen, Preisträger 2010

    Als ich siebzehn Jahre zuvor in Pinneberg (Schleswig-Holstein) aufs Johannes-Brahms-Gymnasi­um ging, las ich zum ersten Mal Texte vom Bachmann-Wettbewerb. Ich hörte im Deutschunterricht die Autorenlesungen und empfand die Veranstaltung wie einen Mythos. Einmal in Klagenfurt anzutreten war für mich wie für andere Jungen der Gedanke,
    in einem Finalspiel der Fußball-Weltmeisterschaft ein Tor zu schießen: Passieren würde es nie, aber träumen durfte man ja.

    Als ich in Klagenfurt ankam, regnete es dort. In der ersten Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich hatte einen kleinen orangen Stoff­affen dabei und einen Glücksstein, die ich auf meinen Nachttisch legte; ich starrte an die weit entfernte Zimmerdecke, auf der im matten Licht der Straße Geister zu tanzen schienen.

    Eine Redakteurin des ADAC hatte mich kontaktiert – man wollte Fotos für die Kärnten-Ausgabe des ADAC-Reisemagazins machen, Autoren an Kärntner Seen, in sich versunken, schreibend. Wir fuhren um zehn Uhr morgens los, die Redakteurin, ein Fotograf und ich, immer der Sonne nach. Wenn wir einen der Seen erreicht hatten, war die Sonne weg, und es regnete; dann fuhren wir weiter, wieder der Sonne hinterher. Wohin wir auch kamen: Es regnete. Irgendwann saß ich vor einem Gasthof auf einer Bank, sah in den Regen hinaus und dachte: So ist es also, beim Bachmann-Wettbewerb zu sein.

    Am nächsten Tag fand meine Lesung statt. Ich frühstückte, fuhr mit dem Rad zum Landesstudio des ORF, ging in die Maske und hatte das Gefühl, mir gleich in die Hose zu machen. Ich setzte mich auf den Stuhl im Saal, las meinen Text vor und wurde zur Diskussion in die Mitte der Jury gebeten. Ich wusste, dass hier Autoren verbal massakriert worden waren. Kollegen warnten, dass man psychische Schäden davontragen könne.

    Ich sitze also da und sehe, wie die Jurorin ganz rechts, Meike Fessmann, das Wort ergreift. Sie sagt: „Ich kann schon verstehen, dass Ärzte das Bedürfnis haben, von ihrer Arbeit zu schreiben ..."Dann sagt sie: „Prärie-Romantik". Paul Jandl sagt: „Kitsch".

    Manchmal stand ich im Schockraum des Unispitals in Zürich und warte darauf, dass der Hubschrauber landete; passierte das nachts um vier in meinem siebenten Dienst am Stück, reichte meine Energie meistens noch aus, am frühen Morgen im See zu schwimmen und eine Stunde am Computer zu verbringen. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendetwas in meinem Leben mich so angestrengt hätte wie diese Lesung; ich hatte mich nicht ein paar Wochen, nicht ein paar Monate, sondern siebzehn Jahre lang innerlich dar­auf vorbereitet und fühlte mich, als habe mir jemand den Stecker herausgezogen. Ich konnte nicht lachen und nicht heulen; ich saß ganz einfach da, etwas abseits des Trubels, trank einen Schluck und starrte vor mich hin.

    Am Abend vor der Preisverleihung ging ich in einen Club. Ich trank Gin Tonic – einen, den nächsten, irgendwann den dritten, den siebenten, und dann ging ich auf die Tanzfläche und tanzte zwei Stunden lang, wie ich noch nie in meinem Leben getanzt hatte. Ich legte mich völlig verschwitzt ins Bett und verschlief am Morgen, warf meine Sachen in den Koffer und fuhr zur Preisverleihung. Ich sah das alles. Ich sah mich selbst, mein Videoporträt auf der Großbildleinwand im Saal. Ich ging nach vorn und nahm die Preisurkunde entgegen.

    Paul Jandl sagt: Kitsch!

    Am späten Nachmittag marschierte ich eine Stunde lang, bis ich zu einem kleinen Strandbad am Wörthersee kam. Ich zog mich aus, schwamm eine Runde und lief in die Stadt zurück. Die Sonne kam raus. Ich sah zu Boden. Ich trug einen Blumenstrauß in der einen Hand und in der anderen meine nasse Badehose. Am Abend berichtete jemand, ich sei in der Tagesschau gewesen. Wie ich mich fühlte? Unbestimmt. Es brauchte ein bisschen Zeit. Vielleicht war es Glück. Ich kann mich an einen Moment erinnern, als ich mit Burkhard Spinnen vor dem Restaurant stand, in dem wir nach der Preisverleihung Fisch gegessen hatten. Ijoma Mangold von der Zeit gesellte sich hinzu. Er hob den Finger.

    "In Ihrem Videoporträt", sagte er. „Diese Szene, wo Sie in Ihrem Cabrio sitzen."

    "Ja?", sagte ich.

    "Ich finde, da hat noch eine Blondine gefehlt."

    Ich lernte sie zwei Wochen später kennen. Ihr Haar war allerdings schwarz. Vom Bachmannpreis hatte sie nie gehört; sie kam aus Paris und sagte: "Putain, le prix Ingeborg, bei euch gibt's verrückte Sachen."

    Kommentar zum ORF-Sparprogramm:

    Jeder kennt ihn, jeder weiß um seinen Stellenwert. Nicht bloß dass Autoren für dieses Ziel nicht glühen könnten: Wenn es den Bachmann-Preis nicht gäbe, wäre Klagenfurt im Bewusstsein der Öffentlichkeit einer der dunkelsten Flecken.



    Der deutsche Schriftsteller Peter Wawerzinek.

    "Dort niemals baden gehen"
    Peter Wawerzinek, Preisträger 2009

    Neunzehn Jahre vor meinem zweiten Versuch, ein international anerkannter und vielbeachteter Preisträger zu werden, wurde ich noch auf der Straße vor meinem Haus in der Knaackstraße angesprochen. Ich weiß noch, dass ich es eilig hatte, nach oben zu kommen. Ich hatte Nudeln zu köcheln und war nur schnell mal raus Zutaten kaufen, wie man sagt. Ich sah mich unter Zeitdruck von einem riesenhaften Typen, dessen Name ich nur Riese raten wollte, angesprochen, der mir nichts weiter sagte als: Ich habe mich so sehr für dein Buch NIX erwärmt und Chance, dich für den Wettbewerb vorzuschlagen. Drei Wochen Zeit ist da noch. Die würde er mir gern gewähren. Und schwups war der Riese verschwunden, einer von so vielen Passanten, der für den Tag und dar­über hinaus über den Tag ragen bleibt.

    Ich bin nach dem Nudelessen zum Schreiberling Wolfgang Hilbig gelaufen, von dem ich wusste, dass er in der Nähe wohnt. Und schreibt. Und einem immer klar Antwort gibt. Und schon einmal dort gewesen ist. Und erfolgreich war. Preisträger. Er sagte, ich solle besser nur dorthin fahren, wenn ich einen der lukrativen Preise zu erringen mich trauen würde. Alles andere wäre zu vermeiden. Blamage wird dort freizügig ausgeteilt wie Peitschenschläge. Ich würde auf meinen Allerwertesten geplauzt und könnte Gefahr laufen, mich nie mehr davon zu erholen. Es wäre schade um mich und meine mehr als gewöhnungsbedürftige Textkledage.

    Ich dankte ihm. Ich liebäugelte frohgemut mit dem kleinsten Preis von allen. Ich kochte noch zweimal Jagdwurstnudeln und sagte dem Jurymann zu. Wir lachten viel. Wir sagten uns: nein, nicht doch. Das meinen die nicht ernst. Wir Lachenden. Ich war mit Erich Maas in Klagenfurt. Wir hatten gerade lachend einen Verlag gegründet und mehr als zwei lachhafte Bücher nicht herausgegeben. Matthias Baader Holst und sein Buch: Traurig wie Hans Moser im Sperma Weinholds, ja und, mein NIX (was so viel wie NIX von Nixe, also der männliche Nixerich heißen sollte). Nix ist, wie ich mich sah, sehe, sehen werde und mich die Leute sehen sollen. Halb und halb. Wie der Volkslikör im Osten. Halb Bauer. Halb Städter. Halbschlau. Halb doof, halb Mensch. Halb der Natur zugewandt. Halb geistreich. Halbwegs nervend. Halb voll, halb leer.

    Es war alles aufregend. Der Flug allein. Wir wurden zum Schluss in einer kleinen Maschine transportiert. Mit Hellmuth Karasek an Bord, der mir beim Einsteigen schon dreifach an Bord vorhanden schien die Fahrt über, und auch am lautesten einen Start-Ziel-Lauf hinlegte. Spricht, redete und redete und uns auf den letzten hinteren Sitzen verstört nach Schnaps greifen ließ. Uns gegen das laute Getue zu betäuben.

    Wir ließen uns sofort ins Hotel fahren und tranken an der Minibar gegen die Reste des Karasek'schen Redeschwalls an. Wir waren ein Gespann, der Erich Maas und ich. Wir ließen uns von einem DDR2-Fernsehsenderwagen chauffieren, dessen Kraftfahrer wir vor dem Hotel getroffen haben, der abgeschafft werden sollte wie der gesamte Verein. Und nun in Klagenfurt Bericht erstattete. Zum allerletzten, ersten Mal. So benimmt sich die Geschichte gegenüber ihren Exemplaren. Und zum ersten Mal noch einmal Venedig sehen wollte, dann erst den Tod aller Ossis sterben. Und irgendwann wussten wir, dass wir in Österreich waren und nicht zu unserem Vergnügen hier.

    Eins Komma vier Promille

    Wir hatten ein Ziel. Wir hatte uns vorher schon billige Rumänienanzüge in Kreuzberg gekauft, wovon uns sogar die Verkäufer abhalten wollten. Ihr seht so schlimm ossilike aus, wir geben euch hundert Geld extra, wenn ihr was anderes für Klagenfurt anzieht. Wir liebten unser Outfit. Es wird uns den Preis einbringen, sagten wir zu allem entschlossen. Wir statteten uns mit einer Videokamera aus. Der Plan war, immer wenn ich von wem befragt werde, stößt Erich hinzu, filmt die Fragesteller bis in die Nase hinein. Das wird uns Aura und Abstand schaffen. Ich übte, auf jede Frage mit einer Gegenfrage zu antworten. Der Reporter fragt mich: Wie gehen sie mit dem Ostbonus um? Ich antworte: Was heißt denn hier Ostbonus? Der Reporter fragt: Sie sind doch unbekannt im Literaturkreis. Ich sage monoton: Ach wissen Sie, was heißt unbekannt, was Literaturkreis. Und so weiter und so heiter fort.

    Ich habe niemals wieder so gelacht wie damals. Ich lachte, während ich vorlas. Ich wunderte mich, dass niemand merkte, dass ich eins Komma vier bis sechs Promille hatte. Wir durften damals noch beim Vorlesen rauchen. Und Erich konnte die Kamera kaum halten, mich beim Lesen zu filmen, so voller Lachen war er. Und dann konnten sie sich am Ende beim Preisverteilen nicht einigen, ob nun ich oder Marcel Beyer der Dritte sein sollte. Bis dann das Jurymitglied, das dauernd für mich gestimmt hatte, klug nachgab und Marcel die Pforten eröffnete. Zu den Wegen hin, auf denen er mit so vielen anderen Vorlesern traumgewollt wandelt. Ich schoss beim Turnier zwei Tore gegen die Jurymannschaft. Und wir zogen ab. Und wir sagten uns, das war es. Die laden uns nie wieder ein. Die haben wenigstens einmal gesehen, was es sonst in der Literatur ja nicht zu sehen und zu hören gibt. Ein Verleger der Verlierer. Ein lesender Verlierer dazu, der den vierten Platz gewinnt. Typen, von der Szene um Anderson und den DDR-Oberen nicht ernst genommen, noch lange nach dem Mauerfall. Wawerzinek, äfften wir auf dem Nachhauseflug, das ist ein Schauspieler, der spielt nur den Literaten. Der ist doch nicht relevant. Den und seine Kumpanen gibt es nicht.

    Nun ja. Dann waren wir wieder gelandet, mussten jeder wieder für sich unseren Mann in der Familie stehen und Verleger sein wie Erich Maas. Und uns all die Schnorrer vom Hals halten, die da meinten, ich würde nun jeden Monat von Bertelsmann oder aus Klagenfurt einen Scheck über 6000 Mark überwiesen bekommen. Ich blieb eine Weile im Gespräch. Ich konnte den Ruhm auf knapp drei Jahre Lesungen und Honorarforderungen halten. Dann war das ausgestanden, abgekühlt, ausgereizt. Ich verarmte wieder. Ich wurde, was ich vorher schon gewesen bin. Ich musste wieder richtig jobben. Und sah sie alle im TV klug reden. Sie brachten Bücher heraus. Sie wurden besprochen und getätschelt. Selbst Durs Grünbein, der in Klagenfurt un­tergegangen war, hielt sich prächtig aufrecht. Ich verkaufte zum Schluss Bratwürste auf dem Kollwitzplatz an all die Zugezogenen, die es nicht nötig haben, einen Literaturpreis zu gewinnen.

    Neunzehn Jahre später gewann ich mit Erich Maas und Baader-Holst im Kopf beide Pokale. Und ballte still in meiner Jackentasche die kleine Faust wie Angela Merkel auf der Fußballtribüne. Lasst mich, kurz bevor ich 60 Jahre alt werde, Folgendes herzlich offen sagen: so weit nix gut. Klagenfurt hat einen viel zu klaren See. Nichts für mich so ganz und gar von Schmutz, Tang, Schaum­gekräusel im Wasser verwöhnten Jungen von der Ostseewaterkant.

    Ich nahm mir mit dem ersten Tag dort vor, dort niemals je baden zu gehen. Und habe dieses Vorhaben auch nicht gebrochen, nachdem ich beide Pokale gewonnen hatte, also beide hätte mit Wasser füllen und meine Füße darin baden können. Auch die fünf Monate nicht, die ich Stadtschreiber gewesen bin, hat mich je einer im Wasser gesehen. Selbst der gute Gerdi vom ORF, der mich mit dem hochverehrten Kultgestalter der Bachmanntage H. P. Maya zusammengebracht, vorgestellt hat, konnte mich nicht ins Wasser locken.

    Ich ließ den Ironman an meiner Stelle für Fernsehkameras im See aalen. Ich badete heimlich die Kehle mit Abneigung ge­gen das Klarwasser. Ich hielt meiner schmutzigen Ostsee die Treue. Sie wird mich in die Arme nehmen, wenn es einmal so weit ist, ich abgehen muss, das letzte heilige Bad nehmen. Und ich denke tief in mir von dem Gedanken überzeugt: Karasek und Marcel Reich-Ranicki nehmen lieber ein schmuddeliges Ostseebad, als dass man sie in ein so unanständig klares Gewässer je hat hineinspringen sehen und sie so etwas tun niemals sehen wird. Versprochen.

    Kommentar zum ORF-Sparprogramm:

    Vom Wortspiel her hat es einen Reiz, den Bachmannpreis den Bach runtergehen zu lassen. Von der Form her hat es seinen Reiz, sich in den Bachmannpreisverlauf zu stellen, dem Mainstream barfüßig zu widerstehen, breitbeinig, breitschultrig. Denn es geht stets auch darum, aus der Verengung in die Breite zu dehnen, sprich: den Strom Bachmannpreis mit papiernen Schiffchen zu besetzen, die für Bücher, Hörkassetten, Verlage werben und den Veranstaltern nötige Zusatzsummen einfahren. Die Bachmannstelze muss flinker als die Epoche sein. Mit der österreichischen Gemütlichkeit aber werden die schlafenden Seehunde nicht erweckt. Ich bin dafür, den Bachmannwettbewerb unter Artenschutz zu stellen, dementsprechend gehören Unkenrufe, Wolfsgeheul, Krokodilstränen dazu.



    Der deutsche Schriftsteller Tilman Rammstedt.

    "Alle waren nackt!"
    Tilman Rammstedt, Preisträger 2008

    Ich weiß nicht, wie es zu anderen Zeiten in Klagenfurt hergeht, aber während des Bachmann-Wett­lesens 2008 waren dort alle nackt. Das begann schon am Flughafen mit nackten Zollbeamten, ein ebenfalls nackter und zudem noch singender Taxifahrer fuhr mich ins Hotel, wo mich eine nackte Rezeptionistin routiniert in Klagenfurt willkommen hieß, und ich versuchte angestrengt, ihr dabei in die Augen zu sehen, und fühlte mich willkommen.

    Drei Tage lang war ich damals in Klagenfurt, und in diesen drei Tagen habe ich tatsächlich keinen einzigen bekleideten Menschen gesehen. Das verwunderte mich nicht. Es war schließlich meine eigene Entscheidung gewesen. Wenn man sehr aufgeregt sei, helfe es, sich alle anderen nackt vorzustellen, wurde mir vor dem Wettbewerb geraten, und ich war sehr aufgeregt, noch viel aufgeregter als sonst, da kam mir jedes Hilfsmittel gelegen.

    Nur Bruchstücke dieser drei Tage habe ich in klarer Erinnerung. Alles verschwimmt in einem Körpermeer aus hellem Beige und tiefem Braun, aus schwabbelnden Bäuchen, hart erarbeiteten Muskeln, aus Männerbrüsten und Frauenbrüsten in allen Größen und Formen, beschnittenen und unbeschnittenen Literaturbetriebsgliedern, aus Schamhaaren, Rückenhaaren, Pobacken, aus vereinzelten Blinddarmnarben, Intimpiercings und Tätowierungen an äußerst gewagten Stellen von Großkritikern. Und all diese nackten Körper tummelten sich in der Altstadt, am Wörthersee, auf Fahrrädern und Terrassen und natürlich im ORF-Theater. Sie lasen vor und bewerteten und klatschten und tuschelten und smalltalkten und gaben Interviews mit verschränkten Armen vor der baren Brust. Es wurden Visitenkarten getauscht, die man sich aus Ermangelung von Taschen in die Achselhöhle klemmte. Auf den Bäuchen Rotwein­flecke, Knutschflecke, Sonnenbrand. Es wurde gelacht und getanzt, und dazu wippte alles, was nicht fest war, auf und ab, und meine Aufregung wippte auch auf und ab, sie überschlug sich dabei, aber nun war es schon zu spät, nun konnte ich im ganzen aufgeregten Gewippe niemanden schnell noch anziehen, ich musste schließlich selbst vorlesen, im düsteren und schwülen Theater vor eng gefüllten Reihen nackter Leiber, vor einem bizarren Ungetüm mit Hunderten von widersprüchlichen Geschlechtsmerkmalen, das sich mit den Programmheften surrend Luft zufächelte. Ich hörte das leise Klatschen, wenn klebrige Schenkel aneinander schlugen, das Quietschen von Haut auf Plastikbestuhlung, und ich sah lieber nicht von meinem Text auf. Immer klarer wurde mir, dass ich den unsinnigsten aller Ratschläge befolgte, denn egal, wohin ich blickte, entweder sah ich es viel zu gern oder viel zu ungern entblößt, und dann saß ich zwischen den Kritikern, die mich nackt und gewissenhaft auf cremefarbenen Ledersesseln bewerteten. Ich konnte nicht verstehen, was sie sagten, zu abgelenkt war ich von den Schweißtropfen, die sich in ihrer Körperbehaarung verfingen, sich von Brustwarzen stürzten, in Hautfalten versteckten, und irgendwann später bekam ich einen Blumenstrauß überreicht von einem Stadtrat, der, außer einer goldenen Armbanduhr, natürlich auch nichts trug. Ich schaute sehr verkrampft auf diese Uhr und sah doch viel mehr, als ich wollte.

    Ich hörte das leise Klatschen

    Es gibt Fotos davon, auf denen dem Stadtrat noch schnell ein Anzug draufgephotoshoppt wurde, aber ich schwöre, dass er den in Wahrheit nicht trug. Es wurden überhaupt viele Fotos gemacht, und auf allen versuchte ich mich, soweit das ging, hinter dem Blumenstrauß zu verstecken, und ich brauchte eine Zeit, um zu begreifen, warum. Ich war angezogen. Als Einziger in ganz Klagenfurt war ich nicht nackt, und ich schämte mich auf einmal furchtbar. Hastig knöpfte ich mein Hemd auf, streifte meine Hose ab, meine Unterhose, die Schuhe, die Strümpfe. Auch ich war verschwitzt, auch ich klebte, und ich freute mich auf einmal sehr, über den Preis und vor allem darüber, dass die ganze Aufregung nun vorbei war, ich hüpfte vor Freude auf und ab und alles wippte, und alles war auf einmal sehr still.

    Kommentar zum ORF-Sparprogramm:

    Vorschlag zu Güte
    7.30 Disneys Kleine Jonkes
    9.05 Frisch gekocht mit Lutz und Inka
    9.30 Schlosshotel Mora
    10.15 Kommissar Lentz
    11.00 Sibylle und die Liebe
    12.15 Die Landautorin - Um Leben und Tod (von und mit Georg Klein)
    13.30 Die Jan Peter Bremer Show
    15.00 Kathrin - Folge deinem Herzen
    16.00 CSI Glaser
    17.05 Bewusst gesund (Gast im Studio: Dr. Uwe Tellkamp)
    18.00 Land und Leute (Heute: Kärnten und seine Literaturwettbewerbe)
    18.01 Lotto 350.000 aus 80.000.000 mit Joker

    (Album, DER STANDARD, 29./30.6.2013)

    Olga Martynowa, geb. 1962, ist russische Ly­rikerin und Essayistin. Zuletzt erschien der Roman "Mörikes Schlüsselbein"(Droschl, 2013).

    Maja Haderlap, geb.1961, lebt in Klagenfurt und ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien "Engel des Vergessens" (Wallenstein, 2011).

    Peter Wawerzinek, geb. 1954 in Rostock, ist deutscher Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Roman "Rabenliebe"(Galiani, 2010).

    Tilman Rammstedt, geb. 1975 in Bielefeld, ist deutscher Schriftsteller. Zuletzt erschien der Roman "Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters" (DuMont, 2012).

    Jens Petersen, geb. 1976, ist deutscher Arzt und Schriftsteller, er lebt in Zürich. Sein Roman "Die Haushälterin" erschien 2005 (DVA).

    Kommentare

    Provinzielle Erpressung

    Bachmannpreis? Nein danke!

    Schwerpunkt zum Bachmann-Preis auf derStandard.at/etat

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