In den Urlaub mit meinen deinen Kindern

    Kolumne30. Juni 2013, 17:00
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    Was Eltern und Erziehungsberechtigte tun können, damit der Urlaub in der Patchwork-Familie besser funktioniert

    Eine Leserin schreibt:
    Die Sommerferien stehen vor der Tür, und ich überlege, wohin wir als Familie verreisen könnten. Dabei wird mein Wunsch nach Erholung immer mehr zum Albtraum. Mein Mann ist mit mir in zweiter Ehe verheiratet. Er hatte bereits eine sieben Jahre alte Tochter, mit der ich mich gut verstand. Jetzt ist sie 17.

    Mein Mann und seine Ex-Frau haben die gemeinsame Obsorge. Schon vor längerer Zeit wurde seine Tochter eifersüchtig und versuchte alles, damit ihre Eltern Zeit miteinander verbringen. Sie war darin sehr kreativ. Ihre Eltern vertrauten ihr bedingungslos. Sie begann die Situation so zu ­manipulieren, dass meine Existenz in Schwierigkeiten geriet.

    Wir haben auch zwei eigene Kinder. Immer, wenn die große Tochter mit ihren Geschwistern zusammen ist, erklärt sie ihnen, dass sie die Einzige ist, die geliebt wird. Ich versuche, verständnisvoll zu reagieren. Es ist zunehmend schwierig für mich. Die Ex-Frau meines Mannes war bislang eine Freundin, aber versucht nun, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu bekommen, und drängt ihn, sich mehr auf seine Tochter zu konzentrieren.

    Meinem Mann fällt es schwer, die Situation aus meiner Sicht zu sehen. So vergingen die Jahre, und wir haben bis heute keine gute Lösung für die "Meine-deine-Kinder-Situation" gefunden. Wir haben einige sehr anstrengende Ferien durchgestanden, mit einem zornigen Teenager-Mädchen, das glaubt, dass ihr Vater sie zurückweist. Sie verlangt all unsere Aufmerksamkeit. Sie will nicht verstehen, dass andere auch Aufmerksamkeit brauchen.

    Das Mädchen ist jetzt älter und reflektiert ihre Situation. Sie ist sich bewusst, dass ihr Vater immer noch gerne ihr Vater sein möchte. Mein Mann ist der Überzeugung, dass wir ein sehr harmonisches Familienleben führen. Ich fühle mich allerdings nicht wohl ­dabei. Wir haben eine Prinzessin, die nach ihrem Thron verlangt. So schaue ich den Ferien entgegen, die wenig mit Entspannung und Harmonie zu tun haben werden. Danach werde ich als müde Hausfrau zurückkommen und von einem besseren Urlaub träumen.

    Ich frage mich, ob Sie einen Vorschlag haben, wie wir fünf zusammen angenehme Ferien verbringen können. Vielleicht bin auch ich unfähig, dem Mädchen zu verzeihen, das alles versucht, um im Mittelpunkt der Familie zu stehen. Ich weiß, dass es jetzt vielleicht zu spät ist. Ich denke viel über einen Erholungsurlaub nach. Ich brauche Zeit, um meine Batterien wieder aufzuladen, und einen Ort, an dem ich Teil der Gemeinschaft bin und mich sicher fühle.

    Jesper Juul antwortet:
    Ich bin wieder einmal überrascht, wie Frauen so lange Zeit in Stille leiden können. Es macht Sinn, dass Sie einen Albtraumurlaub befürchten. Die erste Ehe Ihres Mannes hat zu viel Macht über Ihre Familie. Ich bin mir nicht sicher, warum sich Ihre Stieftochter so destruktiv verhält. Was ich allerdings weiß, ist, dass Sie und Ihr Mann die Verantwortung dafür tragen. Ihr Mann, weil er keine klare Entscheidung trifft, und Sie, weil Sie so lange zugesehen haben. Tatsache ist, dass Ihr Mann die Hauptrolle spielt. Er hat sicher genug plausible Erklärungen dafür.

    Seine Loyalität sollte zum Besten für alle Beteiligten sein – inklusiver seiner großen Tochter. Ich sage deshalb Loyalität und nicht Liebe, weil Liebe eine Emotion ist. Solange diese Emotion nicht in liebevolle Handlungen verwandelt wird, ist sie von keinem Wert. Natürlich ist die Versuchung groß, seine Tochter für diese Situation verantwortlich zu machen und ihm zu vergeben. Die Realität ist aber, dass er sie zurückgewiesen hat und Sie ihn. Hätte mich ihr Mann kontaktiert, hätte er die gleiche Rückmeldung bekommen.

    Ich hätte ihn nie dazu ermutigt, seine Tochter zurückzuweisen. Anstatt dessen hätte ich ihn dazu ermutigt, auch Sie miteinzubeziehen und eine ernste Unterhaltung mit seiner Tochter zu führen, um mit ihr über ihre künftige Rolle in der Familie zu sprechen. So wie ich es sehe, gibt es zwei Möglichkeiten, um Ihren Mann weiterhin zu lieben und dabei den Respekt vor sich selbst zu behalten. Sie können ihm mitteilen, was Sie mir erzählt haben, und ihn bitten, seiner Tochter zu sagen, dass sie nicht mit in die gemeinsamen Familienferien kommt.

    Wichtig dabei ist, dass er ihr sagt, dass er das nicht Ihnen zuliebe tut. Sollte er das nicht machen wollen, so können Sie die Familie aufteilen (was in der Realität bereits über Jahre der Fall ist). Sie fahren mit Ihren zwei Kindern auf Urlaub, und er kann, so er das will, die Ferien mit seiner Tochter verbringen.

    Ich könnte mir vorstellen, dass Sie ahnen, dass Ihnen meine Antwort die Möglichkeit gibt, sich als Opfer zu verstehen. Falls das so ist, schlage ich vor, dass Sie ehrlich zu sich sind und sich fragen: "Bin ich bereit, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, und kann ich aufhören, meinem Mann die Schuld zu geben, dass er mich und unsere Kinder im Stich gelassen hat?"

    Wenn Sie diese Frage mit Ja beantworten können, dann ist ihr Problem gelöst. Wenn Sie mit Vielleicht oder Nein antworten, dann ist es vielleicht notwendig, nicht mehr darüber nachzudenken, wohin Sie bald auf Urlaub fahren möchten, sondern damit anzufangen, sich Gedanken darüber zu machen, wo Sie den Rest Ihres ­Lebens verbringen möchten. (Jesper Juul, derStandard.at, 30.6.2013)

    Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

    Auf derStandard.at/familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen zu Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Die nächste Kolumne lesen Sie am 14. Juli 2013.

    • Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.
      foto: family lab

      Familientherapeut, Autor und derStandard.at-Kolumnist Jesper Juul.

    • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
      foto: family lab

      Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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