Systembedingtes Ignorieren

28. Juni 2013, 19:42
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"Das gibt es nur bei Auctionata", informiert das Berliner Start-up auf seiner Website. Auch dass nicht alle Gebote anerkannt werden?

Josef Schütz ist ein Kunsthändler der besonders schaffigen Art. Punkto Akquisitionen umfasst sein Jagdrevier nicht nur Europa, nebstbei kuratiert und organisiert er Museumsausstellungen in Peking oder Schanghai. Dazu pflegt er Beziehungen zur chinesischen High Society: etwa als Wedding-Planner für Ma Wei, eine Enkelin des letzten Kaisers von China, die ihrem Zhang Zi-Ang am 1. Juni in der Kapelle des Schlosses Schönbrunn das Jawort gab.

Ende vergangener Woche stand für Schütz business as usual auf dem Programm und führte ihn dies nach Berlin. Konkret zu dem in der deutschen E-Commerce-Branche gefeierten und von Alexander Zacke gegründeten Unternehmen Auctionata (siehe DER STANDARD, 14.12.2012, "Berliner Fantastilliarden").

Im Angebot der neunten, mit exakt 100 "Gemälden, Papierarbeiten und Skulpturen" bestückten Live-Auktion, hatte er zwei Kunstwerke erspäht, die sein Interesse weckten: einerseits Lot 51, ein um 1905 datiertes Gemälde von Carl Moll (Wiener Villa, 34.000-70.000 Euro), andererseits Lot 57, das von Auctionata als "Sensationsfund" vermarktete Aquarell von Egon Schiele (Liegende Frau, 1-2 Mio. Euro); gemessen am sonst zur Versteigerung gelangenden Varia-Spektrum also quasi die einzigen beiden Highlights.

Wiewohl es sich um eine Online-Auktion handelte, im Zuge deren verifizierte Bieter ihre Gebote schriftlich oder telefonisch deponieren konnten, entschied sich Schütz für die historisch verbürgte Anwesenheit: als einer der wenigen, wenn nicht als einziger Saalbieter, ausgestattet mit Täfelchen "Nummer 1". Jedenfalls war Sitzfleisch gefragt.

Um 18 Uhr startete im hauseigenen Fernsehstudio am Kurfürstendamm die via Livestream übertragene Sause, der 792 registrierte - nicht zu verwechseln mit verifizierten - und von Auctionata auch als "Teilnehmer" bezeichnete User aus 46 Ländern beiwohnten. So souverän Auktionator Fabian Markus durch den knapp vierstündigen Marathon führte, spannende Momente blieben die Ausnahme.

Ein "unterernährter Löwe"

Trotz interaktiver Dramaturgie, wenn etwa Skulpturen wie jene des französischen Bildhauers Antoine-Louis Barye von allen Seiten abgefilmt wurden. Ein prachtvoll schreitender und in Bronze gegossener Leu, der aufgrund Baryes so akribisch modellierten Körperbaus ganz spontan als "unterernährter Löwe" apostrophiert wurde. Der Entwurf für dieses legendäre Exemplar, für das bei internationalen Auktionen "bis zu 68.000 Euro" erzielt würden, datiert laut Auctionata aus dem Jahr 1841, die "Ausführung etwas später". Eine elegante Untertreibung, worauf genau genommen schon der Start- (3000 Euro) bzw. Schätzpreis (6000) verweist.

Blättert man in der zugehörigen Fachliteratur (The Founders and Editors of the Barye Bronzes, J. G. Reinis, New York, 2007) und vergleicht die Marke des Gießers ("F. Barbedienne, Fondeur, Paris"), dann wurde dieser Löwe nach Baryes Tod 1875, nämlich Anfang des 20. Jahrhunderts ausgeführt. Einerlei, der Raubkater fand für 3000 Euro (exklusive Aufgeld) bei Maria in Zypern eine neue Heimat. Bei Auctionata nennt man die Bieter mit Vornamen und Landes- bzw. Regionbezeichnung, es sei denn, man schickte beispielsweise Operator Victoria an die Front der Telefonleitung.

Demgemäß warfen sich für Carl Molls Wiener Villa übers Telefon etwa Alexander (Giese, Wien) oder Karl (Pallauf, Wien) ins Bietergetümmel und lüpfte Josef Schütz beherzt sein Taferl. 240.000 Euro lautete das Gebot eines ungenannten Telefonbieters, Schütz bot, wie er im Gespräch glaubhaft erklärt, schließlich 250.000, die jedoch aufgrund der systembedingten Bietschritte nicht anerkannt wurden.

Den Zuschlag erteilte Auctionata also bei 240.000 Euro (297.120 Euro inklusive Aufgeld) dem anonymen Victoria-Schützling, bei dem es sich laut Standard-Recherchen um Alois Wienerroither handelt. Ja, bestätigt der Kunsthändler (Wien / New York), er sei der siegreiche Käufer dieser zuletzt in einer süddeutschen Privatsammlung beheimateten artifiziellen "Immobilie". Den spannendsten Moment des Abends sollte ein vor kurzem entdecktes Aquarell Egon Schieles bringen (siehe DER STANDARD, 9./10.3.2013, "Millionenschweres Wiener Altpapier").

Das Werk datiere aus dem Jahr 1916, auch wenn andere eher 1915 lesen. Egal, Jane Kallir (Galerie St. Etienne) bestätigte nicht nur die Echtheit, sondern präsentierte das auf bis zu zwei Millionen Euro geschätzte Blatt sogar im Zuge der Art Basel. Ja, erklärt die international anerkannte Schiele-Expertin außerdem, sie sei mit einem Prozentsatz am Verkaufserlös beteiligt.

Die Anzahl der Bieter hielt sich Freitagabend jedoch eher in Grenzen: Bereits beim fünften Gebot setzte sich "Karl aus Wien" bei 1,5 Millionen Euro gegen einen ebenfalls übers Telefon bietenden Kontrahenten aus Berlin durch. Für den Kaufpreis von 1,82 Millionen erwarb es Karl Pallauf im Auf- trag eines Wiener Sammlers und stockte die Auctionata-Bilanz auf 2,54 Bruttomillionen auf. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 29./30.6.2013)

  • 1914 skizzierte Egon Schiele diese "Liegende", eine Zeichnung, die 1916 in der Zeitschrift "Die Graphischen Künste" publiziert wurde.
    foto: repro/die graphischen künste, 1916

    1914 skizzierte Egon Schiele diese "Liegende", eine Zeichnung, die 1916 in der Zeitschrift "Die Graphischen Künste" publiziert wurde.

  • Laut Jane Kallir habe Schiele die Zeichnung nachträglich aquarelliert und die international anerkannte Schiele-Expertin datiert das Werk nun in das Jahr 1916.
    foto: klas förster/auctionata

    Laut Jane Kallir habe Schiele die Zeichnung nachträglich aquarelliert und die international anerkannte Schiele-Expertin datiert das Werk nun in das Jahr 1916.

  • Detail der Signatur und Datierung: 1916 sagt Jane Kallir, andere meinen "1915" sei wahrscheinlicher.
    foto: detail/auctionata

    Detail der Signatur und Datierung: 1916 sagt Jane Kallir, andere meinen "1915" sei wahrscheinlicher.

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