14-Jähriger bleibt angeklagt - Jugendlicher laut Gutachten nicht schuldfähig

28. Juni 2013, 12:28
1623 Postings

Gefängnisverantwortliche hatten auf Freilassung des Vergewaltigungsopfers gedrängt, Gericht wartete jedoch ab

Jener 14-Jährige, der Anfang Mai in einer U-Haft-Zelle in der Justizanstalt Josefstadt vergewaltigt wurde, muss sich am 22. Juli am Straflandesgericht Wien vor einem Schöffensenat verantworten. Das bestätigte Gerichtssprecherin Christina Salzborn Freitagnachmittag auf derStandard.at-Anfrage. Dem Jugendlichen wird, gemeinsam mit drei anderen Burschen, versuchter Raub vorgeworfen.

Ein psychiatrisches Gutachten erklärt den Burschen für nicht fähig, das Unrecht der Tat einzusehen. Sollte das Gericht das Gutachten für nachvollziehbar halten, ist der Jugendliche freizusprechen.

Wie sich am Freitag herausstellte, war der Jugendliche zudem nicht haftfähig. Er war laut einem Bericht der "Salzburger Nachrichten" vor seinem Haftprüfungstermin von der Wiener Jugendgerichtshilfe eingehend untersucht worden. Bei dieser Untersuchung wurde festgestellt, dass der Jugendliche keine normale geistige Entwicklung aufweist. Demnach war er bei der Untersuchung nicht in der Lage, zusammenhängende Sätze zu sprechen. Zudem habe er Schwierigkeiten gehabt, Fragen zu beantworten. Er sei auch nicht in der Lage gewesen, das Unrecht der ihm zur Last gelegten Tat - Handyraub mit einem Messer - richtig einzuschätzen. Experten sollen ihm die Reife eines Zehnjährigen und einen IQ von 70 attestiert haben.

Mehrere Gefängnisverantwortliche hätten auf die verminderte Haftfähigkeit des Buben hingewiesen und dessen Entlassung gefordert. Bis es so weit kam, sei jedoch mehr als ein Monat verstrichen.

"Traumatisiert durch die Haft"

Die Haft habe eine massiv traumatisierende Wirkung auf den Buben gehabt, zitierte Ö1 den Gefängnislehrer, der angibt, auf die vermutete Strafunfähigkeit hingewiesen zu haben. Eine Woche nach der Festnahme sei dann die schwere Misshandlung durch Zellengenossen passiert.

Die für die Haftfrage zuständige Jugendrichterin hatte Tatbegehungsgefahr gesehen und sich vom Hinweis auf die mangelnde Haftfähigkeit anfangs nicht überzeugen lassen. Erst das psychiatrische Gutachten, das dem 14-Jährigen mangelnde Schuldfähigkeit attestierte, bewirkte die Enthaftung des Jugendlichen.

Gutachterin: "Haftbedingungen immer schlechter"

Jene Psychiaterin, die das Gutachten über den Jugendlichen erstellt hat, das schließlich zu dessen Enthaftung führte, will sich im derStandard.at-Gespräch nicht zum aktuellen Fall äußern, übt jedoch herbe Kritik an den Zuständen im Jugendvollzug der Justizanstalt Josefstadt. "Die Zustände dort werden immer schlechter", sagt Gabriele Wörgötter. Vier Jugendliche in eine Zelle zu sperren sei unverantwortlich. "Jugendliche, die ohnehin schon zu Gewalt neigen, zeigen dann weitere Aggressionen gegenüber schwächeren Insassen."

In Viererzellen komme es zu "einer völlig anderen Dynamik" als in Zellen mit nur zwei Insassen, so Wörgötter. "Das sind ja alles schwierige Jugendliche - mit psychischen Problemen, mit Aggressionen. Wenn sie dann noch unter mangelnder Beschäftigung leiden, wirkt sich das zusätzlich aus." Die Psychiaterin kritisiert zudem den Personalmangel in den Gefängnissen und die Tatsache, dass Jugendliche mit Erwachsenen zusammengesperrt werden. "Im Jugendgerichtshof war das Personal auf Jugendliche eingestellt, die Betreuer hatten eine entsprechende Routine."

Dass die Bedingungen in der Josefstadt nicht angemessen seien, "das sagen alle seit Jahren", so Wörgötter. "Aber offensichtlich muss erst etwas passieren, damit man endlich reagiert." (Maria Sterkl, derStandard.at, 28.6.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

     Rudert zurück: Justizministerin Karl.

Share if you care.