EU-Beitritt: Heim zum alten Onkel, der ähnliche Probleme hat

27. Juni 2013, 18:54
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Das Europabild in Kroatien ist stark von der Abgrenzung zum Balkan und der ehemaligen Zugehörigkeit zur Monarchie Österreich-Ungarn geprägt

Wir haben nichts Besonderes zu feiern, wir kehren nach Hause zurück", schrieb ein kroatischer Manager kürzlich über den EU-Beitritt und verwies damit auf die Zeit bis 1918, als Kroatien Teil der Monarchie war. Das Bild von der "Rückkehr nach Europa" ist weit verbreitet. Aber was bedeutet es eigentlich? "Alle Staaten, in denen wir nach Österreich-Ungarn integriert waren, hatten ein niedrigeres Ausmaß an Organisation und ein höheres Ausmaß an Korruption", meint der Politologe Davor Gjenero. "Die Leute glauben, dass der EU-Beitritt weniger Korruption und mehr Rechtsstaatlichkeit bringt."

Mit dem Motiv der "Heimkehr" ist nicht nur die Glorifizierung von Österreich-Ungarn verbunden, das viele Kroaten tatsächlich bereits vor 1918 lieber hinter sich gelassen hätten, sondern auch der Abgrenzungsversuch vom "Balkan". "Das Stereotyp, dass der Rest des Balkans das Gegenteil von Europa ist", so Gjenero. Damit wird auch die Ablehnung von Jugoslawien oft argumentiert. In der kroatischen Verfassung ist die Bildung eines neuen Jugoslawiens oder eines Balkanstaates ausdrücklich untersagt. Das dominante Europabild ist jedenfalls eng mit dem Selbstbild einer "ureuropäischen Nation" verbunden.

Unser Volk der Heiligen

"Erniedrigend ist, dass wir die Führer der Europäischen Union darum bitten müssen, in die Europäische Union aufgenommen zu werden, während es gerade umgekehrt sein sollte. Sie sollen uns darum bitten! Uns Kroaten, unser Volk der Heiligen, unser Volk der Helden, unser Volk der Genies sollten sie bitten, dieser Gesellschaft beizutreten, die in allem unter unserem Niveau ist, außer in Bezug auf Technik", wetterte der kroatische Priester Anto Baković 2002.

Die "Heimkehr zur Stiefmutter Europa" sei zuweilen im Konflikt mit dem kroatischen Nationalismus gestanden, erklärt der Osijeker Historiker Damir Jurić. "Warum sollte man sich nach 20 Jahren hart errungener Unabhängigkeit wieder einer supranationalen Gemeinschaft annähern?", beschreibt er den Identitätskonflikt. Noch dazu würden kroatische Nationalisten den europäischen Liberalismus ablehnen. "Die Mehrheit der Kroaten sieht Europa aber als ihren natürlichen Lebensraum", so Jurić. "Die EU wird aber nicht mehr als reiches Wirtschafts-Machtzentrum geschätzt, eher als ein 'alter Onkel', der selbst, ähnlich wie Kroatien, in Schwierigkeiten steckt", meint er. "Europa ist für die Kroaten heute mehr ein kulturelles Phänomen, ähnlich wie ein Sitzplatz in einem Opernhaus, wo man eben dabei sein muss, auch wenn die Vorstellung vielleicht langweilig ist."

Jurić verweist auf ein anderes Motiv, das das Verhältnis zwischen Kroatien und Europa prägte: Das Gefühl, nach den Eroberungen der Osmanen im Stich gelassen worden zu sein. "Briefe, in denen man Adelige und Würdenträger in Europa um Hilfe bat, sind beinahe zu einer eigenen Kategorie in der kroatischen Literatur geworden", so Jurić. Tatsächlich entstand im 15. und 16. Jahrhundert wegen der Expansion der Osmanen in Kroatien ein ausgeprägt europäisches Bewusstsein. "Man erwartete Hilfe vom christlichen Europa und war über die Uneinigkeit der europäischen Länder im Kampf gegen das Osmanische Reich entsetzt", so der Historiker Ivan Filipović.

Integration der Monarchie

In der Gründerzeit sei "europäisch" dann eine Notwendigkeit gewesen, die Monarchie zu integrieren. "Wien war eine europäische Metropole und strahlte europäische Kultur über die kleineren Zentren an der Peripherie, etwa Zagreb oder Lemberg, aus", so Filipović. Das Elitenbewusstsein der Zagreber beschreibt der Linke Miroslav Krleža 1926 in dem Essay "Über die kleinbürgerliche Liebe zum Kroatentum": "Man sitzt auf der Terrasse des Zagreber Hotels Esplanade, spricht Deutsch und Französisch, fühlt sich wie in Europa, dieses 'kleinbürgerliche Kroatentum' ist selbstverliebt und überzeugt, ein europäisches Kulturvolk westlicher Provenienz zu sein, welches nichts Gemeinsames mit den östlichen jugoslawischen Provinzen hat. Und nur einhundert Meter weiter lebt die Bevölkerung derselben Stadt in denselben Bedingungen, die im armen Bosnien herrschen." (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 28.6.2013)

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    Wie sich die Kroaten unter anderem Präsentieren: Folklore und eine Reproduktion der Zagreber St-Markus-Kirche im Mini-Europapark in Brüssel. Der EU-Beitritt Kroatiens am 1. Juli wird von vielen Leuten als etwas Selbstverständliches betrachtet.

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