Ein Park wird zum Irrgarten der türkischen Politik

Reportage28. Juni 2013, 05:30
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Der Gezi-Park ist zur Grünanlage für die Polizei geworden - "Taksim-Plattform"-Architekt Eyüp Muhçu über den Starrsinn Erdogans

21 Lindenbäume, sieben bis acht Meter hoch, 52 Ahornbäume, 36 Magnolien, 20 Oleanderbüsche, 5000 Rosen, gezählte 202.000 Saisonblumen und dutzende Quadratmeter Rollrasen, schon fertig grün und gestutzt: In den knapp zwei Wochen seit der gewaltsamen Räumung des Gezi-Parks im Zentrum von Istanbul hat sich die regierende konservativ-islamische Partei ordentlich ins Zeug gelegt.

Für eine Stadtverwaltung, die den Park erst jahrelang vergammeln ließ und Ende Mai dann mit Bulldozern anrückte, ist es ein sozusagen revolutionärer Sinneswandel. Vom Plattmacher zum Baum- und Blumenfreund. Nur hinein darf man in den Gezi-Park nicht. Drinnen sitzen Polizisten auf Plastiksesseln, schauen in ihre Smartphones und halten Wache.

"Ich frage sie jeden Tag: Ist der Park heute offen?", erzählt eine junge Istanbulerin spöttisch. Eine andere kommt immer mit ihren Freundinnen, bepackt mit Rucksäcken und Taschen. "Nur für ein kleines Picknick", sagen sie. Dann schnalzt der Polizist hinter dem Absperrband mit der Zunge, was so viel heißt wie: Sicher nicht. Ginge die Polizei weg, käme sofort das rebellische junge Volk zurück, das Tayyip Erdogan und dessen großen Bauplänen den Kampf angesagt hat. Ein ziemliches Dilemma für den Regierungschef.

"Wir haben den Park und den Platz gewonnen", sagt Eyüp Muhçu, der Präsident der Architektenkammer von Istanbul und einer der Vertreter der Protestbewegung, die den türkischen Premier zum Nachgeben gezwungen hat. "Jetzt geht es um die Grundrechte der Menschen. Für die Türkei hat am 1. Juni eine neue Ära begonnen, nicht nur mit dem Taksim-Platz und dem Gezi-Park. In allen Städten des Landes sind die Plätze zurückgewonnen worden."

Am 1. Juni hatte die türkische Polizei in Istanbul den Regierungsgegnern den Park und den Platz überlassen. Zu groß war die Empörung in der Türkei und weltweit über die Brutalität der Polizei gegen die Demonstranten, deren Zahl nur immer weiter anschwoll. Zehn Tage lang war kein Uniformierter auf dem riesigen Areal des Taksim zu sehen. Ein unerhörtes Ereignis in einem Land, wo die Armee dreimal geputscht hat und die Polizei in den zurückliegenden Jahren zur Stütze der Regierungspartei wurde. Am 11. Juni kam sie zurück, räumte zuerst den Taksim-Platz, vier Tage später den Park.

Eyüp Muhçu, der Architekt, der seit zwei Jahren gegen die Umbaupläne ankämpfte, flog mit anderen Vertretern der Plattform Taksim Solidarität nach Ankara und legte dem stellvertretenden Regierungschef Bülent Arinc eine Liste mit Forderungen vor; Erdogan war zu dieser Zeit im Ausland. "Arinç fand die Vorschläge sehr vernünftig", erzählt Muhçu - Stopp der Bauprojekte, Verbot des Einsatzes chemischer Kampfmittel, Konsequenzen für die Verantwortlichen der Polizeieinsätze. Auch Staatschef Abdullah Gül rief zum Dialog auf, erinnert Muhçu. "Doch als Erdogan von seinem Auslandsbesuch zurückkam, haben sie ihre Ansichten revidiert."

Gericht begann Anhörungen

Diese Woche erst griff Erdogan die Taksim-Plattform in einer Rede an und warf ihr ein unverschämtes Verhalten vor. "Ihr solltet euren Platz kennen", sagte der Premier, erbost über die Forderungen der Protestbewegung. Ein Verwaltungsgericht in Istanbul begann am Mittwoch gleichwohl mit den Anhörungen zum Baustopp. Anwälte und Medien erwarten eine Entscheidung gegen Erdogans Baupläne. Der Gezi-Park sei in der Stadtplanung als Grünzone und als historisches Gut ausgewiesen, sagt Muhçu, und das Volk wolle es auch so.

"Millionen von Menschen sind in den Städten des Landes zusammengekommen, sie versammeln sich in Parks und gehen auf die Straße", stellt Muhçu fest. "Die Bürger sagen: Ich bin hier, ich existiere, ihr könnt keine Entscheidungen über meinen Kopf hinweg treffen." Die Regierungspartei, vor allem aber Erdogan, tut sich schwer mit dieser Herausforderung. "Er versteht es nicht, und er will es nicht verstehen", sagt Muhçu. "Er erfindet Szenarien, er sagt, die Proteste seien vom Ausland gesteuert, und dann glaubt er selbst daran. Wir haben es mit einer psychologischen Situation zu tun. Erdogan hat sich abgeschottet." (Markus Bernath, DER STANDARD, 28.6.2013)

  • Kampf um vier Hektar Grün und Bürgerrechte: Die Istanbuler Stadtverwaltung hat ihr Herz für den Gezi-Park entdeckt. Die Polizei muss ihn bewachen.
    foto: standard/markus bernath

    Kampf um vier Hektar Grün und Bürgerrechte: Die Istanbuler Stadtverwaltung hat ihr Herz für den Gezi-Park entdeckt. Die Polizei muss ihn bewachen.

  • "Die Bürger sagen, ich bin hier, ich existiere": Architektenkammerchef Eyüp Muhçu.
    foto: standard/markus bernath

    "Die Bürger sagen, ich bin hier, ich existiere": Architektenkammerchef Eyüp Muhçu.

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