Wenn Fischlarven wandern, weisen Sonne und Geruchssinn den Weg

30. Juni 2013, 19:55
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Internationales Forscherteam untersuchte Navigation von Korallenriff-Fischen im australischen Great Barrier Reef

Wenn es in Australien Sommer wird, begeben sich im Great Barrier Reef Abermillionen Fischlarven auf Wanderschaft. Ähnlich wie die Lachse zum Laichen an die Mündung ihres Geburtsflusses wandern, kehren die Korallenriff-Fische an ihr Heimatriff zurück. Lange Zeit war unklar, wie die jungen Fische ihren Weg finden oder ob sie womöglich nur durch Stürme und Strömungen und ohne eigenes Zutun an einem zufälligen Riff landen. Nun konnte eine internationale Forschergruppe das Rätsel um das Wanderverhalten der Fische klären: Es zeigte sich, dass sich die Larven im offenen Ozean ihren Weg erschnüffeln und darüber hinaus die Sonne als Kompass nutzen.

Nur wenige Wochen, nachdem die Larven im Riff geschlüpft sind, werden sie nachts ins freie Wasser gespült. Lange ging die Wissenschaft davon aus, es sei reiner Zufall, wohin die Strömungen und Stürme die nur wenige Millimeter großen Larven verdriften. Um ihrem Wanderungsverhalten auf die Spur zu kommen, untersuchte Gabriele Gerlach von der Universität Oldenburg die Larven mittels genetischer Marker. Auf diese Weise konnte sie zeigen: Ein Großteil der Larven wurde mehr als 15 Kilometer weit verdriftet. 60 Prozent siedeln sich aber auch wieder an ihren Heimat-Riffs an. Diese Rückkehr sei vor allem bei sehr isolierten Riffen überlebenswichtig, so die Biologin. Ohne einen Orientierungssinn würden die Larven im Ozean zu Grunde gehen. Wie also finden die marinen Winzlinge zurück zu ihrem Zuhause?

Heimatriffe erschnüffeln

Zusammen mit Michael Kingsford von der James Cook University in Townsville, Australien, und Jelle Atema (Boston University, USA) fand Gerlach heraus, dass die Larven sich am Geruch orientieren können. Sie können ihr Riff bis zu einer Entfernung von zwei Kilometern erschnüffeln – eine beachtliche Fähigkeit, doch in den Weiten des Ozeans hilft sie nicht weiter. Strömungsmodelle zeigen: Die meisten Larven werden in der ersten Woche um mehr als zehn Kilometer in Richtung Nordwesten verdriftet.

Henrik Mouritsen, ebenfalls von der Universität Oldenburg, wagte als Experte für Navigation von Vögeln daher eine Hypothese. Möglicherweise, so Mouritsen, nutzten die Korallenriff-Fische – ähnlich wie Zugvögel – einen Sonnenkompass. Die Wissenschafter hatten nämlich beobachtet, dass die Larven auf ihrem Weg zurück zum Geburtsriff stets in südsüdöstlicher Richtung schwammen – vorausgesetzt, der Himmel war klar und die Sonne sichtbar. „Diese Richtung wäre optimal, um gegen die vorherrschende Nordnordwest-Strömung anzuschwimmen und zum Heimatriff zu gelangen", so Mouritsen.

Fischlarven haben eine innere Uhr

Der Sonnenstand verändert sich mit dem täglichen Weg der Sonne über den Himmel. Um die Sonne als Kompass nutzen zu können, müssten also die Fischlarven über eine innere Uhr verfügen. Um dies zu überprüfen, veränderte Mouritsen in einem Laborexperiment für einige Tiere den Wechsel von Licht und Dunkelheit. So stellte er ihren Tag-Nacht-Rhythmus um sechs Stunden vor. Das Ergebnis: Sie schwammen in die entgegengesetzte Richtung – ein deutlicher Beleg für die innere Uhr, die den Larven die Navigation ermöglicht.

So konnten die Wissenschafter zeigen: Die Korallenriff-Larven verfügen also wirklich über eine zeitkompensierte Sonnenkompass-Orientierung, und sie nutzen diese, Gerlach und Mouritsen gehen davon aus, dass die herausgearbeiteten Fähigkeiten nicht nur bei Korallenfischen vorkommen können, sondern bei vielen marinen Lebewesen. (red, derStandard.at, 29.06.2013)

  • Winzige Korallenriff-Larven nutzen vor allem die Sonne und ihre innere Uhr, um zu ihrem Heimatriff zurückzufinden.
    foto: andreas bally

    Winzige Korallenriff-Larven nutzen vor allem die Sonne und ihre innere Uhr, um zu ihrem Heimatriff zurückzufinden.

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