Kroatien: Journalismus zwischen Mut und Meinungsschwäche

Video27. Juni 2013, 15:03
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Vor dem EU-Beitritt des Landes war Korrespondent Norbert Mappes-Niediek zu Gast im Medienquartett auf Okto

Am 1. Juli wird Kroatien Mitglied in der Europäischen Union. Rechtzeitig davor widmete sich das Medienquartett auf Okto dem südlichen Nachbarland und nahm die Situation der Medien dort unter die Lupe. Südosteuropa-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek gab Auskunft über den kleinen Zeitungsmarkt eines kleinen Landes, in dem auch WAZ und Styria aktiv sind, den hohen Druck auf Journalisten, deren Meinungsschwäche und die Crux des Journalismus mit der dritten Gewalt im Staate. Die Fragen stellten Rubina Möhring, Präsidentin von Reporter ohne Grenzen Österreich und derStandard.at-Bloggerin, "Falter"-Chefredakteur Armin Thurnher und Philosophin Herlinde Pauer-Studer.

"Heroische Phase"

Norbert Mappes-Niediek über die "heroische Phase des Journalismus" - auch ohne den Einfluss der EU, vor der Südosterweiterungswelle - gegen Ende der Tudjman-Zeit in den späten 90er Jahren: "In einer Zeit als in Kroatien autoritäre Strukturen herrschten, waren es tatsächlich Journalisten, die als erste es gewagt haben, von Dingen zu sprechen, die in der Öffentlichkeit tabu waren." Tudjmans "Regime wurde gegen Ende seines Lebens eigentlich immer autoritärer und an den Rändern auch krimineller, es gab eine ganze Reihe von Profiteuren, die sich Hoffnungen machen durften, zum Mainstream zu gehören und die künftigen Rockefellers Kroatiens zu sein. Diese Leute haben Macht ausgeübt und es gab mutige Journalisten, die sich dem entgegen gestellt haben." Vor allem in Printmedien. "Blattmacher haben den Journalisten, die wirklich recherchieren wollten, freie Hand gegeben. Dazu gehörte viel Mut. Viele sind auch attackiert worden, verprügelt worden. Bis in die jüngste Zeit hat es solche Fälle gegeben."

Meinungsschwacher Journalismus

Mappes-Niediek attestierte dem kroatischen Journalismus generell Meinungsschwäche. Der Respekt vor der individuellen Meinung sei nicht sehr ausgeprägt. "Viele Journalisten kommentieren nicht."

Über viele Jahre hätten Medien Enthüllungsjournalismus praktiziert. Doch das habe sich ziemlich totgelaufen, sagte Mappes-Niediek, weil die Enthüllungen folgenlos blieben. Niemand habe gesagt, das stimmt jetzt oder das stimmt nicht. "Man wollte Vierte Gewalt sein, aber es gab keine Dritte Gewalt."

"Der kroatische Leser liest immer zwischen den Zeilen", alles sei verhandelbar, schilderte Mappes-Niediek. Thurnher: "Wir haben die österreichische Krankheit in kroatischer Gestalt vor uns".

Es gibt kein einziges Leitmedium, keine einzige Qualitätszeitung, so Mappes-Niediek. "Es fehlt der gedankliche Leitwolf." Die digitale Öffentlichkeit setze heimlich Themen. Von Bloggern und Internetportalen kämen die originellen Gedanken, die auf "verschlungenen Pfaden" in die öffentliche Diskussion geraten. "Das Fernsehen ist nicht der große Meinungsmacher."

Qualität und Langeweile

Trotz starker intellektueller Szene, akademischer Schichten und philosophischer Kultur gibt es in Kroatien kein Bürgertum, das Qualitätsblätter einfordert, erklärte Mappes-Niediek. "Selbst wenn Sie in dieser Szene eine hundertprozentige Auslastung zustande bekämen für ihr Medium, dann würde sich das noch nicht tragen." Es gab eine Qualitätszeitung, die war auch vorwiegend langweilig, so Mappes-Niediek. "Qualität und Langeweile sind zwei Dinge die eng miteinander zusammen hängen und oft verwechselt werden." Dieses Blatt hätte sich boulevardisieren müssen weil es sämtliche Leser verloren hat. (Sabine Bürger, derStandard.at, 26.6.2013)

Norbert Mappes-Niediek ist Korrespondent in Südosteuropa. Er arbeitet für Medien in Deutschland, den Niederlanden und Österreich. Über Vorurteile gegenüber Roma schrieb er 2012 das Buch "Arme Roma, böse Zigeuner".

Nachlese

Kroatien: Wer länger schreibt, zahlt weniger Steuer

derStandard.at/International: Schwerpunkt Kroatien

Link

okto.tv: Medienquartett

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